Körpersignale Warum der Duft des Partners Stress auslösen kann

Eine Frau liegt im Bett, die Bettdecke halb über ihr Gesicht gezogen
Ein vertrauter Geruch in der Bettdecke – und der Puls steigt. Forschende fanden Hinweise darauf, dass unbewusst wahrgenommener Partnerduft Stressreaktionen verstärken kann
© Peter Glass / plainpicture
Eine Freiburger Studie zeigt: Wird der Körpergeruch der Partnerperson unbewusst wahrgenommen, steigen Herzfrequenz und Stressempfinden – besonders, wenn er als attraktiv gilt

Der Duft eines geliebten Menschen kann trösten. Ein getragenes T-Shirt auf dem Kopfkissen, der Geruch am Hals, wenn man sich umarmt. Viele verbinden damit Nähe, Vertrautheit, ein Gefühl von Ankommen. Es scheint fast selbstverständlich: Was uns emotional nah ist, beruhigt auch den Körper.

Doch ganz so eindeutig ist es offenbar nicht. Ein Forschungsteam der Universität Freiburg um den Psychologen Markus Heinrichs hat untersucht, wie der unbewusst wahrgenommene Körpergeruch der Partnerin oder des Partners auf Stressreaktionen wirkt. Das Ergebnis überrascht: Statt zu dämpfen, verstärkte der vertraute Duft bei vielen Teilnehmenden die subjektive Anspannung und ließ die Herzfrequenz steigen. Veröffentlicht wurden die Daten in Scientific Reports.

Ein Stresstest im Duftlabor

An der Studie nahmen 179 Erwachsene teil, 91 Frauen und 88 Männer, alle in festen heterosexuellen Beziehungen. In einem streng kontrollierten Laborversuch wurden sie einem standardisierten psychosozialen Stresstest ausgesetzt, einer Situation also, die typischerweise Nervosität auslöst, etwa durch Leistungsdruck oder soziale Bewertung.

Währenddessen strömte über ein computergesteuertes Olfaktometer – ein Gerät zur präzisen Geruchsdarbietung – entweder der natürliche Körpergeruch der jeweiligen Partnerperson oder ein neutraler Kontrollgeruch in die Atemluft. Entscheidend: Die Düfte wurden so schwach dosiert, dass niemand bewusst sagen konnte, was in der Luft lag oder ob überhaupt etwas zu riechen war.

Dennoch reagierte ihr Körper. Sowohl Männer als auch Frauen berichteten beim Partnergeruch von einem stärkeren Belastungsgefühl, besonders zu Beginn des Tests. Parallel dazu stieg die Herzfrequenz deutlich an, ein klassisches Zeichen physiologischer Aktivierung. Je attraktiver die Teilnehmenden den Duft ihrer Partnerin oder ihres Partners im Nachhinein bewerteten, desto ausgeprägter fiel dieser Anstieg aus.

Beim Stresshormon Cortisol hingegen zeigte sich kein Unterschied zwischen Partner- und Kontrollgeruch. Die Reaktion spielte sich also vor allem auf der Ebene subjektiver Wahrnehmung und autonomer Erregung ab, nicht im hormonellen Antwortsystem des Körpers.

"Wir hatten zunächst erwartet, dass der Geruch ähnlich wie die physische Nähe bei Paaren stresspuffernd wirkt", erklärt Studienleiter Heinrichs. "Stattdessen zeigt die Auswertung der Daten, dass er das Stressempfinden nicht reduziert, sondern Nervosität und Aufregung noch steigert."

Wenn Erregung für Nervosität gehalten wird

Wie lässt sich das erklären? Eine Möglichkeit: Der Körper reagiert auf den vertrauten Duft nicht mit einer Alarmreaktion, sondern mit sexueller Erregung, die im Kontext eines Belastungstests fehlgedeutet wird. "Sowohl Stress als auch sexuelle Erregung gehen mit einer erhöhten Herzrate einher", sagt Mitautor Johannes T. Doerflinger. In einer Prüfungssituation könnte eine solche Aktivierung als Nervosität interpretiert werden, obwohl sie physiologisch aus einem anderen Motiv gespeist wird.

Tatsächlich ist Geruch eng mit emotionalen und motivationalen Systemen des Gehirns verknüpft. Anders als visuelle oder akustische Reize nimmt er einen direkten Weg ins limbische System, jene Region, die unter anderem an Erinnerung, Bindung und sexueller Motivation beteiligt ist. Dass ein vertrauter Duft körperliche Aktivierung auslösen kann, passt daher ins Bild.

Evolutionär sinnvoll?

Eine zweite Deutung zielt weniger auf Fehlwahrnehmung als auf Funktion. Aus evolutionärer Sicht könnte es durchaus sinnvoll sein, dass der Körper in Gegenwart der Partnerperson stärker in Bereitschaft geht. Wer in einer potenziell bedrohlichen Situation nicht nur für sich selbst, sondern auch für eine nahestehende Person Verantwortung trägt, mobilisiert womöglich zusätzliche Ressourcen – sei es, um sie zu schützen oder um sich besonders leistungsfähig zu zeigen.

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Die Ergebnisse widersprechen damit der verbreiteten Annahme, der Geruch eines geliebten Menschen wirke automatisch beruhigend. Offenbar ersetzt der olfaktorische Hinweis auf Nähe nicht die tatsächliche physische Präsenz. Unter Bedingungen erhöhter Belastung kann er sogar das Gegenteil bewirken.

Gleichzeitig relativiert die Studie einfache Zuschreibungen. Der vertraute Duft ist kein Sedativum. Er ist ein Signal. Und Signale aktivieren – manchmal sanft, manchmal deutlich.

Vielleicht liegt gerade darin seine eigentliche Bedeutung: Der Geruch eines nahen Menschen erinnert den Körper nicht nur an Geborgenheit, sondern auch an Bindung, Begehren, Verantwortung. Nähe ist selten neutral. Sie bewegt uns. Mitunter schneller, als wir es bewusst bemerken.