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Gewalt gegen LGBTQIA+ Was tun, wenn man Opfer von Gewalt oder Diskriminierung wird? Eine Expertin gibt Rat

Gewalt gegen LGBTQIA+: Was tun, wenn man Opfer von Gewalt oder Diskriminierung wird? Eine Expertin gibt Rat
© Inga Isreal
Verbale und körperliche Angriffe gegen queere Menschen sind erschreckend verbreitet. Die Expertin Iris Hannig erklärt, welche Folgen trans*- und homophobe Gewalt hat, wo Betroffene Hilfe finden – und was in einer Notsituation am ehesten hilft

GEO WISSEN: Frau Hannig, es kommt immer wieder vor, dass queere Menschen beleidigt, bepöbelt, bedroht oder gar körperlich angegriffen werden. Was macht solche Gewalterfahrungen besonders belastend?

Iris Hannig: Hassgewalt richtet sich gegen die Identität der Betroffenen, dagegen, dass sie so sind, wie sie sind. In dieser Weise Ablehnung zu erleben, ist für das eigene Selbstwertgefühl enorm bedrückend. Und kann tiefe seelische Spuren hinterlassen.
Hinzu kommt: Attacken gegen einzelne Schwule, Lesben oder trans* Personen wirken immer auch in die Community hinein, sind letztlich ein Angriff auf die gesamte Gruppe. Mit der Folge, dass sich Angst davor breitmachen kann, in der Öffentlichkeit sein Sosein zu leben, etwa Zärtlichkeiten vor den Augen anderer auszutauschen. Manche sind derart eingeschüchtert, dass sie bestimmte Orte meiden oder lieber das Fahrrad anstelle öffentlicher Verkehrsmittel nehmen, weil sie fürchten: Hier bin ich nicht sicher.

Wie häufig sind solche hassmotivierten Übergriffe?

Eine groß angelegte, repräsentative Erhebung unter queeren Menschen aus dem Jahr 2020 ergab: Mehr als 60 Prozent der 16 000 Befragten in Deutschland hatten im Laufe des zurückliegendes Jahres verbale Gewalt erfahren, sind etwa beleidigt oder bedroht worden. 13 Prozent wurden über einen Zeitraum von fünf Jahren sogar Opfer eines körperlichen Angriffs, etwa von Tritten oder Schlägen – mehr als jede und jeder Zehnte! Das sind erschütternde Zahlen.

Nehmen sie zu?

Die Kriminalstatistik verzeichnet seit einigen Jahren einen Anstieg von Hassdelikten gegenüber Mitgliedern der LGBTQIA+-Communities, allerdings liegt das zum Teil auch daran, dass inzwischen mehr Fälle spezifischer erfasst werden. Zugleich ist das Dunkelfeld riesig: Nur 13 Prozent der Opfer von körperlicher Gewalt melden sich überhaupt bei der Polizei, einige fürchten, auch dort diskriminiert zu werden. Hinzu kommen all die Delikte, die keinen Straftatbestand erfüllen – und die gleichwohl massive, gesundheitliche Auswirkungen auf Betroffene haben können. Zumal, wenn sie wiederholt stattfinden, sich summieren. Nicht selten müssen queere Personen solche Mikro-Angriffe – ständige Belästigungen, Beleidigungen, Provokationen – ja schon in jungen Jahren über sich ergehen lassen.

Iris Hannig ist Fachärztin für Psychiatrie, Psycho- und Traumatherapie und leitet die Opferhilfe Hamburg. Als Beraterin steht sie mit ihrem Team Betroffenen von Gewalttaten und Unfällen zur Seite
Iris Hannig ist Fachärztin für Psychiatrie, Psycho- und Traumatherapie und leitet die Opferhilfe Hamburg. Als Beraterin steht sie mit ihrem Team Betroffenen von Gewalttaten und Unfällen zur Seite
© Iris Hannig

Stumpft man da nicht irgendwann ab?

Eher kann das Gegenteil der Fall sein. Ich erinnere mich an einen schwulen Mann, der in fürchterlicher Weise von Hooligans angegriffen wurde: Wie aus dem Nichts schubsten und bespuckten die Täter ihn an einer U-Bahn-Haltestelle, zerrissen sein T-Shirt, beleidigten und schubsten ihn. Der Mann hatte bereits in seiner Jugend Erfahrungen mit Mobbing und Ausgrenzung gemacht. Nun kam durch den Angriff das verstörende Gefühl hinzu: Meine Biografie holt mich immer wieder ein, ich bin dazu verdammt, Opfer zu sein. Das quälte ihn sehr.

Wie helfen Sie Menschen, die derart Traumatisches erlebt haben?

Ein erster Schritt ist, gemeinsam festzuhalten: Das war eine schreckliche, furchteinflößende, schwierige, gefährliche Situation – welche Vokabeln auch immer für Betroffene in diesem Moment passen. Nicht selten geschieht es, dass Freunde oder Verwandte beschwichtigend reagieren, weil sie beruhigen wollen: Ach, so schlimm war das doch gar nicht. Eine Haltung, die zusätzlich zermürbt. Viele haben während des Angriffs einen für sie beschämenden Kontrollverlust erlebt, sie hätten sich gerne gewehrt, schlagfertig das Wort ergriffen, doch sie waren erstarrt, sprachlos. Dann klären wir auf: Das ist eine typische, reflexhafte Stressantwort des Körpers – eine normale Reaktion auf ein unnormales Ereignis. So gut wie niemand kann, wenn er bedroht wird, frei agieren.

So wird das Unbegreifliche etwas begreiflicher?

Genau. Nicht zuletzt geht es immer auch darum, Betroffenen möglichst viel von ihrer Autonomie, ihrer Entscheidungskompetenz zurückzugeben: Wollen sie mit anderen über das Erlebte reden? Okay. Wollen sie es nur in einem geschützten Raum teilen? Ebenso okay. Möchten sie damit an die Presse gehen, zur Polizei, einen Täter konfrontieren? Was immer es ist: Wir unterstützen dich und stehen hinter dir, die Kontrolle liegt bei dir. Diese Botschaft vermitteln wir.

Was empfehlen Sie, wenn man erwägt, zur Polizei zu gehen?

In jedem Fall sollte man sich vor diesem Schritt möglichst an eine Beratungsstelle wenden, also etwa an eine Opferhilfe-Stelle oder spezifische LGBTQIA+-Einrichtung. Zwar gibt es bei den Polizeibehörden mitunter auch speziell geschulte Ansprechpersonen, aber auf einer Polizeiwache danach zu fragen kann als erster Schritt bereits sehr schwierig sein. In einer akuten Notsituation gilt natürlich wie immer: Notruf 110.

Was kommt auf jemanden zu, der Anzeige erstattet?

Bei einem strafrechtlich relevanten Delikt muss man zu einer sehr detaillierten Aussage in der Lage sein, haarklein berichten: Wo war die Hand in welchem Moment? Was habe ich gemacht? Was hatte ich an? Gerade bei sexualisierter Gewalt können solche Befragungen sehr belastend sein, die Scham, das Gefühl der Ohmacht wieder hochkommen. Daher versuchen wir, im Vorfeld etwa bestimmte Techniken zur Selbstberuhigung einzuüben. Auch zu erörtern: Wie stabil bin ich? Möchte ich mir diesen Weg zumuten? Kommt es zu einem Gerichtsprozess, kann auch der noch einmal sehr heftige Gefühle auslösen – etwa wenn man einer Täterin oder einem Täter wieder gegenübersteht.

Was hilft in solchen Momenten?

Es kann zumindest wertvoll sein, um diese Trigger-Reize zu wissen, darum, was sie auszulösen imstande sind. Dann mag es leichter fallen, die belastenden Emotionen einzuordnen. Typischerweise ist der Ort des Verbrechens auch so ein Trigger: Kehrt ein Opfer zurück, kann das Kopfkino wieder losgehen, die Panik. Um sich darauf vorzubereiten, arbeiten wir in der traumatherapeutischen Begleitung häufig mit Imaginationen. Ich ermutige etwa dazu, sich genau vorzustellen, wie es wäre, dem Peiniger wieder zu begegnen: Was möchte ich dann denken? Neulich sagte eine Klientin zu mir: Dann kann ich gar nichts mehr denken. Eben. Deswegen ist es nützlich, diese Gedanken vorab zu fassen. Vielleicht würde ich gern sagen: „Tu das nie wieder!“ Oder: „Ich bin fertig mit dir! Ich wehre mich!“ Großartige Gedanken.

Opfer von Hassgewalt haben oft einen für sie beschämenden Kontrollverlust erlebt. Ihnen Autonomie zurückzugeben ist ein Ziel der therapeutischen Begleitung
Opfer von Hassgewalt haben oft einen für sie beschämenden Kontrollverlust erlebt. Ihnen Autonomie zurückzugeben ist ein Ziel der therapeutischen Begleitung
© Inga Israel

Wie kann man sich als queere Person auf mögliche Angriffe vorbereiten?

Alles, was mich als potenzielles Opfer wehrhafter macht, ist hilfreich: zum Beispiel ein Selbstverteidungskurs – ganz unabhängig davon, ob ich das Erlernte in einer Notsituation anwenden kann oder nicht. Denn oft verändert sich auch die mentale Haltung: Wenn ich mich selbst wehrhafter fühle, trete ich anders auf, behaupte mich besser. Aus meiner langjährigen Erfahrung sage ich Ihnen: Täter spüren das. Wer verinnerlicht hat, dass er sich wehren kann und darf – ob verbal oder körperlich –, ist weniger Opfer. Dazu gehört auch, sich bestimmter Gefahren bewusst zu sein.

Zum Beispiel?

Riskante Situationen kann es beispielsweise auch innerhalb der Community geben. So kommt es durchaus vor, dass etwa Jugendliche – zumal, wenn sie unerfahren sind – auf der Suche nach sexuellen Kontakten von Älteren schlichtweg ausgenutzt, ja vergewaltigt werden. Womöglich Einzelfälle, aber sie geben Anlass, wachsam zu sein: Mit wem treffe ich mich? Wie gut kenne ich meine Sexpartner? In welchem Setting begegnen wir uns? Gewalt in diesem Kontext ist zwar nicht hassmotiviert, kann aber natürlich ähnliche traumatische Folgen haben.

Wie sollte ich mich als Zeuge eines trans*- oder homofeindlichen Angriffs verhalten?

Das Allerwichtigste ist, sich selbst nicht in Gefahr zu bringen. Sich auch einzugestehen, dass man ebenso unter Stress steht, gegebenenfalls überfordert ist. Ich empfehle, sich klar zu positionieren – im Rahmen der eigenen Handlungsmöglichkeiten. Einen Pöbler in der U-Bahn etwa laut und unmissverständlich anzugehen: „Hey, lassen Sie das! Ich ziehe die Notbremse, wenn Sie nicht aufhören!“ Als Zeuge wie als Opfer kann es sehr effektiv sein, Umstehende möglichst konkret einzubeziehen: „Sie da in der roten Jacke mit der blauen Mütze – helfen Sie mir! Sie sehen doch, dass das nicht in Ordnung ist!“ Eine Unterstützung ist es auch, eine Tat mit dem Handy zu filmen – allein schon, weil es dann Beweismaterial gibt.

Lässt sich Gewalt gegen queere Menschen eindämmen?

Fakt ist, dass es eine gewisse Zahl an Alltagsrassisten gibt, die Minderheiten als Zielscheibe ihrer Agressionen betrachten. Bestimmten Tätern und Täterinnen mit überwiegend rechtsextremer Gesinnung gelten queere Personen quasi als vogelfrei, allein der Anblick einer Dragqueen oder trans* Frau kann sie motivieren, brutal anzugreifen.
Dem können wir uns nicht entschieden genug entgegenstellen: mit Institutionen und Behörden, die entsprechend sensibilisiert für derartige Delikte sind. Mit einer breiten Öffentlichkeit, die – wo immer möglich – zum Ausdruck bringt: In unserer Gesellschaft gibt es keine Toleranz von Hass und Gewalt!

Wo finde ich Hilfe?

Folgende Auswahl von Beratungsangeboten bietet anonym und kostenlos Unterstützung. Dort sind geschulte Menschen zu erreichen, die gemeinsam mit Betroffenen überlegen, welche Maßnahmen in einer individuellen Situation am besten helfen könnten oder welche Expert*innen es noch gibt.

  • Das "Hilfe-Telefon sexueller Missbrauch" ist die bundesweite, kostenfreie und anonyme Anlaufstelle für Betroffene sexueller Gewalt, für Angehörige sowie Personen aus dem sozialen Umfeld: anrufen-hilft.de
  • Das Team des Krisen- und Informationstelefons "Rosa Strippe" bietet schnell und unkompliziert Unterstützung für LGBTQIA+-Personen und deren Familien. Kontakt und Beratung sind auch per E-Mail möglich: rosastrippe.net
  • Die Beratungsstelle "Basis Praevent" ist spezialisiert auf Unterstützung von Jungen, Männern und trans* Personen, die Opfer sexualisierter Gewalt geworden sind: basis-praevent.de
  • Die Beratungsstelle "Gewaltfrei leben" richtet ihr Angebot vor allem an Lesben, trans* Personen und queere Menschen jeden Alters: gewaltfreileben.org
  • Das "Magnus Hirschfeld Centrum" in Hamburg bietet seit Jahrzehnten vielfältige Beratung, unter anderem unter spezifischen Telefonnummern: mhc-hh.de
  • Ausführliche Informationen sowie einen Überblick zu den polizeilichen Ansprechpersonen für LGBTQIA+ in allen Bundesländern führt das Angebot von "100 Prozent Mensch" zusammen: 100mensch.de/kampagnen/zeig-sie-an
Erschienen in GEO WISSEN Extra "Sei, wer Du bist!" (2022)

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