Pflanzen sind keineswegs passive Wesen, die alles erdulden. Attacken von hungrigen Tieren etwa sind sie nicht schutzlos ausgeliefert. Im Gegenteil: Sie verfügen über ein bemerkenswertes Arsenal an Abwehrmaßnahmen. Manche produzieren bittere oder giftige Chemikalien, die Blätter für Insekten ungenießbar machen. Andere rufen gewissermaßen um Hilfe: Nagen Raupen ein Stück Grün an, setzen die Gewächse Duftstoffe frei, die Feinde der Angreifer herbeilocken. Zum Beispiel parasitische Wespen, die ihre Eier in die gefräßigen Insekten legen - zum Verderben der Wirte. Wieder andere Gewächse wappnen sich mit Dornen, um Schäden zu minimieren.
Eine besonders elegante Strategie blieb jedoch lange unbemerkt: Pflanzen können schlicht zur falschen Zeit wachsen – und so dem Angriff zahlreicher kleiner Münder entgehen.
Genau hier setzt eine neue, groß angelegte Studie aus mitteleuropäischen Eichenwäldern an, mithilfe von Radaraufnahmen der Sentinel-1-Mission, für die eine Reihe von Satelliten in 700 Kilometern Höhe über der Erdoberfläche kreisen. Über fünf Jahre hinweg verfolgte ein Forschungsteam um Soumen Mallick von der Universität Würzburg die Entwicklung von Baumkronen auf einer Fläche von rund 2.400 Quadratkilometern in Süddeutschland. Dabei zeigte sich ein überraschendes Muster: Bäume, die in einem Jahr stark von Insekten angefressen wurden, trieben im darauffolgenden Frühjahr ihre Blätter später aus – im Schnitt um etwa drei Tage. Zumindest belegen die Daten der Studie diesen statistischen Zusammenhang.
Die Verzögerung klingt nach einer unwesentlichen Abweichung, hat aber Folgen. Denn viele pflanzenfressende Insekten – insbesondere Raupen – sind zeitlich eng auf den Austrieb junger, nährstoffreicher Blätter eingestellt. Verschiebt sich dieser Moment, schlüpfen die Larven zu früh und finden keine geeignete Nahrung. Die Studie zeigt, dass eine Verzögerung von nur wenigen Tagen die Attacken im Jahr danach durchschnittlich um mehr als die Hälfte reduzieren kann. Denn: Früh schlüpfende Larven verhungern oder entwickeln sich schlechter – gut für die Pflanzen.
Damit rückt eine Form der Abwehr in den Fokus, die man als „zeitliche Flucht“ bezeichnen könnte: Statt sich chemisch oder physisch zu verteidigen, entziehen sich Pflanzen ihren Feinden durch eine zeitliche Umstellung. Diese Strategie ergänzt bekannte Mechanismen und kann unter bestimmten Bedingungen sogar mindestens genauso wirksam sein wie etwa das klassische chemische Abwehrarsenal.
Die Ergebnisse werfen auch ein neues Licht auf eine offene Frage der Klimaforschung
Bemerkenswert ist zudem, dass dieser Effekt auch unter Extrembedingungen zu wirken scheint. Trotz der Massenvermehrungen eines bestimmten Schwammspinners verschaffte die Taktik den Pflanzen einen Vorteil: Später austreibende Bäume trugen auch dann weniger Schäden davon.
Offenbar handelt es sich nicht nur um eine kurzfristige Reaktion einzelner Bäume. Sondern möglicherweise um eine Anpassung über ganze Landschaften hinweg. Besonders stark war die Verzögerung des Blattaustriebs nämlich dort, wo sie den größten Nutzen brachte, wo also ein späterer Austrieb den Fraß besonders effektiv eindämmte. Das spricht dafür, dass sich dieser Trick im Laufe der Evolution unter dem Druck von Pflanzenfressern geformt haben könnte.
Die Ergebnisse werfen auch ein neues Licht auf eine offene Frage der Klimaforschung. Schon lange ist bekannt, dass der Blattaustrieb im Frühling wegen der steigenden Temperaturen früher eintritt – allerdings nicht so früh, wie von Forschenden erwartet. Die neue Studie liefert eine plausible Erklärung: Zwei gegensätzliche Kräfte wirken auf die Bäume ein. Während die Erderwärmung einen früheren Austrieb begünstigt, scheint die Gefräßigkeit der Insekten das Gegenteil zu bewirken: Im Terminkalender der Gewächse verschiebt sich sich der Austrieb weiter nach hinten.
Für die Vorhersage zukünftiger Waldentwicklung bedeutet das: Die Begutachtung des Klimas allein reicht nicht aus. Wer verstehen will, wie Wälder auf den globalen Wandel reagieren, muss auch die komplexen Wechselwirkungen zwischen Pflanzen und ihren Konsumenten berücksichtigen. Wann die Bäume ihre Blätter austreiben, ist Teil eines fein abgestimmten ökologischen Miteinanders – eines, das über Wachstum, Überleben und womöglich das Wohl ganzer Ökosysteme entscheidet.