Aufregung um den Wal "Tierschutz hat im Rechtsextremismus Tradition"

TikTok-Account von Danny Hilse alias Danny.firstclass
Hat sein Herz für Wale entdeckt: Danny Hilse, alias "Danny Firstclass", war im vergangenen Jahr noch Mitorganisator des rechtsradikalen Protestbündnisses "Gemeinsam für Deutschland" (GfD), dessen Demonstrationen vom Verfassungsschutz beobachtet wurden
Rechtsextreme instrumentalisieren die vermeintliche Walrettung für ihre Zwecke, sagt Florian Teller von der Fachstelle Radikalisierungsprävention und Engagement im Naturschutz

GEO: Herr Teller, zum privaten Wal-"Rettungs"-Team gehören nach Recherchen der "ZEIT" mindestens zwei Menschen aus dem rechten Spektrum. Hat Sie das überrascht?

Florian Teller: Nein, es gab schon vor dieser Initiative ein Video im TV-Kanal des rechtsextremen "Compact"-Magazins, mit dem Titel: "Öko-Industrie will Wal schlachten!" Es hat uns auch deshalb nicht überrascht, weil die Rechte ständig auf der Suche nach emotionalen Themen ist, die die Leute bewegen, die ein Potenzial haben, die Gesellschaft zu polarisieren. Um damit Desinformation zu betreiben und Verschwörungserzählungen zu verbreiten. Dieses Muster sehen wir jetzt auch beim Wal.

Und das geht mit Tierschutzthemen besonders gut?

Wir haben das mal in einer Broschüre auf den Punkt gebracht: "Tierschutz hat im Rechtsextremismus Tradition. Das liegt nicht daran, dass Rechtsextreme ein besonders großes Herz für Tiere hätten, sondern an der problemlosen Instrumentalisierung des Themas." Tierschutz liegt vielen am Herzen, Tierschutz emotionalisiert. Auch wenn bestimmte Tiere den Menschen mehr am Herzen liegen als andere, zum Beispiel die 100 Millionen Tiere, die täglich geschlachtet werden. Es ist wie bei der Windkraft: Die Rechtsextremen instrumentalisieren die Aufregung für ihre Zwecke.

Welche?

Es geht darum, öffentliche Institutionen, aber auch die Forschung, renommierte Expertinnen und Experten zu diskreditieren. Einerseits wird der Regierung in Mecklenburg-Vorpommern vorgeworfen, sie wolle den Wal sterben lassen oder ihn sogar schlachten, um mit ihm Geld zu verdienen. Andererseits werden Naturschutzorganisationen wie Greenpeace und Forschende wie Professor Burkard Baschek, der Leiter des Meeresmuseums in Stralsund, diskreditiert. Bis hin zu Morddrohungen.

In den Kommentaren zum "Compact"-Video ist zu lesen: "Alles, was die Deutschen glücklich machen würde, lassen unsere Politiker sterben. Weil sie Deutschland hassen", "Erst Timmy, und die Nächsten sind wir alle", oder "Deutschland wird gerade abgewrackt". Wie ordnen Sie das ein?

Rechtsextreme versuchen, Politik im vorpolitischen Raum zu machen, um den Diskurs nach rechts zu verschieben. Sie nennen das Metapolitik. Sie versuchen, gefestigte demokratische Strukturen zu erschüttern, um die Gesellschaft bereit zu machen für einen rechten Umsturz oder eine völkische Revolution. Diese Strategie sehen wir auch bei der Windkraft, beim Thema Wölfe oder Moore. Der Wal ist letzten Endes nur eine große Projektionsfläche.

Interessanterweise widersprechen sich die Aussagen der "Compact"-Filmer. Zum einen beklagen sie, dass für den Wal zu wenig getan werde. Einige Minuten später im Video beklagen sie die große Aufmerksamkeit für den Wal, während gleichzeitig niemand die migrantische Gewalt in Deutschland beachte. Da wird dann wieder versucht, das Lieblingsthema der Rechten, Migration, mit aktuellen Themen zu verknüpfen.

Aber was soll das heißen, "Deutschland wird gerade abgewrackt"?

Normalerweise erleben wir Wale als schöne Tiere. Und nun liegt einer krank und sterbend vor einer Ostseeinsel. Solche Bilder werden missbraucht, um schiefe Vergleiche zu machen. Da sind die Rechtsextremen ja nicht die Einzigen. Es gab kürzlich einen Kommentar in "Bild", in dem die Autorin den Wal mit der schwerfälligen Bürokratie in Deutschland verglich. Der Wal muss für alles Mögliche herhalten. Er kann sich ja nicht wehren.

Der wissenschaftliche Konsens zum Vorgehen beim Wal lautete: Wir sollten den Wal in Ruhe lassen. Hätte der Umwelt- und Landwirtschaftsminister von Mecklenburg-Vorpommern, Till Backhaus, der Privatinitiative das Feld überlassen dürfen?

Auf gar keinen Fall. Das ist wirklich ein Problem, wenn die Politik die Meinung renommierter Expertinnen und Experten nicht akzeptieren kann oder will. Diese Privatleute bringen ja, so wie ich das Medienberichten entnehme, keine besondere Expertise mit – sind aber andererseits zum Teil rechtsextrem oder zumindest nach rechts offen. Mit so einem Schritt normalisiert man rechtsextremes Gedankengut. An der Stelle zieht sich die Demokratie zurück, während rechtsextreme Aktivisten das Thema für ihre Berichterstattung ausschlachten und sich zu "Walrettern" stilisieren.

Natürlich sympathisieren nicht alle Wal-Aktivistinnen und -Aktivisten mit dem rechten Spektrum. Viele werden es schlicht unerträglich finden, dem Wal wochenlang beim Sterben zuzusehen.

Viele Menschen sind einfach bewegt vom Schicksal des Wals. Das ist ja vollkommen nachvollziehbar. Auch Kritik am Regierungshandeln, an dem Vorgehen von NGOs oder von Forschenden und Expertinnen ist grundsätzlich legitim. Bei dieser privaten Rettungsinitiative ist das aber anders gelagert. Ich vergleiche das mit der Klimadebatte: Wenn die überwiegende Mehrheit der Forschenden vom menschengemachten Klimawandel überzeugt ist, wäre es ein Problem, wenn die Politik auf den kleineren Teil hörte, der daran zweifelt.

Bei der Frage des menschengemachten Klimawandels gibt es große Einigkeit in der Wissenschaft. Wie viele Tage oder Wochen der Wal noch lebt, ist dagegen vergleichsweise unklar. Können Sie verstehen, dass Menschen, die politisch nicht rechts stehen, sich einer Gruppe anschließen, die Rettung verspricht – egal, wer da mitmacht?

Ja, das kann ich verstehen. Und das ist etwas, das uns im Naturschutz immer wieder begegnet. Dass Menschen sich Sorgen um die Natur, um die Umwelt machen, einfach nur schnell aktiv werden wollen. Ich warne nur davor zu glauben, dass Natur- und Umweltschutz, oder eben auch so eine "Walrettung", unpolitische Themen seien. Wenn Menschen erklären, es gehe doch nur darum, Vögel zu retten, da könnten doch alle mitmachen, auch Rechtsextreme – dann normalisieren sie deren Ideologie. Zweitens führt ein solches Vorgehen dazu, dass Menschen ausgeschlossen werden, die von rechten Feindbildern betroffen sind. Wer von Rechtsextremen bedroht wird, kann sich nicht gemeinsam mit ihnen engagieren. 

Florian Teller ist Referent Kommunikation bei FARN – Fachstelle Radikalisierungsprävention und Engagement im Naturschutz. Im Jahr 2017 von den NaturFreunden Deutschlands und der Naturfreundejugend Deutschlands gegründet, klären die Mitarbeitenden über historische und aktuelle Verknüpfungen des deutschen Natur- und Umweltschutzes mit extrem rechten und völkischen Strömungen auf und beraten Akteurinnen und Akteure im Natur- und Umweltschutz.