Im Jahr 1831 Unglück mit Folgen: Als die Broughton Suspension Bridge in den Irwell krachte

Die Broughton Suspension Bridge 1883, Jahrzehnte nach ihrem Einsturz 1831
In der Region Manchester wurde in der ersten Hälfte des 19. Jahrhundert eine moderne Ketten-Hängebrücke errichtet: die Broughton Suspension Bridge. Kein Jahrzehnt nach ihrer Eröffnung stürzte sie ein. Kurz darauf wurde sie wieder aufgebaut (hier 1883)
© Alamy Stock Photos / mauritius images
Als Soldaten 1831 über eine Brücke in England marschierten, brach diese zusammen. Die Katastrophe schrieb Geschichte und prägt Regeln für das Überqueren solcher Bauwerke bis heute

Die Anwohnerinnen und Anwohner in den nordwestenglischen Gemeinden Broughton und Pendleton staunten, als 1826 binnen kurzer Zeit eine Brücke über den rund 40 Meter breiten Fluss Irwell errichtet wurde. 

Auftraggeber war der wohlhabende Grundbesitzer John Purcell Fitzgerald. Der Mittevierzigjährige gab in den 1820er-Jahren in der Umgebung von Manchester mehrere Bauwerke in Auftrag: Für seine Familie ließ er direkt am Ufer des Irwells ein Schloss errichten. Auf einem anderen Landstück in der Region gründete er eine Zeche. Seine Arbeiter siedelten sich vor allem in Broughton an. Zudem finanzierte der Bergwerksbesitzer Fitzgerald eine Überquerung der besonderen Art: die Broughton Suspension Bridge, eine moderne Kettenhängebrücke. 

Aus Pflanzenfasern, Tierhäuten und Holz bauen Menschen seit jeher überall auf der Welt einfache Hängebrücken, um von einer Ufer- oder Talseite zur anderen zu gelangen. Vor allem in Asien gibt es bis heute viele Überführungen dieser Art. Anfang des 19. Jahrhunderts entwickelten Konstrukteure diese Brückenform weiter: Die industrielle Herstellung von Eisen und Stahl legte den Grundstein für Hängebrücken, wie wir sie heute kennen. Nun war es möglich, große Spannweiten zu überbrücken. Mit Tragseilen aus Metall, die an Pfeilern befestigt sind. Eine Sonderform ist die Kettenbrücke, hier tragen Metallketten die Last.

Als eine der ersten modernen Hängebrücken in Großbritannien und Europa gilt die Menai-Brücke, eine 176 Meter lange Verbindung der Insel Anglesey mit dem Festland von Wales. 1826 rollten die ersten Kutschen über ihre zweispurige Fahrbahn. Etwa zur gleichen Zeit eröffnete auch die Broughton Suspension Bridge ihren Verkehr: Die Kettenhängebrücke verband Pendleton mit Broughton. Die Bewohnerinnen und Bewohner der beiden Ortschaften im heutigen Manchester feierten die 44 Meter lange Flussquerung, denn sie ersparte ihnen weite Umwege. Für die Benutzung seiner Brücke verlangte Schlossherr Fitzgerald eine Gebühr. Rund fünf Jahre lang verkürzte die Brücke den Weg über den Irwell. Bis zum Frühjahr 1831. 

Eine Brücke stürzt ein 

Am Dienstag, dem 12. April 1831, gegen zwölf Uhr mittags näherten sich Soldaten der Flussüberführung zwischen Pendleton und Broughton. Das Infanterie-Regiment der britischen Armee kam von einem Manöver im Kersal-Moor. Auf dem Weg zum Mittagessen in ihrer Kaserne musste die Truppe die Brücke passieren. In Viererreihen marschierten die Männer. Sie waren wohl vergnügt, so beschreiben es wenige Tage später Reporter der Lokalzeitungen. Einer pfiff ein Marschlied, andere stiegen mit ein, ein Großteil der Soldaten machte schon mit, während sie die Brücke überquerten. Zwangsläufig liefen die meisten von ihnen im Takt, daraus ergab sich ein Gleichschritt, den nicht ihr Kommandant angeordnet hatte – er wurde der Truppe zum Verhängnis. Denn die Konstruktion unter ihren Füßen reagierte: Die Brücke vibrierte im Takt der Schritte. 

Je mehr Soldaten die Brücke betraten, desto stärker wurden die Schwingungen. Ein Krachen durchbrach den Pfeifchor, als die Spitze der Kolonne schon beinahe das Ufer in Pendleton erreicht hatte. Einige der Soldaten sagten später, das Geräusch habe wie eine Gewehrsalve geklungen. Rund 40 Männer krachten gemeinsam mit Teilen der Brücke in den Irwell. In dem Durcheinander kletterte ein Teil der Männer die schräge Fahrbahn zum Ufer hinauf, andere wateten durch den Fluss. Schwerverletzte lagen unter den Trümmern und mussten von ihren Kameraden geborgen werden. Zahlreiche Soldaten wurden verletzt, doch niemand kam ums Leben – zum Glück. Alle Mitglieder des Regiments wurden gerettet. Doch was war passiert? 

Die Resonanz ist schuld 

Ermittler untersuchten die Ursache des Unfalls. Ihr Ergebnis: Zweifellos waren die starken Schwingungen, die durch die gleichmäßigen Schritte der Soldaten auf die Brücke übertragen wurden, also die Resonanz, der unmittelbare Auslöser für die Katastrophe. Gleichzeitig stellten sie Konstruktionsschwächen an der Brücke fest. Durch die Vibrationen löste sich eine Tragkette aus einer mangelhaft geschmiedeten Verankerung, worauf die Kette ihre Spannung verlor und die Brücke schließlich einstürzte. 

Schon Galileo Galilei hatte mehrere Jahrhunderte zuvor die Auswirkung von Schwingungen systematisch untersucht und beschrieben. Seine Erkenntnisse bildeten das Fundament für das Verständnis von Schwingungen in der modernen Mechanik, der Resonanz. Erst der Einsturz der Broughton Suspension Bridge führte den damaligen Fachleuten die Resonanzeffekte an Bauwerken schmerzhaft vor Augen. 

Nach dieser Katastrophe misstrauten viele Menschen der Konstruktion moderner Hängebrücken. Trotzdem wurden Brücken dieser Art nicht nur in Großbritannien, sondern in ganz Europa weiterhin errichtet. Auch in einigen anderen Ländern, wie in Frankreich, der Schweiz und den USA, kam es Mitte des 19. Jahrhunderts zu Schwingungsproblemen, mindestens drei Hängebrücken stürzten auf ähnliche Weise ein wie die im englischen Broughton. 

Und das Schwingungsproblem besteht bis heute. Nur wenige Tage, nachdem die Millennium Bridge über der Themse in London im Jahr 2000 eröffnet wurde, musste sie wegen unkontrollierten heftigen Schwankens wieder geschlossen werden. Die Passanten berichteten, die Überquerung habe sie seekrank gemacht. Das moderne Bauwerk bekam den Spitznamen "The wobbly bridge", die Wackelbrücke. Schließlich fanden Ingenieure eine Lösung: Sie fügten der Konstruktion Schwingungstilger hinzu. Seitdem ist die Brücke wieder begehbar. 

Bitte ohne Tritt betreten 

Unmittelbar nach der Katastrophe von Broughton zog die Armee Konsequenzen: Bevor eine marschierende Truppe eine Brücke betritt, müssen laut einer Verordnung des britischen Militärs seitdem alle Mitglieder den Gleichschritt auflösen. An manch einer Brücke in Großbritannien mahnen Schilder daran, etwa an der Albert Bridge in London.

 

Auch in Deutschland gibt es seit rund 90 Jahren eine offizielle Regelung: "Auf Brücken darf nicht im Gleichschritt marschiert werden", heißt es in Paragraf 27 Abschnitt 6 der Straßenverkehrsordnung. Damit soll eine Resonanzkatastrophe wie beim Unfall in Broughton vermieden werden. 

Über den Irwell zwischen Broughton und Pendleton ließ man bereits kurz nach 1831 die Brücke wieder aufbauen. Heute befindet sich an dieser Stelle nur noch eine Fußgängerüberquerung.

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