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  • Omas aus aller Welt zeigen ihre Leibgerichte

Großmutters Küche Omas aus aller Welt zeigen ihre Leibgerichte – mit Rezepten

  • von Christoph Wirtz
  • 05. Juli 2022
  • 09:46 Uhr
In Großmutters Küche riecht es immer himmlisch, da sind sich Menschen in vielen Ländern einig. Der italienische Fotograf Gabriele Galimberti hat Frauen in aller Welt besucht und fand bei ihnen Gerichte voller Emotion und Raffinesse
Ana Tulia Gómez  Arepas mit Ei und Rindfleisch (Rezept siehe unten)      Ana Tulia Gómez gewann mit ihren Arepas viele Male das Food-festival von Cartagena. Einmal wurde sie zum Kochen nach Paris eingeladen – ihre erste Fernreise.      Aus Maismehl, etwas Salz und heißem Wasser einen Teig rühren und einige Minuten ruhen lassen. Dann den Teig auf einer sauberen Oberfläche durchkneten, bis er in etwa die Konsistenz von Kartoffelbrei hat. In gleiche Stücke teilen und in der Hand zu flachen Scheiben formen (dabei etwas Teig übrig behalten). Dann gehackte Jalapeño-Chilies, rote Paprika und eine Zwiebel in einer Pfanne gar dünsten, Rinderhack hinzu-fügen und einige Minuten garen. In einem Topf Frittierfett erhitzen (es muss fünf Zentimeter hoch stehen) und die Teigfladen goldbraun frittieren. Abtropfen und abkühlen lassen. Dann schneidet Frau Gómez in die Arepas mit einem scharfen Messer eine Tasche, füllt ein kleines Ei hinein und gibt ein, zwei Esslöffel Fleischfüllung dazu. Mit dem übrigen Teig verschließt sie die Arepas, dann frittiert sie sie noch einmal und serviert sie.
Kolumbien
Ana Tulia Gómez
Arepas mit Ei und Rindfleisch (Rezept siehe unten)


Ana Tulia Gómez gewann mit ihren Arepas viele Male das Food-festival von Cartagena. Einmal wurde sie zum Kochen nach Paris eingeladen – ihre erste Fernreise.


Aus Maismehl, etwas Salz und heißem Wasser einen Teig rühren und einige Minuten ruhen lassen. Dann den Teig auf einer sauberen Oberfläche durchkneten, bis er in etwa die Konsistenz von Kartoffelbrei hat. In gleiche Stücke teilen und in der Hand zu flachen Scheiben formen (dabei etwas Teig übrig behalten). Dann gehackte Jalapeño-Chilies, rote Paprika und eine Zwiebel in einer Pfanne gar dünsten, Rinderhack hinzu-fügen und einige Minuten garen. In einem Topf Frittierfett erhitzen (es muss fünf Zentimeter hoch stehen) und die Teigfladen goldbraun frittieren. Abtropfen und abkühlen lassen. Dann schneidet Frau Gómez in die Arepas mit einem scharfen Messer eine Tasche, füllt ein kleines Ei hinein und gibt ein, zwei Esslöffel Fleischfüllung dazu. Mit dem übrigen Teig verschließt sie die Arepas, dann frittiert sie sie noch einmal und serviert sie.
© Gabriele Galimberti
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Ana Tulia Gómez  Arepas mit Ei und Rindfleisch (Rezept siehe unten)      Ana Tulia Gómez gewann mit ihren Arepas viele Male das Food-festival von Cartagena. Einmal wurde sie zum Kochen nach Paris eingeladen – ihre erste Fernreise.      Aus Maismehl, etwas Salz und heißem Wasser einen Teig rühren und einige Minuten ruhen lassen. Dann den Teig auf einer sauberen Oberfläche durchkneten, bis er in etwa die Konsistenz von Kartoffelbrei hat. In gleiche Stücke teilen und in der Hand zu flachen Scheiben formen (dabei etwas Teig übrig behalten). Dann gehackte Jalapeño-Chilies, rote Paprika und eine Zwiebel in einer Pfanne gar dünsten, Rinderhack hinzu-fügen und einige Minuten garen. In einem Topf Frittierfett erhitzen (es muss fünf Zentimeter hoch stehen) und die Teigfladen goldbraun frittieren. Abtropfen und abkühlen lassen. Dann schneidet Frau Gómez in die Arepas mit einem scharfen Messer eine Tasche, füllt ein kleines Ei hinein und gibt ein, zwei Esslöffel Fleischfüllung dazu. Mit dem übrigen Teig verschließt sie die Arepas, dann frittiert sie sie noch einmal und serviert sie.
Gnep Tan  Lok Lak (Rezept siehe unten)      Mehrmals fragte der Fotograf nach der Anzahl ihrer Enkel. Die Antwort Gnep Tans lautete immer: »Eine Menge.« Ihr Leben verbringt die 73-Jährige in einem Fischerdorf, auf fast zwei Meter Höhe in einem Pfahlbau, ohne fließendes Wasser, ohne Strom.      Rindfleisch aus der Hüfte sehr dünn schneiden. Eine Marinade aus gehacktem Knoblauch, Pfeffer, Salz und Zucker, etwas Sojasoße und Öl anrühren. Das Fleisch eine Stunde einlegen. In der Zwischenzeit weiteren gemahlenen Pfeffer (in Kambodscha wächst Kampot-Pfeffer, der beste der Welt!), Zucker, Salz und etwas gehackten Knoblauch vermischen. Im sehr heißen Wok zunächst Zwiebelstreifen fünf Minuten in Öl schwenken, dann mit dem Fleisch (ohne Marinade!) drei weitere Minuten rührbraten. Die Mischung auf ein Bett aus Salat und Tomaten legen. Ganz kurz vor dem Servieren Limetten über der Pfeffer-Knoblauch-Mischung ausdrücken, vermischen und über das Fleisch gießen. Als Gabel dient ein Salatblatt.
Grace Estibero  Chicken Vindaloo (Rezept siehe unten)      Die 82-Jährige lebt im Norden von Mumbai, bei einem ihrer Söhne und dessen Familie. Aufgewachsen ist Grace Estibero im südindischen Goa, wie die meisten dort hat sie portugiesische Vorfahren. Ihr Gericht passt dazu: Die Zubereitungsart wurde von Portugiesen in die indische Küche eingeführt.      Frau Estibero kocht üblicherweise für sechs Personen, da braucht es schon acht Hühner-Oberschenkel, in bissgroße Stücke gehackt. Zunächst bereitet sie die Masala-Soße: Getrocknete rote Chilischoten in den Mixer, dazu eine rote Zwiebel, grüne Chilies, Zimt, Knoblauch, Ingwer, Kreuzkümmel, Knoblauch (mindestens 10 Zehen!), schwarzen Pfeffer, Kurkuma (Gelbwurz), Tamarindenpaste und Zucker. Alles mit so viel Wasser pürieren, dass die Soße schön sämig wird. Eine gehackte Zwiebel in einer großen, am besten gusseisernen Pfanne goldbraun dünsten, dann mit der Soße vermischen. Huhn einlegen und gar schmoren – das dauert etwa 20 Minuten.
Doris Russell  Arme Ritter (Rezept siehe unten)      Eine Tochter aus bestem Hause heiratet einen Gutsherrn – klingt märchenhaft. Leider starb Doris Russells erster Mann früh; und so bewirtschaftete sie ihren Besitz nahe Köln lange allein. Nach einer zweiten Ehe ist ein Wasserschlösschen Treffpunkt der großen Familie. Die 86-Jährige brät "Arme Ritter", das zeugt von edler Ironie.      Ein Klassiker des Rheinlandes, der anderswo auf der Welt schnöde „French Toast“ heißt. Frau Russell macht die Armen Ritter so: Zwei Schüsseln neben einen Teller stellen. In der ersten Schüssel eine Ei-Milch-Mischung mit etwas Zucker und, nach Belieben, einem Hauch Zimt verquirlen. In die zweite Schüssel kommen verschlagene Eier, der Teller wird mit Semmelbröseln befüllt. Nun lässt Frau Russell Weißbrotscheiben die Ei-Milch-Mischung aufsaugen, taucht sie dann in die Eier und wälzt sie schließlich in den Bröseln. Dann brät sie die Scheiben in Butter, bis sie gülden leuchten. Die Soße bereitet sie währenddessen: Verschlagene Eier mit etwas Wein, etwas Mehl und ordentlich Zucker vermischen und kochen, bis die Sache sämig wird. So ähnlich wurde diese Mahlzeit schon im 14. Jahrhundert bereitet.
Normita Sambu Arap  Mboga und Ugali – Polenta mit Gemüse und Ziege (Rezept siehe unten)      In einem Dorf in Südkenia, in einer Lehmhütte, steht Normita Sambu Araps Herd: vier Steine, darüber ein Rost, darunter ein immer brennendes Feuer. Frau Arap, 65, ist die neunte Frau eines Massai-Häuptlings und die Älteste im Dorf, dort leben auch ihre 19 Kinder und über 40 Enkel. Ihr Rezept ist aber für sechs Personen.      Das Ziegenfleisch (insgesamt drei Kilogramm zerkleinerte Schulter) wird in Salzwasser eingelegt. Nach vier Stunden kommt das Fleisch aus der Salzbrühe und wird abgespült. Dann braucht es den großen Topf: Zunächst gewürfelte Tomaten in Rinderfett (Öl geht auch) weichdünsten, das Fleisch sowie nach und nach zwei Pfund Blattkohl (ein glatter Verwandter des Grünkohls) hinzufügen und gut zwei Stunden garen. Die Polenta macht Frau Arap entspannt nebenher in Topf Nr. 2: Nach und nach Maismehl in kochendes Salzwasser rühren (und alle Klümpchen zerschlagen), bis die Masse am Löffel kleben bleibt. Etwas abkühlen und zusammen mit dem Fleisch und dem Gemüse servieren.
Marisa Batini  Mangold-Ricotta-Ravioli mit Fleischsoße (Rezept siehe unten)      Natürlich hat der Italiener Gabriele Galimberti auch die eigene Oma fotografiert. Dabei bekochte Marisa Batini, 80, ihren Enkel gar nicht so oft. Er weiß aber noch genau, wie sie ihn – und die ganze Familie – dazu anhielt, den Teig für ihre geliebten Ravioli per Hand auszurollen.      Aus enthäuteten Tomaten, Petersilie, angeschwitzten Sellerie-, Möhren- und Zwiebelwürfeln und dem Rinderhack eine Soße bereiten – sie muss lange (drei Stunden!) simmern. Währenddessen aus Mehl, drei Eiern und Olivenöl einen Teig kneten. Während dieser ruht, den Mangold weichkochen (ca. 15 Minuten). Dann den Mangold und Ricotta hacken, mit dem restlichen Ei und etwas Parmesan zu einer Füllung vermischen – etwas Muskatnuss kann nicht schaden. Den ausgerollten Teig in passende Rechtecke schneiden, etwa einen Esslöffel Füllung auf ein Rechteck geben und mit einem anderen Rechteck verschließen. Die fertigen Ravioli al dente kochen, mit der Fleischsoße servieren – und mit etwas Parmesan bestreuen.
Grace Estibero  Chicken Vindaloo (Rezept siehe unten)      Die 82-Jährige lebt im Norden von Mumbai, bei einem ihrer Söhne und dessen Familie. Aufgewachsen ist Grace Estibero im südindischen Goa, wie die meisten dort hat sie portugiesische Vorfahren. Ihr Gericht passt dazu: Die Zubereitungsart wurde von Portugiesen in die indische Küche eingeführt.      Frau Estibero kocht üblicherweise für sechs Personen, da braucht es schon acht Hühner-Oberschenkel, in bissgroße Stücke gehackt. Zunächst bereitet sie die Masala-Soße: Getrocknete rote Chilischoten in den Mixer, dazu eine rote Zwiebel, grüne Chilies, Zimt, Knoblauch, Ingwer, Kreuzkümmel, Knoblauch (mindestens 10 Zehen!), schwarzen Pfeffer, Kurkuma (Gelbwurz), Tamarindenpaste und Zucker. Alles mit so viel Wasser pürieren, dass die Soße schön sämig wird. Eine gehackte Zwiebel in einer großen, am besten gusseisernen Pfanne goldbraun dünsten, dann mit der Soße vermischen. Huhn einlegen und gar schmoren – das dauert etwa 20 Minuten.
Maria Luz Fedric  Leguan mit Reis und Bohnen (Rezept siehe unten)      Sie wuchs auf einer honduranischen Insel auf, heute lebt Maria Luz Fedric mit ihrem Mann auf den Cayman Islands, dort führte die 53-Jährige lange ein Fischrestaurant. Damit ihre Enkel ihre honduranischen Wurzeln nicht vergessen, kocht sie den beiden gern dieses Festgericht: Leguan mit Reis und Bohnen Honduras  Wie man einen Leguan küchenfertig zubereitet, sollten Sie sich von Frau Fedric erklären lassen (in Europa wäre jedenfalls Kaninchen eine gangbare Alternative).      Das gehackte Gemüse (grob: grüne Paprika, Sellerie, fein: Knoblauch, scharfe und süße Chilies) und das grob zerteilte Fleisch getrennt zurückhaltend würzen: Frau Fedric benutzt Liquid Aminos, eine salzarme Sojasoßen-Variante. Das Gemüse in einer tiefen Pfanne andünsten, das Fleisch dazulegen und anbraten. Thymian dazu, Deckel drauf und 30 Minuten schmurgeln lassen, schließlich Kokosmilch hinzufügen und alles in weiteren15 Minuten garziehen lassen. Bohnen und Reis in Kokosmilch garen. Dick und längs geschnittene Kochbananen goldbraun braten und alles servieren. Buen provecho!
Für sein Buch "In her Kitchen" besuchte Gabriele Galimberti mehr als 50 Großmütter in aller Welt, fotografierte sie in ihren Küchen und zeichnete ihre Rezepte auf. Das Buch ist auf Englisch (mit ausführlichen Rezepten) für 28,99 Euro erhältlich

Machen wir uns nichts vor: Omas Küche war ein Desaster. Jedenfalls nach heutigen Maßstäben. Ein Grauen von fetten Fleischbergen und zerkochtem Gemüse – zusammengehalten durch Ströme von Tütensoße, Flüssigwürze und gekörnter Brühe. Für Oma waren Nescafé, Sahnesteif und Dosenananas herausragende Errungenschaften einer immer effizienteren Lebensmittelindustrie, sinkende Fleischpreise sowieso.

Natürlich: Kartoffelsalat hätte sie nie im Supermarkt gekauft, das wäre ihr gegen die Ehre gegangen, die Mayonnaise fürs Dressing aber sehr wohl, und der Pudding hinterher kam selbstverständlich auch vom Doktor aus Bielefeld. Soweit die Realität. Aber wen interessiert schon die Realität? Welches Kind – genauer: welches Kind der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts – interessierten Fragen ethischer Lebensmittelproduktion?

Sicher ist: Keine Suppe schmeckte besser als Omas goldene Buchstabensuppe! Gesprenkelt mit vorgehackter, gefriergetrockneter Petersilie, dampfend heiß serviert im randvollen Blümchenteller. Und immer saß Oma in ihrer Kittelschürze mit am Küchentisch, leicht schräg, immer auf dem Sprung, aß nie mit und hörte umso genauer zu. So viel wissen wir heute: Essen ist materialisierte Emotion, Erinnerung und verklärte Vergangenheit, auch Illusion. Wie würde uns Omas Suppe heute schmecken?

Cesarine, so nennt man in Italien die Herrscherinnen über Küchen und Speisekammern

In kulinarisch kultivierteren Ländern, ganz vorn in Italien, ist die Oma – und in einem früheren Entwicklungsstadium: la mamma– Sinnbild für alles, was Esskultur ausmacht. Natürlich, auch im Süden ist längst nicht mehr alles kulinarisches Gold, was uns sehnsuchtssteigernd entgegenfunkelt (und ja, auch hierzulande gibt es knödeldrehende, schnitzelklopfende, soßenköchelnde Superomas). Und doch berühren sich in Italien Verklärung und Wirklichkeit deutlich regelmäßiger als bei uns. Die echte italienische Küche, das ist die Küche der Mütter, der nonnas, der Tanten.

Für sein Buch "In her Kitchen" besuchte Gabriele Galimberti mehr als 50 Großmütter in aller Welt, fotografierte sie in ihren Küchen und zeichnete ihre Rezepte auf. Das Buch ist auf Englisch (mit ausführlichen Rezepten) für 28,99 Euro erhältlich
Für sein Buch "In her Kitchen" besuchte Gabriele Galimberti mehr als 50 Großmütter in aller Welt, fotografierte sie in ihren Küchen und zeichnete ihre Rezepte auf. Das Buch ist auf Englisch (mit ausführlichen Rezepten) für 28,99 Euro erhältlich
© Gabriele Galimberti

Man kann sie nicht aus Kochbüchern lernen, schon gar nicht in den blitzenden Edelstahlküchen testosterondampfender Spitzenköche. Wer wirklich verstehen will, was die italienische Küche ausmacht, muss einer reifen italienischen Hausfrau zugeschaut, ihre geschmeidigen Handgriffe, ihre lässige Routine erlebt haben. Cesarine, so nennt man in Italien ehrfurchtsvoll die unumschränkten Herrscherinnen über Küchen und Speisekammern, die ungekrönten Kaiserinnen der Nudelhölzer und Soßentöpfe. Hochgeehrt und geliebt für die Bewahrung, behutsame Entwicklung und stetige Weitergabe des Kulturerbes, das die italienische Küche ist. Und für die unglaubliche Mühe, die Hunderte winziger Ravioli in Brühe bedeuten, für die Geduld, Sorgfalt und Hingabe, die ein Schmorbraten in Rotwein erfordert. Wem genügt dieser bescheidene Ruhm, der von Work-Life-Balance nichts weiß, heute noch?

Wie werden die Omas kochen, die in den 1960er Jahren geboren wurden? Im Überfluss? Die heute nicht alt sind, mit schrundigen Händen und schlechten Augen, sondern bei Youtube auf der Suche sind nach no-equipment-cardio-workouts? Vielleicht kochen sie gar nicht mehr. Sondern bestellen Quinoa Bowls beim Lieferdienst und pressen Detox-Säfte. Man wird es wohl nicht anders sagen können: Mit der Einbauküche stirbt die kochende Oma im Jugendwahn. Sie erfordert gesellschaftliche Verhältnisse, die es nicht mehr gibt. Vielleicht zum Glück. Gefragt hat Oma nämlich nie jemand, ob sie sich nicht etwas anderes vorstellen könnte, als den ganzen Tag in der Kittelschürze Zwiebeln zu schneiden, Kartoffeln zu schälen.

Eine schmerzliche Lücke hinterlässt sie dennoch. Die Sehnsucht nach der Oma am Herd als Urbild alles Vertrauten, Heimischen, Warmen ist ungebrochen. Wie der milde Landarzt, der weise Pfarrer lebt sie fort in unserer kollektiven Sehnsucht, geistert durch TV-Serien und Geschichten.

Omas Küche war oft von Mangel geprägt wie von handwerklichem Können

Gabriele Galimberti berichtet in faszinierenden Bildern von Großmüttern weltweit, die für ihn gekocht haben – traditionelle Lammsuppe in Island, gefüllte Weinblätter in Armenien, Leguan mit Reis, Bohnen und Kochbananen auf den Cayman Islands. Zugleich erzählt er voller Zuneigung und Wahrhaftigkeit die Geschichte vom Wandel der Welt, wenn auf der einen Seite des Globus die 82-jährige Grace Estibero in Mumbai Chicken Vindaloo schmort – und auf der anderen in Utah eine faltenfreie 50-Jährige Fertigteigmischung, Schokolade, Kondensmilch und Toffee-Candies zu einem Dessert verrührt. Die Idee der alten, krummen, gütigen Frau am Feuer ist universell. Die Wirklichkeit gesellschaftlicher Entwicklungen ist es nicht.

„Essen Sie nichts, was Ihre Großmutter nicht als Essen erkannt hätte“ lautet der Titel eines Bestsellers von 2009, der Goldene Regeln für gute Ernährung versprach und unmittelbar einleuchtend erschien. Omas Küche war unkompliziert, geschmacksintensiv, oft so sehr von Mangel geprägt wie von handwerklichem Können. Und vor allem: angstfrei. Was sie nicht war: nachhaltig. Oder abwechslungsreich. Sushi, Curry, Chili, Olivenöl – was hätte Oma dazu gesagt?

Verklärung ist die Schattenseite nostalgischer Sehnsucht, Regression und Weltflucht sind ihre Begleiter. Früher war nicht alles besser. Im Zauberreich der Erinnerung ist alles besser. Genau dort lebt Oma. Dort, wo der Pudding keine Klümpchen hat, wo es keinen matschigen Blumenkohl gibt, keine Mehlschwitzen. Sondern nur warme, weiche, süße Harmonie. Und Opa, der Leberwurstschnittchen zur Sportschau bekommt.

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27. Februar 2021,00:15
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