In der Fabel von der Stadtmaus und der Landmaus versucht die Stadtbewohnerin das Landei von den Vorzügen ihres luxuriösen, urbanen Lebens zu überzeugen. Es zeigt sich aber, dass der Überfluss nur um den Preis ständiger Angst zu haben ist. Die Landmaus winkt ab. Eine Geschichte mit wahrem Kern. Denn tatsächlich bieten Städte nicht nur Mäusen, sondern zahllosen anderen Wildtieren reiche Nahrungsoptionen – sind aber nichts für schwache Nerven.
Dass sich die Populationen von land- und stadtbewohnenden Arten in ihrem Verhalten deutlich unterscheiden, konnte nun ein Forschungsteam in der bisher größten Studie dieser Art zeigen. Demnach sind diejenigen Tiere einer Spezies, die in Städten leben, durchweg kühner, aggressiver, erkundungsfreudiger und aktiver als ihre ländlichen Verwandten.
Am meisten Daten gibt es zu Vögeln
Am deutlichsten zeigten sich diese Unterschiede bei Vögeln. Allerdings sei hier auch die Datengrundlage am umfangreichsten gewesen, wenden die Forschenden ein. "Wir haben festgestellt, dass die Urbanisierung überall auf der Welt das Verhalten auf konsistente, vorhersehbare Weise verändert", erklärt die Biologin und Erstautorin der Studie, Dr. Tracy Burkhard, in einer Presseerklärung. "Das stärkste Ergebnis war, dass Tiere risikopositiver zu sein scheinen. Sie sind mutiger."
Dass Stadtbewohner unerschrockener sind als ihre ländlichen Verwandten, könnte den Autorinnen und Autoren der Studie zufolge das Ergebnis verschiedener ökologischer Mechanismen sein. So könnten Individuen, die "von Natur aus" risikofreudiger sind, eher in städtische Gebiete mit ihren besonderen Gefahren und Stressfaktoren vordringen – darunter der Verkehr und die Anwesenheit von Menschen und Hunden. Die Kühnheit könnte aber auch eine genetische Anpassung an einen neuen Lebensraum voller Möglichkeiten und Gefahren sein.
Ein spektakuläres Beispiel für Anpassungen an städtische Umgebungen sind die Gelbhauben-Kakadus im australischen Sydney: Sie haben gelernt, Mülltonnen zu öffnen und Wasserspender zu bedienen – und geben das Wissen an Artgenossen weiter.
Für ihre Studie haben die Forschenden nicht selbst Tiere beobachtet, sondern Daten aus 80 früheren Studien kombiniert, die die Verhaltensmerkmale von Tieren in ländlichen und städtischen Umgebungen untersuchten. Diese Studien umfassten 28 Länder und 133 verschiedene Arten – wenn auch mit einem klaren Ungleichgewicht. Denn über 70 Prozent der Forschung bezog sich auf Vögel. Amphibien, Reptilien und Insekten dagegen machten nur zehn Prozent der Daten aus – während Wirbellose gar nicht vertreten waren.
Den Autoren zufolge könnte das darauf hindeuten, dass die Auswirkungen der Urbanisierung auf das Verhalten der meisten Wildtierarten noch unterschätzt wird. Auch nachtaktive Tierarten seien zu wenig erforscht – obwohl sie in ihrem natürlichen Verhalten von künstlichem Licht und menschlichen Aktivitäten am meisten betroffen sind.
Risiko von Zoonosen zukünftig erhöht?
Dass nicht nur Wildtiere wie Ratten, Möwen oder Tauben ihre natürliche Scheu ablegen, könnte auch zum Problem für Menschen werden. Denn möglicherweise erhöht sich dadurch die Gefahr von Zoonosen, also der Übertragung von Krankheiten vom Wildtier auf den Menschen.
"Wenn Tiere mehr Risikobereitschaft zeigen und menschlicher Präsenz weniger abgeneigt sind, werden wir in bestimmten Gebieten viel mehr mit Wildtieren in Kontakt kommen", sagt Tracy Burkhard – plädiert aber auch dafür, bei der Stadtplanung das Verhalten von Wildtieren zu berücksichtigen. Etwa durch die Vernetzung von Grünflächen, die den genetischen Austausch zwischen Unterpopulationen ermöglichen.