Zentralafrika So bezwingen winzige Fische einen 15 Meter hohen Wasserfall

Zu Tausenden "kleben" die Fische am Ende der Regenzeit am senkrecht abfallenden Felsen des Luvilombo-Wasserfalls
Zu Tausenden "kleben" die Fische am Ende der Regenzeit am senkrecht abfallenden Felsen des Luvilombo-Wasserfalls
© Pacifique Kiwele Mutambala
In der Demokratischen Republik Kongo erklimmen Fische, nur so groß wie ein kleiner Finger, senkrechte Felsstufen. Jetzt haben Forschende herausgefunden, wie ihnen das gelingt

Fische sind nicht nur perfekt an das Leben im Wasser angepasst – einige von ihnen sind auch erstaunliche Kletterer. Während Lachse etwa drei Meter Höhenunterschied überwinden, schafft eine viel kleinere Art sogar 15 Meter. Allerdings nicht springend – sonderen kraxelnd.

Schon seit etwa einem halben Jahrhundert gibt es Berichte über kletternde Fische im Kongobecken in Zentralafrika. Jetzt haben sich der Biologe Pacifique Kiwele Mutambala und sein Team einen Hotspot der aquatischen Kletterei einmal genauer angesehen. Und Erstaunliches beobachtet.

Die Luvilombo-Wasserfälle am gleichnamigen Fluss in der Demokratischen Republik Kongo sind bei Touristen beliebt – und bieten neben dem tosenden Wasserstrom ein Spektakel, dass sich erst bei näherem Hinsehen zeigt: Am Ende der Regenzeit, zwischen April und Mai, nehmen Tausende kleine Fische der Art Parakneria thysi die senkrechte Wanderung an der bis zu 15 Meter hohen Klippe in Angriff.

Während der Regenzeit stürzt der Luvilombo-Fluss an den gleichnamigen Wasserfällen bis zu 15 Meter in die Tiefe
Während der Regenzeit stürzt der Luvilombo-Fluss an den gleichnamigen Wasserfällen bis zu 15 Meter in die Tiefe
© Pacifique Kiwele Mutambala

Wie die Forschenden in ihrer Studie berichten, hilft ihnen dabei ihr besonderer Körperbau: Die durchschnittlich vier bis fünf, höchstens zehn Zentimeter langen Fische verfügen über mit mikroskopisch kleinen Haken besetzte Brust- und Bauchflossen, mit denen sie sich am Untergrund festhalten können. Und schaffen so das scheinbar Unmögliche. Mit seitlichen Schwanzbewegungen, ähnlich wie beim Schwimmen, steigen die Fische Zentimeter für Zentimeter auf.

Fast zehn Stunden brauchen die Fische für den Aufstieg

Im Schnitt, so rechnen die Forschenden vor, braucht ein Fisch neun Stunden und 45 Minuten, um die vertikale Wanderung zu absolvieren – überhängende Felsvorsprünge inklusive. Während dieser Zeit klettern sie zusammengenommen nur eine Viertelstunde lang. Insgesamt eine halbe Stunde nutzen die Fischchen für kurze Pausen – und gönnen sich auf dem Weg nach oben neun einstündige Ruhepausen. Nicht allen gelingt der Aufstieg: Die Forschenden beobachteten einzelne Tiere, die von einem Wasserstrahl getroffen, zurückfielen. Oder an einem überhängenden Felsen den Halt verloren.

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Dass die Fische an ein Leben in schnell fließenden Gewässern perfekt angepasst sind, zeigt schon ihr Körperbau. Warum sie allerdings die gefährliche senkrechte Wanderung auf sich nehmen, ist nicht restlos geklärt. Den Forschenden zufolge ist immerhin denkbar, dass die Fische nach starken Regenfällen abgetrieben wurden und bei nachlassender Strömung wieder ihre angestammten Lebensräume stromaufwärts besetzen. Möglich wäre allerding auch, dass sie der Nahrungskonkurrenz in den tiefer gelegenen Flussgebieten entkommen und sich neue Lebensräume erobern wollen.

Dass die Fische klettern, ist unter den Einheimischen schon lange bekannt. Der lokale Name der Fische, "Kalumbu" (Singular) und "Tulumbu" (Plural), leitet sich ab vom Verb "kulumba". Und das bedeutet wörtlich übersetzt so viel wie "kleben".

Außerhalb der Regenzeit jedenfalls ist die erstaunliche Kletterei undenkbar. Denn der Fluss trocknet während der Sommermonate immer häufiger komplett aus. Grund dafür sind unkontrollierte Wasserentnahmen für die Landwirtschaft in höher gelegenen Flussabschnitten. Die Forschenden plädieren darum für einen umfassenden Schutz des Ökosystems. Und schlagen vor, die Wasserfälle als Naturdenkmal oder Ökosystem von nationaler Bedeutung unter Schutz zu stellen.