Kleptoparasitismus Warum Vögel ihren Nachbarn Nistmaterial stehlen

Diebischer Hingucker: Der scharlachrote Iiwikleidervogel kommt nur auf den Inseln von Hawaii vor
Diebischer Hingucker: Der scharlachrote Iiwikleidervogel kommt nur auf den Inseln von Hawaii vor
© Dave Fleetham / Pacific Stock / mauritius images
Eine Studie zeigt: Vögel auf Hawaii zupfen sich gegenseitig Halme und Haare aus dem Nest-Rohbau. Das bleibt nicht ohne Folgen

Für ihr Nest brauchen manche Vogelarten große Mengen Baumaterial: kleine Äste, Grashalme, Moos oder Tierhaare zum Auspolstern. Aber woher nehmen und nicht stehlen? Wenn die Ressourcen knapp sind, bedienen sich manche Vögel offenbar auch auf der Baustelle des Nachbarn. Das berichtet ein kalifornisches Forschungsteam im Fachmagazin "The American Naturalist".

Das Verhalten, wissenschaftlich auch Kleptoparasitismus genannt, haben Vogelkundler und Vogelkundlerinnen zwar schon zuvor beobachtet. Die Studie sei jedoch die erste wissenschaftliche Untersuchung zu diesem Thema, schreiben die Forschenden. "Jetzt können wir sagen, wer es tut, von wem sie stehlen und was danach mit den Nestern passiert", erklärt die Erstautorin der Studie, die Entomologin Erin Wilson Rankin in einer Presseerklärung der University of California.

Ein halbes Jahr lang beobachtete ein speziell geschultes Team mehr als 200 Vogelnester in den Wäldern von Hawaii. Zu den gefiederten Baumeistern gehören auch so auffallende und ikonische Vögel wie der scharlachrote Iiwikleidervogel (Drepanis coccinea).

Geklaut wird auch innerhalb einer Art

Dabei zeigte sich: Am meisten wurde bei Arten geklaut, die häufig vorkommen. Und dort, wo Nester etwa auf derselben Höhe gebaut waren. Das stützt den Forschenden zufolge die "Überlappungshypothese". Derzufolge klauen die Tiere Nistmaterial vor allem dort, wo sie auch nach Futter suchen. Zudem fand der Diebstahl nicht nur zwischen Arten, sondern auch innerhalb derselben Spezies statt.

Auch wenn das heimliche Entfernen von Nistmaterial nach einer Bagatelle klingt – folgenlos bleibt es nicht: In zwei von 39 Fällen (fünf Prozent), wurde das Nestbauprojekt kurz nach dem Diebstahl aufgegeben.

Nest einer Mönchsgrasmücke

Fotografie Die erstaunliche Vielfalt der Vogelnester

Ob Meise, Zaunkönig oder Töpfervogel: Jede Art sorgt dafür, dass der Nachwuchs optimale Startbedingungen bekommt. Manche Vögel sammeln gar Kräuter, die Parasiten fernhalten

Von den untersuchten Vogelarten sei zwar keine gefährdet, heißt es in der Pressemitteilung zur Studie. Doch für manche Spezies könnte das Verhalten neben den Auswirkungen des Klimawandels und Lebensraumverlust ein zusätzlicher Stressfaktor sein. Und auch die Ausbreitung von Krankheiten spielt dabei eine Rolle:

So zwingt eine vom Festland eingeschleppte Mücke, die die Vogelmalaria überträgt, einheimische Vögel, in höher gelegene, trockenere Waldgebiete auszuweichen. In ökologische Nischen also, die schon von anderen Spezies besetzt sind. In der Folge steigt die Konkurrenz um Nahrung und Nistmaterial.

Wilson Rankin hofft, dass ihre Studie andere Forschende dazu ermutigt, einen zweiten Blick auf alltägliches Verhalten von Wildtieren zu werfen. Dieses mag trivial erscheinen – es könnte aber verborgene, nachteilige Konsequenzen für andere Arten haben.