Mark Moffett saß im Süden des US-Bundesstaates Arizona, nahe der Grenze zu Mexiko, und starrte in den Staub. So zumindest muss es für Passanten ausgesehen haben, die zufällig an der Forschungsstation vorbeikamen, in der sich Moffett fünf Tage lang einquartiert hatte. Der Insektenforscher beobachtete Rote Ernteameisen, die aus ihren Nestern krabbelten. Und sah Erstaunliches.
Einige der Ameisen hätten plötzlich "statuenhaft stillgestanden", beschreibt Moffett: steif auf ihren Beinen, mit angehobenem Hinterleib und weit aufgerissenen Mundwerkzeugen. Dann hätten sich deutlich kleinere Kegelameisen genähert, seien auf die Körper der Ernteameisen geklettert. Hätten begonnen, an ihr "zu lecken, zu knabbern und zu zupfen".
Ein solches Verhalten war nie zuvor beobachtet worden. Putzten die Insekten tatsächlich die Körper ihrer entfernten Verwandten? Unterhielten sie eine Waschstraße von Ameisen für Ameisen?
Moffett schnappte sich seine Kamera, dokumentierte tagelang die Details seiner Entdeckung. Manche der insgesamt 31 Interaktionen, die er von Beginn an beobachtete, dauerten über fünf Minuten. Andere nur wenige Sekunden. Auch kletterten bis zu fünf Kegelameisen gleichzeitig auf dem Körper einer Ernteameise herum – allerdings nur, wenn diese auch lebte: Ernteameisen, die der Forscher zuvor in einem Gefrierschrank getötet und anschließend aufgetaut hatte, wurden von Kegelameisen zwar untersucht, aber nicht auf dieselbe Weise behandelt.
Moffett, der heute als Entomologe am Smithsonian National Museum of Natural History in Washington, D. C., forscht, machte seine Beobachtungen im Sommer 2006. Damals entschied er sich gegen eine Veröffentlichung, wollte zunächst weitere Informationen sammeln. Doch als er seine Aufnahmen kürzlich erneut sichtete, so zitiert die "New York Times" den Forscher, sei ihm klar geworden, dass "die ganze Geschichte bereits in den Bildern steckte". Noch einmal studierte Moffett die von ihm dokumentierte Choreografie, beschrieb das Verhalten beider Ameisenarten im Detail und veröffentlichte seine Interpretation.
"Soweit ich das beobachten konnte, hielt keine der Ernteameisen etwas zwischen ihren Mundwerkzeugen und die Kegelameisen versuchten nicht, einen Nahrungsaustausch herbeizuführen, schreibt Moffett in der nun im Fachmagazin "Ecology and Evolution" erschienenen Studie. Auch bestohlen hätten die Kegelameisen ihre Verwandten nicht, im Gegenteil: Die Ernteameisen schienen geduldig vor den Nesteingängen zu warten, und manche ließen sich sogar zwischen ihren Mundwerkzeugen knabbern.
"Im ersten Fall erinnerte mich das daran, wie Meeresfische spezielle 'Stationen' aufsuchen", die von Putzerfischen besetzt sind, schreibt Moffett. "Und im zweiten daran, wie Putzerfische sogar in den weit aufgerissenen Kiefern eines massigeren, potenziell gefährlichen Raubfisches fressen. Während ich die Interaktion der Ameisen beobachtete, wurde ich immer überzeugter davon, dass diese Kegelameise die erste dokumentierte 'Putzameise' war."
Innerhalb einer Ameisenart ist ein solches Verhalten bekannt: Auch Ernteameisen pflegen sich gegenseitig, entfernen dabei möglicherweise Schmutz, abgestorbenes Gewebe, Sporen und Parasiten. Aber welchen Vorteil könnte es haben, diesen Job auch von einer anderen Art übernehmen zu lassen? Und was ist die Motivation der Kegelameisen?
Moffett weiß es nicht, fragte die Fachwelt jedoch nach möglichen Erklärungen. Die Ameisen tauschten wertvolle Mikroben aus und schufen auf diese Weise ein womöglich für beide Arten gesünderes Mikrobiom, mutmaßte eine Kollegin. Die Choreografie sei aus dem eigentlich egoistischen Verhalten der Kegelameisen entstanden, schlug eine andere vor: Die größeren Ernteameisen seien reich an Fetten, einschließlich aller Verbindungen auf der Haut, und damit eine beliebte Nahrung für die Kegelameisen. Ebenso ist es denkbar, dass die Putzstraße der Sicherung des Eigenheims dient: Ein längerer Kontakt zwischen den Arten könne zur Übertragung von Koloniepheromonen führen, die die streitlustigen Ernteameisen besänftigen und es den Kegelameisen erleichtern, mit ihnen zu interagieren.
Um die theoretischen Ansätze zu prüfen und herauszufinden, ob das Geputze tatsächlich beiden Spezies nutzt, reicht es nicht, noch einmal in den Staub zu starren. Moffett schlägt weitere, weitaus komplexere Studien vor. Zugleich lässt er sich seine Begeisterung nicht nehmen: "In einer Welt, in der die meisten Ameisen stehlen, kämpfen und sich gegenseitig überlisten, scheinen zwei Arten in einer Wüste in Arizona Raum für eine unerwartete Zusammenarbeit zu lassen: an Reinigungsstationen, wo das Verhalten der bescheidenen Ameise wieder einmal begeistert und überrascht."