Kolkraben sind bei der Wahl ihrer Nahrungsquellen nicht besonders anspruchsvoll. Auch Aas verschmähen sie nicht – stellen tote Tiere doch eine leichte Beute dar, die nicht erst verfolgt und überwältigt werden muss. Was läge also näher, als größeren Raubtieren, zum Beispiel Wölfen, zu folgen und zu fressen, was sie von ihrer Mahlzeit übriglassen?
Tatsächlich war dies lange die vorherrschende Hypothese in der Verhaltensbiologie. Wissenschaftliche Beobachtungen im Yellowstone-Nationalpark im US-Bundesstaat Wyoming zeigen nun: Sie ist nicht haltbar.
Raben verlassen sich stattdessen auf ihr Gedächtnis: Sie fliegen sozusagen "auf Verdacht" zu Plätzen, an denen Wölfe ihrer Erfahrung nach oft Beute machen. Und das auch über weite Entfernungen. In Einzelfällen flogen sie bis zu 155 Kilometer an Orte, an denen sie die Reste eines Mahls vermuteten. Das berichtet ein Forschungsteam um Matthias-Claudio Loretto vom Max-Planck-Institut für Verhaltensbiologie in Radolfzell im Fachmagazin "Science".
Raben folgen Wölfen fast nie
Areale, in denen Pumas Beute reißen, frequentierten die Raben allerdings wesentlich seltener. Das Team erklärt dies unter anderem damit, dass Pumas zum einen in zerklüfteterem Terrain jagen als Wölfe. Und dass sie zudem dazu neigen, Reste ihrer Beute vor möglichen Aasfressern zu verstecken.
Die Forschenden hatten in dem Nationalpark 69 Kolkraben (Corvus corax), 20 Grauwölfe (Canis lupus) und elf Pumas (Puma concolor) mit Sendern ausgestattet und über zweieinhalb Jahre aufgezeichnete Daten ausgewertet. Dabei konzentrierten sie sich auf die Wintermonate. Im gesamten Studienzeitraum dokumentierten sie nur einen einzigen Fall, in dem ein Rabe einem Wolf für längere Zeit – mehr als eine Stunde – über eine größere Entfernung folgte.
Wie effizient das Vorgehen der Raben ist, zeigt eine Zahl: An jedem zweiten der 355 dokumentierten Wolfsrisse (48,5 Prozent) tauchte innerhalb einer Woche mindestens einer der besenderten Raben auf.