Wolf beißt Frau! Zum ersten Mal seit der Rückkehr der Wildtiere nach Deutschland vor einem Vierteljahrhundert. Viele werden sich jetzt bestätigt sehen: Der Wolf ist gefährlich. Seine Wiederkehr sollte nicht bejubelt – sondern streng "reguliert" werden.
Tatsächlich steht der Wolf schon seit Längerem unter verschärfter Beobachtung: Erst kürzlich wurde er in das Jagdrecht aufgenommen. Das bedeutet: Ein Wildtier, das unter strengem Naturschutz steht, darf nun ganz offiziell erschossen werden – und zwar nicht nur, wenn es darum geht, sogenannte Problemwölfe zur Strecke zu bringen. Manche Bundesländer arbeiten schon an Managementplänen. Teil davon ist auch die "Entnahme", also die Tötung "überzähliger" Tiere.
Aber was ist eigentlich geschehen? Ein junger Wolf hat sich auf das Hamburger Stadtgebiet verirrt und ist in eine Einkaufspassage geraten. Eine Frau, die ihn offenbar für einen Hund hielt, wollte ihm helfen. Verständlich. Das Tier, das durch Geräusche, Menschen, Hunde und Glasschiebetüren ohnehin gestresst war, fühlte sich in die Ecke gedrängt. Und schnappte zu. Die leicht verletzte Frau konnte noch am selben Tag aus dem Krankenhaus entlassen werden. Von dem "ersten Angriff eines Wolfs auf einen Menschen" seit der Wiederkehr der Wölfe in Deutschland ist nun die Rede.
Heute leben mehr als 1600 Wölfe im dicht besiedelten Deutschland. Tatsächlich gab es immer wieder Begegnungen zwischen Mensch und Wildtier. Vor allem in Form von Verletzungen und tödlichen Unfällen im Straßenverkehr. Begegnungen in der freien Wildbahn sind selten: Der Wolf ist und bleibt ein scheues Tier, das Menschen und Hunde meidet. Und: Die Zahlen stagnierten im vergangenen Jahr erstmals. Es werden also nicht "immer mehr" Wölfe in Deutschland, wie manche warnen.
Ein "Angriff" unter besonderen Vorzeichen
Die Formulierung von einem "ersten Angriff" verengt den Blick auf die bloße Tatsache, dass ein Mensch von einem Wolf verletzt wurde. Und verdeckt so die besonderen Umstände des Vorfalls, blendet den fast skurrilen Hergang aus: Der verängstigte Wolf hat sehr wahrscheinlich aus Notwehr gehandelt. Und mit Sicherheit nicht, weil er die Frau fressen wollte.
Menschen gehören nicht zum Beutespektrum des Wolfs. Angriffe sind darum extrem selten. Und die häufigsten Gründe dafür, nach Expertenmeinung: Krankheit, Provokation und die Gewöhnung an Fütterung durch Menschen. Menschliches Fehlverhalten also.
Wir Menschen müssen noch lernen, in einer Umwelt, die wir mit Landwirtschaft, Straßen, Bahntrassen, Siedlungen, Glasschiebetüren fast komplett an unsere speziellen Bedürfnisse angepasst haben, mit den wilden Rückkehrern umzugehen. Angriffe auf sogenannte Nutztiere, das soll nicht verschwiegen werden, sind ein Problem. Tierhalterinnen und -halter müssen in die Lage versetzt werden, wehrlose und eingesperrte Schafe gegen Attacken zu sichern. Die Optionen des "Herdenschutzes" sind bekannt, sie müssen nur in die Breite getragen werden.
Wir müssen lernen, was es heißt, jenen Tieren, die wir in Deutschland vor 120 Jahren ausgerottet hatten, Lebensraum und Lebenschancen zurückzugeben. Und nicht reflexhaft fordern, Wölfe, die in irgendeiner Weise auffällig sind, zu töten.
Und wir müssen lernen, Ruhe zu bewahren: Der Vorfall in Hamburg war außergewöhnlich, aber sicher kein Weckruf. Im Jahr 2024 wurden allein in Berlin 523 Menschen durch Hunde verletzt, 77 davon schwer.