Der Wolf ist zurück in Mitteleuropa. Und mit ihm die Angst vor einem potenziell gefährlichen Raubtier, besonders dort, wo sich der Lebensraum von Zwei- und Vierbeinern überschneidet. Denn viele sorgen sich, dass Wölfe in der Nähe menschlicher Siedlungen ihre Scheu ablegen, dass Konflikte oder gar Angriffe auf Menschen unausweichlich sind. Doch in einer aktuellen Studie konnten Forschende aus Österreich und Italien nun zeigen: Die allermeisten Wölfe verhalten sich scheu gegenüber Menschen – egal, wie urban die Umgebung ist, in der sie leben.
Für ihre Studie wählten die Forschenden 185 wild lebende Wölfe an 44 Standorten in Mittelitalien aus. In einer jener Regionen also, "in denen sich Wölfe am frühesten in von Menschen dominierten Landschaften angesiedelt haben", wie es in einer Pressemitteilung der Veterinärmedizinischen Universität Wien heißt. Dort ist der Annäherungsprozess am weitesten fortgeschritten.
Um herauszufinden, wie die Wölfe auf Neues und auf Menschen reagieren, konfrontierten die Forschenden sie in freier Wildbahn mit zwei verschiedenen Reizen: zum einen mit neuartigen Objekten, zum Beispiel Kinderspielzeug, zum anderen mit menschlichen Stimmen. Die Reaktion der Tiere filmten sie mit Wildkameras.
Menschliche Stimmen lösen bei den meisten Tieren Angst aus
Die Auswertung zeigte: Unabhängig davon, wie weit die Tiere "urbanisiert", also an die Nähe zum Menschen gewöhnt waren, lösten menschliche Stimmen bei mehr als 80 Prozent der Tiere eine starke Angstreaktion aus. Auf unbekannte Objekte reagierten die Wölfe aus stärker urbanisierten Gebieten zwar mit weniger Furcht – aber mit erhöhter Wachsamkeit, wenn die Gegenstände ausgetauscht oder verschoben wurden.
Studienautorin Marshall-Pescini deutet dieses Verhalten als besondere Anpassung an schwer kalkulierbare Risiken in vom Menschen geprägten Umgebungen. Zudem verhielten sich die Tiere weniger ängstlich, ergänzt die Verhaltensforscherin, wenn sie nicht allein, sondern in Gruppen unterwegs waren. Frühere Studien hatten gezeigt, dass Wölfe auch dort, wo sie unter strengem Schutz stehen, Menschen aus dem Weg gehen.
"Die Ergebnisse zeigen, dass Wölfe ihre Verhaltensreaktionen flexibel an die Risiken und Chancen in von Menschen dominierten Landschaften anpassen. Dies ist ein Schlüsselfaktor für den Erfolg von Wölfen in urbanisierten Gebieten", erklärt Marshall-Pescini.
Bedeutet das nun Entwarnung für besorgte Menschen in der Nähe von Wolfsterritorien? Es gebe zwar einzelne Fälle, schreibt Marshall-Pescini in einer Mail an GEO, in denen Wölfe in städtischen Gebieten sehr zutraulich geworden seien und sich Menschen genähert hätten. Das sei aber nicht der Schwerpunkt der Studie gewesen. In die Kontroverse um "gefährliche" Wölfe und legalisierte Tötungen einzelner Tiere will sich die Forscherin nicht einmischen. "Als Forscher liefern wir Daten, aber es ist eine gesellschaftliche und politische Frage, wie wir mit der wachsenden Wolfspopulation umgehen wollen."
Obwohl die Zahl der Wölfe in Deutschland seit dem vergangenen Jahr erstmals stagniert, beschloss der Bundestag im Dezember 2025 unter dem Protest von Naturschutzverbänden, das streng geschützte Tier ins Jagdrecht aufzunehmen – damit einzelne Wölfe im Interesse des Herdenschutzes und der "öffentlichen Sicherheit" getötet werden können.