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Neue Unterschungen Giftige Alge rückt als mögliche Ursache des Oder-Fischsterbens in den Fokus

Ein toter Blei liegt am frühen Morgen im flachen Wasser vom deutsch-polnischen Grenzfluss Oder. Seit mehren Tagen beschäftigt das massive Fischsterben im Fluss Oder die Behörden und Anwohner des Flusses in Deutschland und Polen
Ein toter Blei liegt am frühen Morgen im flachen Wasser vom deutsch-polnischen Grenzfluss Oder. Seit mehren Tagen beschäftigt das massive Fischsterben im Fluss Oder die Behörden und Anwohner des Flusses in Deutschland und Polen
© Patrick Pleul/dpa
In Wasserproben konnten Forschende des Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) hohe Konzentrationen einer potenziell giftigen Alge nachweisen. Es ist möglicherweise das fehlende Puzzleteil der Umweltkatastrophe

Mindestens hundert Tonnen toter Fische und anderer Wasserlebewesen haben Behördenmitarbeiter*innen und Freiwillige bislang aus dem polnischen Teil der Oder gefischt. Auf deutscher Seite kommen noch einmal mindestens 36 Tonnen hinzu. Doch was die Ursache des historischen Fischsterbens ist, das am 26. Juli in der Gegend von Breslau begann, ist weiterhin unklar. Quecksilber und Schwermetalle scheiden aus. Lediglich ein deutlich erhöhter Salz-, pH- und Sauerstoffgehalt konnte festgestellt werden. Und ein bislang rätselhafter Anstieg des Pegels um 30 Zentimeter.

Nun identifizierten Forschende des Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) ein weiteres mögliches Puzzleteil der Umweltkatastrophe: eine Alge.

Sie entdeckten in einem Milliliter Probenwasser bis zu 100.000 Zellen der Algenart Prymnesium parvum. Die Alge lebt in Brackwasser, also einem Gemisch aus Süß- und Salzwasser, und kann starke Toxine bilden. Nach IGB-Angaben ist der Gift-Cocktail besonders für Kiemenatmer wie Fische, Muscheln und auch für Amphibien verheerend, weil er unter anderem die Schleimhäute und die feinen Blutgefäße zersetzt.

Was macht eine Brackwasser-Alge im Oberlauf der Oder?

Vermehren konnte sich die Alge in der Oder nur wegen der unnatürlichen, massiv erhöhten Salzgehalte. "Im oberen Teil der Oder und ihren Nebenflüssen befinden sich viele Staustufen, wo es gerade unter den aktuellen Niedrigwasserbedingungen kaum Wasseraustausch gibt", erläutert IGB-Wissenschaftler Dr. Jan Köhler in einer Pressemitteilung. "Sollte in diesen Stauhaltungen aufgrund von industriellen Einleitungen stark salzhaltiges, warmes und nährstoffreiches Wasser längere Verweilzeiten gehabt haben, käme das einem Bioreaktor für die Zucht von Brackwasseralgen gleich." Das unnatürliche Algenwachstum würde dann auch den erhöhten Sauerstoffgehalt der Oder erklären.

Der Nachweis von Algen-Giften steht noch aus

Bislang allerdings konnten zwar massenhaft Algen, aber noch keine Giftstoffe nachgewiesen werden. Das Ergebnis der Analyse wird nach IGB-Angaben erst in "einigen Tagen" feststehen. "Unsere bisherigen Beobachtungen an der Oder und auch der Zustand der Fische und Muscheln passen aber zu unserer Vermutung“, erklärt Jan Köhler.

Auch beim IGB geht man davon aus, dass die Katastrophe durch mehrere Faktoren ausgelöst wurde. Der Klimawandel werde in Zukunft mehr Dürrephasen und extrem niedrige Pegelstände mit geringen Sauerstoffwerten und zu hohen Temperaturen bringen, sagt Tobias Goldhammer vom IGB. Eingeleitete Industrieabfälle und toxische Algenblüten könnten dann "schnell ganze Ökosysteme in Gewässern vernichten".


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