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Pestizidatlas 2022 Äpfel 28 Mal im Jahr gespritzt: Diese Fakten über den Pestizideinsatz sollten Sie kennen

Winterweizen wird im Schnitt 4,6 Mal pro Jahr mit Pestiziden besprüht
Winterweizen wird im Schnitt 4,6 Mal pro Jahr mit Pestiziden besprüht
© Mike Mareen / Adobe Stock
Der Pestizidatlas 2022 der Heinrich-Böll-Stiftung, des BUND, von PAN Germany und "Le Monde diplomatiqe" zeigt: Weltweit werden immer mehr Pflanzen- und Insektenvernichter auf die Äcker gesprüht. Und deutsche Unternehmen verdienen am Export hierzulande verbotener Substanzen

Inhaltsverzeichnis

Weltweit werden immer mehr Pestizide eingesetzt

Obwohl die Artenvielfalt massiv unter Druck steht – manche Forschende sprechen gar von einem sechsten Massensterben – werden weltweit nicht weniger, sondern mehr Gifte gegen unerwünschte Pflanzen, schädliche Insekten und Pilzerkrankungen eingesetzt. Zwischen dem Jahren 1990 und 2017 ist die Menge der ausgebrachten Pestizide demnach um etwa 80 Prozent gestiegen – auf heute rund vier Millionen Tonnen pro Jahr. In Deutschland stagniert der Einsatz zwar. Weltweit jedoch – so die Sorge der Autor*innen des Pestizidatlas – könnte der Verbrauch wegen des Klimawandels sogar noch zunehmen.

In Deutschland kaum Veränderung beim Pestizideinsatz

Dem Pestizidatlas zufolge liegt der Absatz von Pestiziden in Deutschland seit 25 auf "konstantem" Niveau. Demnach wurden jährlich zwischen 27.000 und 35.000 Tonnen Pestizide verkauft. Die Menge schwanke je nach Witterungsbedingungen und Marktpreisen. Ein Problem ist laut den Autor*innen, dass nicht transparent sei, wie viel davon tatsächlich auf die Äcker ausgebracht wurde: Zwar müssen die Betriebe die ausgebrachte Mengen dokumentieren, sie werden jedoch von den Behörden nicht systematisch erfasst und auch nicht veröffentlicht. Nach Berechnungen des Umweltbundesamts landen auf jedem Hektar landwirtschaftlicher Nutzfläche (das entspricht etwa einem Fußballfeld) durchschnittlich 2,8 Kilogramm Pestizidwirkstoffe. Katrin Wenz, wissenschaftliche Mitarbeiterin für Agarpolitik vom BUND, beklagt, dass der "Nationale Aktionsplan Pestizide" keine nennenswerten Reduktionen zur Folge gehabt habe. Auch die neue Bundesregierung verfolge kein konkretes Minderungsziel.

Apfel-Plantagen sind Pestizid-Spitzenreiter

Viele landwirtschaftlich genutzte Pflanzen werden mehrmals im Jahr mit Pestiziden besprüht – mit Abstand am häufigsten sind es Apfelbäume, mit durchschnittlich 28,2 Behandlungen. Auf Platz zwei und drei folgen Wein (17,1) und Hopfen (13,7).

Pestizidverbrauch in Brasilien steigt rasant

Spitzenreiter bei den Steigerungsraten im Pestizidverbrauch ist dem Pestizidatlas zufolge Brasilien. Das südamerikanische Land versprühte im Jahr 2019 mehr als 767.000 Tonnen Pestizide. Das entspricht einer Steigerung von mehr als 143 Prozent im Vergleich zur 1999. Eine Ursache dafür sind immer größere Flächen, auf denen gentechnisch verändertes Soja für die Futtermittelproduktion angebaut wird.

Unternehmen exportieren in der EU verbotene Substanzen

Ein weiterer Kritikpunkt des Pestizidatlas: Während immer mehr Substanzen wegen ihrer schädlichen Wirkung auf die Umwelt, die Artenvielfalt und die menschliche Gesundheit mittlerweile in der EU verboten sind, verdienen die in Europa ansässigen Hersteller Geld damit, sie in Länder zu exportieren, in denen sie (noch) nicht verboten sind. Beispiele dafür sind das für Bienen hochgefährliche Fipronil von BASF und das nervenschädigende Chlorpyrifos der portugiesischen Ascenza Agro SA.

Pestizide, die in der EU nicht mehr erlaubt sind, kehren mit importierten Früchten zurück

Als "Bumerang" bezeichnet der Pestizidatlas das Verhältnis den Export von Pestiziden und den "Re-Import" mit landwirtschaftlichen Erzeugnissen. Zwei Beispiele: Im Jahr 2018 wurden aus Deutschland mehr als 460.000 Kilogramm Pestizide ohne EU-Zulassung nach Brasilien exportiert. 2021 fand Greenpeace in drei von vier aus Brasilien importierten Mangos und in fast allen (95 Prozent) Papayas Pestizid-Rückstände. Darunter auch Spuren von Wirkstoffen deutscher Hersteller wie BASF und Bayer.

Hunderte Millionen Krankheitsfälle weltweit durch Pestizide

Dem Pestizidatlas zufolge erkranken jährlich 385 Millionen Menschen durch Pestizide – weil den gesundheitsschädlichen Substanzen bei der Arbeit ausgesetzt sind, oder weil sie es mit belastetem Trinkwasser oder Nahrung aufnehmen. Besonders im globalen Süden sei die Schutzausrüstung und die Aufklärung über den sicheren Umgang mit den gefährlichen Stoffen oft mangelhaft. Empfehlungen der WHO und der Welternährungsorganisation FAO würden kaum umgesetzt. Der deutsche Industrieverband Agrar (IVA) widersprach umgehend: Die Zahl von 385 Millionen Menschen sei eine wissenschaftlich nicht abgesicherte Schätzung von Aktivisten. Eigene Zahlen legte er nicht vor.

Es geht auch ohne: Vorreiter Luxemburg

Dass es auch ohne chemisch-synthetische Pestizide geht, demonstriert der ökologische Landbau. Aber auch immer mehr Kommunen und Staaten weltweit verzichten auf Pflanzen- und Insektengifte. In der EU gilt Luxemburg als Vorreiter in Sachen Pestizidverzicht. Auf öffentlichen Flächen ist der Einsatz dort schon seit 2016 komplett untersagt. In der Landwirtschaft ist das umstrittene Glyphosat, dessen EU-Zulassung erst 2022 ausläuft, bei unseren Nachbarn schon seit Anfang 2021 verboten.


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