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Journalismus: Modern "Times"
112 Jahre lang war die "New York Times" der Leuchtturm des liberalen Amerikas. Jetzt hat auch sie die Zeitungskrise eingeholt. Und das Internet
An einem Morgen um kurz vor halb elf verlässt Bill Keller, der Chefredakteur der Times, sein Büro auf der dritten Etage des neuen Hauptquartiers der New York Times und geht die Fensterfront entlang, um einen Blick auf die Welt zu werfen. Er geht über den Flur wie ein Chefarzt ohne Kittel. Die Aura des Internisten passt zu seiner Aufgabe.
Als Keller im Juli 2003 Chefredakteur der Times wurde, kam er als Heiler in die verletzte Redaktion einer verletzten Zeitung. Ein junger Reporter, sein Name war Jayson Blair, hatte freihändig ganze Geschichten erfunden, ohne dass seine Vorgesetzten es merkten. Und die Redaktion hatte, als ihre Regierung den Krieg im Irak mit Lügen über Massenvernichtungswaffen rechtfertigte, nicht hartnäckig genug nachgefragt. Die Fälschungen und Nachlässigkeiten waren Ausnahmen, ein paar Tropfen Unwahrheit in einem Meer der Wahrheit, der sich die Zeitung verpflichtet fühlt wie keine zweite. Doch sie beschädigten die Glaubwürdigkeit der Times, ihren Anspruch, ein erstes, verlässliches Protokoll der Geschichte zu sein.
Überleben im Internet-Zeitalter
Zeitgleich wuchs das Internet
zu einer Macht von historischen
Dimensionen heran, die alle alten Medien
hinwegzufegen droht. Sind
Zeitungen überflüssig geworden
in der digitalen Welt, trennen
sich die Nachrichten und das Papier
- für immer? Keller soll die Glaubwürdigkeit
des Blattes wiederherstellen,
ihm eine Zukunft schenken.
Sein Lebenslauf liest sich wie
eine Vorbereitung auf die Times
in Zeiten der tödlichen Bedrohung
durch das Internet.
"Was ich am Journalistenleben immer am meisten mochte, ist das Erklären - zu beobachten, wie etwas wirklich Kompliziertes passiert, es zu verstehen und zu erklären. Jetzt muss ich die größte Geschichte meines Lebens verstehen." Als Keller das sagt, klingelt sein Telefon. Er ignoriert es und denkt nach. Über den Satz. Über die Times und die Zeitungen in Amerika. "Es geht um einen Übergang", sagt er dann, als sein Telefon verstummt. "Es geht auch ums Überleben."
Digitale Nachrichten: Journalismus der nächsten Stunde
Am Ende der gläsernen Wand geht Keller nach rechts und betritt den Raum, in dem er den Übergang und das Überleben redigiert. Raum O3E3-246 hat, wie jeder andere im Turm der Times, einen Namen, der beschreibt, was in ihm geschieht. Er trägt den Namen "page one", "Seite eins". Es ist der Raum, in dem die leitenden Redakteure die Lage der Welt besprechen und entscheiden, welchen Ausschnitt der Wirklichkeit sie auf der Titelseite der Times am nächsten Tag abbilden werden.
Der Raum für die Seite eins ist ein Fenster in die Zukunft. Die Redakteure sitzen an einem großen ovalen Tisch mit kleinen Mikrofonen, wie die Vorstände eines weltumspannenden Unternehmens. Die Wände um sie herum sind weiß und kahl, nur eine Uhr hängt über ihren Köpfen. Sie zeigt die Zeit in New York. Es ist ihre Weltzeituhr. An der Stirnseite hängt eine Leinwand, auf der ein Bild von der Lage der Welt erscheint. Es dominiert den Raum und schwebt vor den Redakteuren, als blickten sie durch ein Periskop in die Wirklichkeit außerhalb dieser Wände. Es ist die Internetseite der Times.
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Kommentare zu "Journalismus: Modern "Times""
silvester.stalone.rambo@gmail.com