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Mythos "Billiges Dopamin" Was uns wirklich zu Online-Junkies macht – und wie der Entzug gelingt

  • von Sergei Pankov
Angeblich beruht exzessiver Smartphone-Konsum auf einer Sucht nach "billigem Dopamin". Aus Sicht der Wissenschaft liegt dem Verlangen nach immer mehr Klicks etwas anderes zugrunde
Illustration von einer Person mit Smartphone in einem Kreislauf
Endlos können wir uns in den Feeds auf unseren Smartphones verlieren. Glücklich macht das nicht. Eher verbirgt sich hinter exzessivem Online-Konsum eine Form des Stressabbaus
© vatrushka67 / istockphoto / Getty Images

Schlaflose Nächte vor dem Bildschirm, verpasste Abgabefristen durch endloses Scrollen, Gespräche, die nicht in Gang kommen, weil der Blick ständig zum Smartphone geht: Die Folgen von übermäßigem Online-Konsum machen vielen zu schaffen. Allein: Der Drang, ständig "on" zu sein, lässt sich nur schwer abschütteln. Denn längst ist unser Gehirn geradezu süchtig nach immer neuen Nachrichten, Bildern, Clips. 

Dafür verantwortlich ist ein körpereigenes Suchtmittel namens Dopamin, das durch die digitale Reizflut im Übermaß ausgeschüttet wird, so eine gängige Vorstellung. Daher soll "Digital Detox" Abhilfe versprechen. Die Idee dahinter: Wer offline geht, setzt sein Gehirn auf Dopamin-Entzug. Und entwöhnt sich so von exzessiver Online-Sucht. Klingt plausibel. Doch die Forschung hat diese Theorie längst widerlegt. 

Ein Zufall brachte Forschende auf die Spur

Zu großer Bekanntheit gelangte der Botenstoff Dopamin bereits lange vor dem digitalen Zeitalter – und zwar durch einen Zufall. 1954 untersuchten die US-amerikanischen Neurobiologen James Olds und Peter Milner die Auswirkungen einer elektrischen Stimulation der Gehirne von Ratten. Dazu hatten sie Elektroden direkt in die Hirne der Nager eingeführt. Immer dann, wenn die Tiere einen bestimmten Bereich in ihrem Laborgehege durchkreuzten, gaben die Elektroden einen Impuls ab. Eine Ratte verhielt sich anders als die anderen: Sie kehrte immer wieder zu jener Stelle zurück, an der sie einen elektrischen Schlag abbekam. Seltsam, denn eigentlich sollte das unangenehm sein. 

Bei einer Untersuchung stellte sich heraus, dass die Elektrode im Gehirn versehentlich tiefer reichte als geplant. Gezielt führten die Forschenden nun Elektroden in dieselbe Region bei anderen Ratten ein. Auch diese Tiere waren daraufhin ganz besessen davon, immer neu stimuliert zu werden. Es wurde klar, dass die aktivierte Hirnregion mit Lustempfinden verknüpft sein muss. Heute ist sie als Belohnungszentrum bekannt.

In einem weiteren Experiment konnten die Ratten selbstständig einen Hebel betätigen, um die Elektrode zu aktivieren. Wie in Trance drückten sie ihn immer wieder, ohne sich um Futter, Wasser oder Schlaf zu kümmern. Spätestens zu diesem Zeitpunkt rückte Dopamin in den Fokus: Zunächst wurde entdeckt, dass die elektrische Stimulation des Belohnungssystems bei Tieren große Mengen dieses Botenstoffs freisetzt. Später zeigten sich ähnliche Dopamin-Schübe auch bei der Stimulierung der gleichen Regionen im menschlichen Gehirn. So setzte sich bis in die 1980er-Jahre die Vorstellung von Dopamin als "Glückshormon" durch.

Erhöhen Drogen den Dopaminspiegel?

Dopamin, das lange als unauffälliges Arbeitstier im biochemischen Getriebe des Gehirns galt, rückte mehr und mehr in den Fokus der Forschung. Prompt folgte die nächste Entdeckung: Demnach erhöhen einige Drogen den Dopaminspiegel. 1997 verkündete daraufhin das "Time Magazine" fast triumphierend: Die Ursache aller Süchte sei gefunden. Drogen wirkten nicht direkt auf das Gehirn, sondern entfesselten einen massiven Dopamin-Kick – und erst der führe zum rauschhaften Hochgefühl.

Von da an galt: Jede Sucht ist letztlich eine Dopamin-Abhängigkeit. Als in den 2010er-Jahren Untersuchungen zeigten, dass auch Shopping oder Videospiele das Belohnungssystem stimulieren, war der Schluss schnell gezogen. Ebenfalls eine Form der Dopamin-Abhängigkeit!

Und schließlich kam für das Phänomen des exzessiven Medienkonsums ein neuer Begriff auf: "billiges Dopamin". Wie bei Drogen, so die Theorie, erschöpfe es das Gehirn und treibe uns in eine Art Suchtspirale – immer mehr Likes, immer mehr Swipes, immer mehr Clips, um das gleiche Dopaminlevel zu halten. Gleichzeitig, so die Vorstellung, stumpfen wir gegenüber dem "teuren" Dopamin ab. Damit ist ein eher subtiles Belohnungsgefühl gemeint, das einen gewissen Aufwand erfordert: ein tiefgehendes Gespräch etwa, eine sportliche Anstrengung, eine anspruchsvolle Lektüre. Ständig auf der Jagd nach dem billig zu habenden Kick, heißt es, verlieren wir zunehmend die wertvollen Freuden des Lebens. 

Das Konzept vom "Dopamin-Detox" macht die Runde

Wie durchbricht man diesen Teufelskreis? Die Lösung scheint auf der Hand zu liegen: Entzug – genau wie bei einer Substanzmittelsucht. 2019 prägte der kalifornische Psychologe Cameron Sepah den Begriff "Dopamin-Detox". Darunter verstand er ein ganzes Spektrum von Maßnahmen. Angefangen von kleinen Anpassungen wie dem Stummschalten von Benachrichtigungen bis hin zu radikalen Fastenkuren: dem kompletten Verzicht auf digitale Reize über mehrere Tage. Das Ziel: den Dopaminpegel auf null senken, das Belohnungssystem gewissermaßen zurücksetzen und wieder echte Freude empfinden.

Daran muss nichts falsch sein, kein Zweifel, dass digitale Auszeiten dem Wohlbefinden zuträglich sind. Doch unser Verständnis von Dopamin hat sich inzwischen grundlegend verändert. Und die Schlussfolgerungen aus den frühen Experimenten haben sich als vereinfacht oder falsch erwiesen. 

So ist Dopamin für sich genommen keineswegs eine Droge. Es ist auch nicht direkt mit Abhängigkeit verbunden. Neuere Studien zeigen nämlich: Es gibt Substanzen, die den Dopaminspiegel im Belohnungszentrum erhöhen, aber keineswegs süchtig machen. Umgekehrt gibt es Drogen wie Cannabis, die ein offensichtliches Suchtpotenzial haben, ohne den Dopaminspiegel zu verändern. Versuche, Abhängigkeiten durch die Blockade der Dopaminrezeptoren mittels bestimmter Medikamente zu behandeln, sind entsprechend gescheitert.

Illustration einer Person auf einer Leiter zu einer Wolke mit Smileys
Zum Greifen nah: Für höhere Formen der Befriedigung müssen wir uns oft ein wenig strecken. Dopamin ist dabei jener Stoff, der uns antreibt
© Yutthana Gaetgeaw / istockphoto / Getty Images