Archäologische Analysen Stadtpläne zeigen: Die Demokratie ist viel älter als gedacht

Blick über Ruinen von Teotihuacán: vorne ein Platz mit großem Podest, hinten eine von Stufenpyramiden gesäumte Straße
Die Stadt Teotihuacán im heutigen Mexiko war um 500 n. Chr. auf dem Zenit ihrer Macht. Ihre Straßen und Plätze boten viel Platz für das Zusammentreffen und den Austausch der Bewohner. Ein königliches Begräbnis haben Archäologen bis heute nicht gefunden, dafür aber Hinweise auf eine herrschende Elite und Menschenopfer. Zudem konnten sie einen Komplex freilegen, der in einer gewaltigen Kraftanstrengung errichtet worden sein muss: eine Wohnanlage für mehr als 2000 Familien, deren Aufwand den für den Bau der Pyramiden und öffentlichen Bauwerke der Stadt um das Doppelte übertraf
© Linda Nicholas, Field Museum
Das antike Rom und Athen gelten vielen als die Wiegen der Demokratie. Eine neue Studie zeigt: Formen der Volksherrschaft gab es schon vorher. Und zwar auf der ganzen Welt

Athen, um 460 v. Chr.: Kein König führt den Stadtstaat, sondern ein Rat. Wer von den darin sitzenden Politikern zu einflussreich zu werden droht und sich weigert, seinen Platz zu räumen, wird kurzerhand abgewählt. In Athen gelten Gleichheit, Freiheit und Recht für alle Bürger (Sklaven und Frauen allerdings ausgenommen). Das Wort, das sich für diese Art der Volksherrschaft einbürgert, ist zusammengesetzt aus den griechischen Vokabeln dēmos für "Volk" und krátos für "Macht": Demokratie.

Rom, etwa 40 Jahre zuvor: Adelige Familien, die sogenannten Patrizier, werfen ihren König aus der Stadt und errichten eine Republik, abgeleitet von Lateinisch res publica, "die öffentliche Sache". Fortan werden die Regierungsgeschäfte von einem Senat geführt, aus dessen Reihen die wichtigsten Staatsämter besetzt werden. Die nichtadeligen Plebejer kämpfen über mehrere Jahrhunderte um Gleichberechtigung. Und auch als sie diese endlich errungen haben, gelangt stets nur eine kleine Elite aus Patriziern und reichen Plebejern in die hohen Ämter.

Stadtpläne im Vergleich: oben Athen mit Ratsgebäuden, unten der Palast von Tikal mit seinen Thronräumen
Die Verteilung der politischen Macht zeigt sich in so manchem Stadtplan: In Athen (oben) tagte der Stadtrat im sogenannten Bouleuterion, in dem die Ratsmitglieder auf nach oben ansteigenden Rängen saßen. In der Maya-Stadt Tikal (unten) wurden die politischen Entscheidungen in den – hier blau markierten – Thronräumen auf der zentralen Akropolis mit ihren sechs Höfen getroffen
© drafted by Carballo, Seagard, Nicholas

Eine Demokratie im heutigen Sinne ist also keines der genannten Gemeinwesen. Und doch sind die beiden Volksherrschaften bis heute die berühmtesten Vertreter einer Staatsform, von der der britische Politiker Winston Churchill sinngemäß einmal gesagt hat, sie sei die schlechteste von allen, aber die beste, die wir haben.

Die Geschichte der Demokratie auf eine neue Art zu erforschen, das hat sich nun ein internationales Team aus Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern um Gary Feinman, Kurator für mesoamerikanische und zentralamerikanische Anthropologie am Field Museum in Chicago, vorgenommen. Durch die Analyse von 40 Fundplätzen aus 31 prähistorischen und historischen Gesellschaften in Europa, Asien und Amerika haben sie nach Markern dafür gesucht, wie die politische Macht in dem jeweiligen Gemeinwesen verteilt gewesen sein könnte.

Vor allem Stadtpläne liefern Indizien

Indizien liefern vor allem Stadtpläne. "Wenn man städtische Gebiete mit weitläufigen, offenen Plätzen findet oder öffentliche Gebäude mit großzügigen Bereichen sieht, in denen sich Menschen treffen und austauschen können, dann sind diese Gesellschaften tendenziell demokratischer", erklärt Feinman in einer Pressemitteilung zu der Studie. "Wenn man hingegen Pyramiden mit einem winzigen Plateau auf der Spitze vor sich hat, Stadtpläne, in denen alle Straßen zur Residenz des Herrschers führen, oder Gesellschaften, in denen es kaum Raum für den Informationsaustausch gab, dann sind das alles Anzeichen für eher autokratische Systeme."

Den Autoren der Studie ist natürlich klar, dass sich die Menschheit seit Anbeginn ihrer Tage meist eher kooperativ verhalten hat. Als Jäger und Sammler war das Überleben der Gemeinschaft von Zusammenhalt und von Zusammenarbeit abhängig. Erst mit der Neolithischen Revolution und der Verbreitung von Ackerbau, Viehzucht und Sesshaftigkeit ab etwa 9000 v. Chr. änderte sich die Lage, entstanden im 4. Jahrtausend v. Chr. erste Hochkulturen, autokratische Systeme, in denen wenige über viele geboten und diesen Anspruch durch Stärke, Besitz oder ein besonders gutes Verhältnis zu den Göttern begründet haben.

mesoamerikanische Wandmalerei: zwei Menschen opfern einer Gottheit
Die Gesellschaft von Teotihuacán teilte sich in mehrere Schichten. Vermutlich wurde die Stadt von Adeligen in einer Art Theokratie regiert. Im Gegensatz zu anderen mesoamerikanischen Ruinenstätten sind aus Teotihuacán bisher keine Gräber und auch keine Darstellungen von Herrschern bekannt, sondern nur Bildnisse von Göttern, denen – wie hier – deutlich kleiner gezeigte Menschen Opfer darbringen
© Photo by Linda Nicholas, Field Museum.

So deuten etwa Kunstwerke, die eine Person übergroß zeigen, oder monumentale Grabstätten auf eine Machtkonzentration in der Hand einer Person oder einer kleinen Elite hin. Die Abwesenheit solcher Monumente hingegen, so die Studie, scheint das Gegenteil zu belegen.

Der "Autokratie-Index" der Archäologen zeigt an, wie die Macht verteilt ist

Für seine Untersuchungen hat das Forschungsteam aber nicht nur Stadtpläne, sondern auch Kunstwerke, Gebäude, Texte und alle möglichen Anzeichen für Besitz zusammengetragen, um zu messen, wie die jeweiligen Gesellschaften die politische Macht ausbalancierten und welche der Faktoren zu den von ihnen dokumentierten Unterschieden in der Herrschaftsstruktur beitrugen. Mit Kennzahlen versehen und statistisch miteinander in Beziehung gesetzt, ergab sich daraus ein "Autokratie-Index" von stark autokratisch bis stark kollektivistisch, in den sich fortan theoretisch jede historische Gesellschaft einordnen lässt.

Eine Erkenntnis, die sich insbesondere für ein besseres Verständnis der Sozialgeschichte von schriftlosen Kulturen oder Gemeinschaften, von denen sich keine oder nur wenige Schriftstücke erhalten haben, als sinnvoll erweisen könnte.

So konnten die Forschenden etwa auch aufzeigen, dass Autokratie und soziale Ungleichheit nicht so zwingend wie bisher angenommen mit komplex organisierten Gesellschaften und Bevölkerungswachstum einhergehen. Eines der Beispiele dafür ist Mohenjo-Daro im heutigen Pakistan, die mit 250 Hektar Fläche größte urbane Siedlung der sogenannten Indus-Kultur, welche von 2600 bis 1800 v. Chr. im Tal des namensgebenden Flusses erblühte.

Das alte Mohenjo-Daro verfügte über ein regelmäßiges Straßennetz, eine ausgeklügelte Kanalisation. Große Bauten oder gar Paläste hingegen gab es hier kaum. Die Formate der Ziegel zum Bau der Häuser waren genormt, Besitz scheint recht gleichmäßig verteilt gewesen zu sein. Der Autokratie-Index fällt hier niedrig aus.

Schock und Ehrfurcht

Demgegenüber gibt es laut den Forschenden eine starke Korrelation zwischen Autokratie und spektakulären Ritualen. Dies untermauert einmal mehr, wie wichtig es für Alleinherrscher ist, ihre persönliche Macht und Autorität durch Schock und Ehrfurcht zu erlangen – oder, was vermutlich öfter der Fall gewesen sein dürfte, zu festigen. Im heutigen Anyang beispielsweise, einst Hauptstadt der späten Shang-Dynastie (etwa 1250–1050 v. Chr.) in China, wurden verstorbene Herrscher und andere wichtige Personen im Rahmen aufwendigster Rituale beigesetzt, oft in Verbindung mit Menschenopfern. Dem ultimativen Beweis von Macht der jeweiligen Familie also, wie er auch für viele mesoamerikanische Kulturen belegbar ist.

Die Forscherinnen und Forscher um Gary Feinman sehen sich aber nicht nur als wissbegierige Menschen, die vergangene Zeiten erkunden. Für sie geht es darum, allgemein ein besseres Verständnis der Merkmale von Autokratie und Demokratie über alle Epochen hinweg zu erreichen. Ein Verständnis, das helfen kann, auch zukünftig Bedrohungen zu erkennen – und aufkeimende totalitäre Regime einzudämmen.

Die Studie "The distribution of power and inclusiveness across deep time" von Gary Feinman et al. ist in "Science Advances" erschienen und hier einsehbar: https://www.science.org/doi/10.1126/sciadv.aec1426

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