In der Nacht vom 31. Mai auf den 1. Juni 1921 erwacht die sechsjährige Lessie Benningfield aus dem Schlaf. Donner, Knallen und flackerndes Licht dringen in ihr Zimmer in einem Haus im Stadtteil Greenwood in Tulsa im US-Bundesstaat Oklahoma. Die Sechsjährige ist nicht die Einzige, die in jener Nacht aufschreckt. Auch Lessies Mutter, Vater und Großmutter sind wach. Schreie und Schüsse der Nachbarn warnen die schwarze Familie. Ganz Greenwood steht in Flammen. Bewaffnete Weiße gehen in jener Nacht von Haus zu Haus, plündern, randalieren und zerstören alles, was ihnen in die Quere kommt.
Als der Mob das Haus der Benningfields erreicht, ist es bereits menschenleer. Eltern, Großmutter, die Geschwister und Lessie sind rechtzeitig geflüchtet. An der zitternden Hand des Vaters rennt das Mädchen barfuß durch die Straßen des Viertels, sie hört Angstschreie und Schüsse durch die Nacht hallen. Sie sieht, wie schwarze Anwohnerinnen und Anwohner versuchen, Hab und Gut und ihr Leben gegen die wütenden Weißen zu verteidigen. Aus dem Augenwinkel erkennt Lessie leblose Körper am Boden. Die Flammen der angezündeten Häuser ragen bis zum Himmel und erhellen die Dunkelheit. So erinnert Lessie ein Jahrhundert später die Geschehnisse der Horrornacht.
Auf der Suche nach Zuflucht treibt der Vater die Familie durch Tulsa. Irgendwann erreichen sie einen sicheren Ort außerhalb des schwarzen Stadtviertels, das in jener Nacht dem Erdboden gleichgemacht wird. Sie haben einen der schlimmsten rassistischen Übergriffe in der Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika überlebt: das Tulsa-Massaker.
"Black Wall Street": Ein florierendes Viertel
Nach dem Ende des Amerikanischen Bürgerkriegs 1865 suchten viele Schwarze in Tulsa einen Neuanfang. Die Sklaverei war offiziell abgeschafft, Schwarze besaßen nun Bürgerrechte, durften über ihren Besitz selbst bestimmen und konnten Unternehmen gründen. Dennoch trennten strikte Rassengesetze den Alltag der Bevölkerung in Oklahoma.
Hinter der Bahnlinie im Norden der Kleinstadt war nach dem Bürgerkrieg ein Bezirk mit 35 Häuserblocks entstanden, in dem die schwarzen Einwohnerinnen und Einwohner lebten und arbeiteten: Greenwood – mit Hotels, Restaurants, Theater, Friseuren, Ärzten, einem Zahnarzt, Immobilienmaklern, Anwälten, Bäckereien, Kirchen, Schulen, einem Zigarren- und einem Süßwarenladen. Weil dort Schwarze verhältnismäßig wohlhabend lebten, wurde das Stadtviertel auch "Black Wall Street" genannt. Doch das änderte sich nach einem folgenschweren Aufeinandertreffen im Jahr 1921.
Eine fatale Begegnung im Fahrstuhl
Am 30. Mai dieses Jahres ging Dick Rowland wie gewohnt zur Arbeit zum Schuhputzladen in der Innenstadt von Tulsa. Der Schwarze hatte wenige Jahre zuvor die Schule abgebrochen und war als Schuhputzer im Salon eines Weißen. Oft gaben die Kunden den "Boot Blacks" ein üppiges Trinkgeld. Doch für die schwarzen Angestellten gab es in dem Geschäft nicht wie vorgeschrieben eine eigene Toilette. Ein Waschraum für Schwarze im nahegelegenen Drexel-Gebäude bot Abhilfe.
Um zur Toilette im obersten Stockwerk zu gelangen, mussten alle Besucher des Bürogebäudes einen Fahrstuhl benutzen. Aufzüge wurden damals noch manuell bedient, üblicherweise von Frauen. An jenem Montag hatte die 17-jährige Weiße Sarah Page Dienst als Aufzugführerin, als Dick Rowland die Kabine betrat. Was genau dann im Fahrstuhl geschah, ist bis heute nicht mit Sicherheit geklärt.
Ein Angestellter eines Bekleidungsgeschäftes im Erdgeschoss des Gebäudes soll einen Schrei aus Richtung des Fahrstuhls gehört und als er hineilte, die junge Frau verstört vorgefunden haben. Er sah wohl noch, wie Rowland aus dem Gebäude floh. Der Angestellte war überzeugt, die weiße Aufzugbedienerin sei Opfer eines versuchten sexuellen Übergriffs geworden. Er rief die Polizei. Page erzählte den Beamten, Rowland habe ihren Arm gepackt, sonst sei nichts passiert. Anzeige zu erstatten, lehnte sie ab. Die Beamten stellten fest, es handele sich bei dem Vorfall um "weniger als eine Körperverletzung" und leiteten eine Untersuchung ein.
Rowland kehrte nach dem Vorfall nicht zu seiner Arbeit im Schuhputzsalon zurück, sondern flüchtete in das Haus seiner Adoptivmutter in Greenwood. Der junge Schwarze war verängstigt, denn Selbstjustiz war damals in den USA weit verbreitet. Zwischen 1907 und 1920 kamen im Bundesstaat Oklahoma 27 Schwarze bei Lynchmorden zu Tode.
Die Presse propagiert Lynchjustiz
Anfang der 1920er-Jahre galt Tulsa als ein Zentrum des Ku-Klux-Klans (KKK), des rassistischen Geheimbunds, der nach dem Bürgerkrieg aktiv und für zahlreiche Morde an Schwarzen verantwortlich war. Mehr als 5000 Männer aus Tulsa waren Mitglieder des KKK.
Millionen Menschen in den USA hatten 1915 den Film "Birth of a Nation" gesehen. Der Historienfilm über den Bürgerkrieg romantisiert den KKK: Klansmänner erscheinen darin als Kämpfer auf weißen Pferden, um die vermeintlich durch den sexuellen Übergriff eines Schwarzen beschädigte Ehre einer weißen Frau zu rächen. Schon der bloße Vorwurf der Körperverletzung konnte für einen Mann wie Rowland ein Todesurteil sein.
Erst am nächsten Morgen traute er sich, das Haus wieder zu verlassen. Doch schon auf dem Weg zur Arbeit nahm ihn die Polizei fest und sperrte ihn in eine Zelle im obersten Stockwerk des Gerichtsgebäudes von Tulsa.
Wenige Stunden später riefen Zeitungsjungen die Schlagzeile der Abendausgabe durch die Stadt: "Schwarzer wegen Angriff auf Mädchen im Aufzug festgenommen". Der Artikel weckte die Aufmerksamkeit der Menschen in Tulsa. Augenzeugen berichteten später, der rassistische Text habe die Menschen gegen Dick Rowland aufgehetzt. Manche meinten, sich an eine explizite Aufforderung zur Lynchjustiz zu erinnern. Erhalten ist der Originalartikel im Archiv der mittlerweile eingestellten Zeitung nicht mehr.
Gegen Abend versammelten sich rund 2000 Weiße vor dem Gerichtsgebäude. Die aggressiven, teils bewaffneten Männer forderten von den Polizeibeamten, Rowland herauszugeben, damit sie an dem jungen Schwarzen ein Exempel statuieren könnten. Doch der lehnte ab.
Auch rund 25 Schwarze aus Greenwood kamen bewaffnet mit Gewehren und Schrotflinten zum Gerichtsgebäude in der Innenstadt. Vor der Menge verkündeten sie, Rowland zu beschützen – notfalls mit Gewalt. Ein Pfarrer, ein Richter und der Sheriff versuchten erfolglos, die Versammelten davon zu überzeugen, sich zurückzuziehen.
Ein Schuss entflammt die Wut
Als schließlich ein Weißer einen Schwarzen anpöbelte, soll sich ein Schuss gelöst haben. Die Weißen begannen zu schießen. Die Schwarzen erwiderten das Feuer. Schließlich lagen Dutzende tot oder verwundet am Boden. Die zahlenmäßig unterlegenen Schwarzen zogen sich langsam hinter die Bahnlinie nach Greenwood zurück, wo sich die Eskalation jedoch fortsetzte.
Eine wütende Menge stürmte das Viertel, plünderte Geschäfte, drang in die Wohnhäuser ein, schoss auf Schwarze, verprügelte und misshandelte sie oder stach mit Messern auf sie ein. Einige versuchten, sich zu verteidigen, andere flohen. Gleichzeitig hinderten die Randalierer Feuerwehr und Krankenwagen, in das Viertel zu fahren. Wohnhäuser, Schulen, Kirchen und auch das Krankenhaus in Greenwood – die Weißen setzten alles in Brand.
Die Behörden verhängten das Kriegsrecht. Am Morgen des 1. Juni 1921 trafen Soldaten der Nationalgarde ein. Sie entwaffneten die sich verteidigenden Schwarzen und trieben die zurückgebliebenen Anwohner, rund 6000 Menschen aus Greenwood, in Internierungslager.
Bis zum Abend entwaffnete die Nationalgarde auch alle Weißen und schickte sie nach Hause. Die Straßen waren nun menschenleer, Greenwood lag in Schutt und Asche: Rund 1250 Gebäude waren zerstört, mehr als 10.000 schwarze Männer, Frauen und Kinder waren auf einen Schlag obdachlos. Es gab Hunderte Verwundete und geschätzt 150 bis 300 Tote.
Während der gesamten Zeit hatte sich Rowland sicher im Gerichtsgebäude befunden. Er überlebte jenes Massaker, das seine vermeintliche Tat ausgelöst hatte. Auch Lessie und ihre Familie überlebten die Tage der Gewalt. Doch ihr Leben war danach nicht mehr wie zuvor.
Das lange Schweigen
Noch im Juni 1921 machte ein Gericht in Oklahoma die schwarze Bevölkerung selbst für die Gräueltaten verantwortlich. Niemand wurde für die Morde, Plünderungen und Zerstörungen strafrechtlich verfolgt. Die Überlebenden bauten ihr Stadtviertel aus eigener Kraft wieder auf – eine Entschädigung für ihre Verluste blieb aus.
Es folgte mehr als ein halbes Jahrhundert des Schweigens. Tulsa vertuschte den Gewaltakt gegen seine schwarze Bevölkerung, man schwieg öffentlich über die Geschehnisse in der Nacht vom 31. Mai auf den 1. Juni.
Die Überlebenden des Massakers behielten ihre Erinnerungen aus Furcht für sich oder sprachen nur innerhalb der Familien darüber. Das Massaker in Tulsa geriet in Vergessenheit.
Auch die Familie Benningfield musste ohne Wiedergutmachung weiterleben. Nach ihrem Highschool-Abschluss heiratete Lessie, hieß nun Benningfield Randle, arbeitete als Hausfrau und Pflegekraft, bekam fünf Kinder und verbrachte einen Großteil ihres Lebens in Tulsa. Erst Mitte der 1980er-Jahre, als ihre Enkelin sie danach fragte, begann Lessie über jene Dinge zu sprechen, die sie als Sechsjährige in Greenwood erlebt hatte.
Es vergingen 75 Jahre, bis 1996 ein Denkmal in Erinnerung an die Gräueltaten errichtet wurde. Kurz darauf berief die Regierung von Oklahoma eine Kommission aus Historikerinnen und Historikern ein, um die Geschehnisse aufzuarbeiten. In ihrem Abschlussbericht versuchten die Forschenden, das Massaker zu rekonstruieren und empfahlen Entschädigungszahlungen für die Überlebenden und ihre Nachkommen. Doch die Sadt und das Land Oklahoma verweigerten dies weiterhin.
Gemeinsam mit anderen Überlebenden verklagte die mittlerweile über 100-jährige Lessie Benningfield Randle daraufhin 2020 die Stadt Tulsa auf Entschädigung. Doch auch diese Klage wies der Obersten Gerichtshof von Oklahoma ab.
Zum 100. Jahrestag des Massakers 2021 legten Lessie gemeinsam mit den Überlebenden Viola Fletcher (damals 107 Jahre) und Hughes Van Ellis (damals 100 Jahre alt) vor dem US-Kongress Zeugnis über das Massaker ab. Zur Gedenkfeier besuchte US-Präsident Joe Biden Tulsa und erkannte in seiner Rede das Geschehen als eines der schlimmsten Massaker in der US-Geschichte an. Im selben Jahr wurde das Bildungszentrum Greenwood Rising eröffnet, in dem die Geschichte der Zerstörung der "Black Wall Street" ausgestellt wird.
Heute ist Lessie Benningfield Randle, die letzte bekannte Überlebende des Tulsa-Massakers, 111 Jahre alt. "Ich wünsche mir Gerechtigkeit. Es ist höchste Zeit. Ich möchte, dass all dies aufgeklärt wird und wir den richtigen Weg einschlagen", sagte sie in einem Interview in ihrem Haus in Tulsa. "Aber ich weiß nicht, ob ich das jemals erleben werde."