Naturkunde Linné versus Buffon: Das Duell um die Ordnung der Welt

Carl von Linné und Georges-Louisde Buffon
Carl von Linné (linke Seite) und Georges-Louis Leclerc de Buffon, beide geboren 1707, ringen um Einsicht in das Wesen der Schöpfung. Sie gelangen zu höchst unterschiedlichen Erkenntnissen und revolutionieren in ihrer hitzigen Gegensätzlichkeit dennoch gemeinsam die Naturforschung
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Im 18. Jahrhundert streiten zwei Titanen der Wissenschaft darüber, wie viele Arten es wohl gibt auf Erden und wie die Vielfalt sinnvoll zu erfassen wäre. Es ist eine Debatte, die bis in die Gegenwart reicht

Am 18. April 1788 zieht ein Trauerzug durch Paris, der eines Königs würdig wäre. Wohl 20.000 Menschen säumen die Straßen, als die Kutsche mit dem Sarg vorüberzieht, gezogen von 14 Pferden. Die städtische Garde, Schulkinder, livrierte Diener, 60 Geistliche marschieren in Abteilungen voran, die Prominenz aus Wissenschaft, Kunst und Aristokratie folgt Schulter an Schulter hinterdrein, zu Klageliedern und Hörnerklang. Es ist der Abschied vom ersten Popstar der Wissenschaft: von Georges-Louis Leclerc de Buffon.

Nur wenige Jahre später wird Buffons Grab geplündert, werden seine sterblichen Überreste aus dem Sarg gezerrt. Einer der größten Intellektuellen seiner Zeit gilt plötzlich als Feind des Fortschritts und als Verbreiter gefährlicher Gedanken. Männer mit brennenden Fackeln sind in den Park gestürmt, in dem sein Denkmal steht und den er zu einer der wichtigsten Forschungsstätten seiner Zeit entwickelt hatte. Dort wollen sie eine Büste des von ihm zutiefst verachteten Konkurrenten errichten: die des Carl von Linné.

Linné ist da schon lange tot, gestorben zehn Jahre vor seinem Kontrahenten, am 10. Januar 1778. Ihm war kein großer Abgang aus dieser Welt vergönnt gewesen. Ein paar Kollegen und Studenten, eher pflichtschuldig anwesend, hatten an seinem schlichten Sarg gestanden, keine öffentliche Inszenierung, keine Fanfaren. Es war der Abschied von einem verwirrten Professor, der schon Jahre zuvor den Bezug zur Realität verloren hatte. Und der bald aufsteigt in den Zenit der Wissenschaft – aus dem Buffon verstoßen wurde.

Farbiger Stich mit 2 Eisvögeln
Weisheit und Schönheit: Buffons gigantische "Histoire naturelle" umfasst am Ende 36 Bände. Das Opus magnum ist nicht nur ein wissenschaftlicher Meilenstein, es ist auch ein Werk von hohem ästhetischen Anspruch, das noch lange nachgedruckt wird, die Bilder auch als Kunstwerke, so wie der kolorierte Stich mit den Eisvögeln
© Georges-Louis Leclere de Buffon, illuminierter Stich © François-Nicolas Martinet / Album / Alamy Stock Photo

Überwältigender Triumph und klägliches Scheitern, unsterblich der eine, unbedeutend der andere, und dann die Rollen vertauscht. Athene, Göttin der Wissenschaft, weiß in der Causa Buffon versus Linné nicht, was sie will; stellt den einen ins Licht und verbannt den anderen in den Schatten, hebt dann den anderen aufs Schild und stürzt Ersteren ins Vergessen. Und heute? Hadert Athene schon wieder mit ihrer Entscheidung: In der Neuzeit scheint das Gebäude Linnés zu bröckeln, das von Buffon strahlt erneut. Wieder eine Wendung in diesem Wissenschaftskrimi?

Linné kennen wir noch aus der Schule. Nicht nur Wissenschaftlern, den meisten von uns ist seine zweiteilige Benennung der Arten geläufig. Die Blume dort im Garten, sie ist ein Sonnenhut, genauer gesagt: ein Schlitzblättriger Sonnenhut, wissenschaftliche Bezeichnung: Rudbeckia laciniata. Eine Pflanze aus der Ordnung der Asternartigen, zur Familie der Korbblütler gehörend, Gattung: Rudbeckia(von Linné selbst so benannt, nach einem seiner Professoren). Das mehrstufige System zur Einordnung des Gewächses in das Reich der Botanik ist Linnés Werk, seine binominale Nomenklatur ist zur weltweit gültigen Grammatik der Biologie geworden, zu einem global akzeptierten wissenschaftlichen Code.

Buffon hingegen ist heute eine eher unbekannte Größe, außerhalb Frankreichs jedenfalls. Es ist ein Verdienst des Autors Jason Roberts, dass er ihn in seinem Buch "Die Entdeckung allen Lebens" als brillanten Gelehrten in Erinnerung ruft; als einen Naturkundler, dessen kühne Gedanken seiner Zeit weit voraus sind, bis in die Gegenwart reichen und darüber hinaus. Das Buch richtet den Blick auf den Disput mit seinem Widersacher Carl von Linné; auf zwei schillernde Persönlichkeiten der Geisteswelt, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Und die doch verblüffend viel gemein haben.

Naturkundige Kontrahenten

Beide werden 1707 geboren; Carl von Linné im ländlichen Schweden als Sohn eines Pfarrers, Georges-Louis Leclerc de Buffon als Sohn eines königlichen Beamten in der Bourgogne. Beide sind sie keine großen Lichter in der Schule und im Studium wenig erfolgreich. Linné erscheint seinen Lehrern "für akademische Bildung offenkundig ungeeignet", er solle lieber bei einem Schneider oder Schuhmacher in die Lehre gehen.

Linné ist kaum größer als 1,50 Meter und von schmächtiger Statur. Die meiste Zeit seines Studiums leidet er Not, hat oft nicht genug Geld für Essen und Kleidung, stopft die Löcher in seinen Schuhen mit Zeitungspapier. Von einem Dasein als Wissenschaftler kann er nur träumen. Und hat dabei eine Existenz als Landstreicher vor Augen.

Schlitzblättriger Sonnenhut gezeichnet
Erfolgsformel: Linnés System der Benennung der Arten, mit Gattung und Spezies, ist noch heute ein global gültiger wissenschaftlicher Code: Diese Pflanze etwa nannte er Rudbeckia laciniata (Rudbeck hieß einer seiner Professoren). Deutscher Name: Schlitzblättriger Sonnenhut
© Iconographia Taurinensis. Band XXIV, Platte 28 © Giovanni Antonio Bottione / NPL / DeA Picture Library / G. Cigolini / Bridgeman Images

Buffon erbt schon als Kind ein riesiges Vermögen, Roberts schätzt es nach heutigem Wert auf annähernd 30 Millionen Euro, dazu Ländereien. In Vorlesungssälen sieht man ihn seltener als in Tavernen, er gilt als Zecher und Frauenheld, ist groß, kräftig, sieht blendend aus. Die Haare trägt er als dichte schwarze Mähne, eine weiße Perücke zu tragen, wie damals üblich, ist ihm zu konventionell. Er müsste nicht arbeiten, aber der Müßiggang seiner Standesgenossen ist ihm zuwider. Er entscheidet sich für ein Dasein als Gelehrter.

Für Linné werden sich die Verhältnisse bessern, allerdings muss er dazu berufliche Umwege gehen, seine Leidenschaft, die Botanik, bleibt lange eine brotlose Kunst. Er wird Leitender Marine-Stabsarzt, schließlich Präsident der Schwedischen Akademie der Wissenschaften; mit 32 Jahren steht er im Zentrum der Stockholmer Gelehrtenwelt. 1761 verleiht König Adolf Friedrich von Schweden ihm die Ritterwürde.

Auch Buffon ist nicht nur Naturkundiger; als Betreiber eines Hüttenwerks wird er zum Prototyp des Industriellen, aber das nur nebenbei. Wichtiger ist ihm die Berufung in die Akademie der Wissenschaften, später erhebt Ludwig XVI. ihn in den Grafenstand. Was fatale Konsequenzen haben wird.

Im Jahr 1730 ist Linné ein gefeierter Professor für Botanik an der Universität Uppsala. Bis auffliegt, dass ihm jegliche Qualifikation dafür fehlt, und die Hochschule ihn zum Rückzug von seinem Posten zwingt. Er ist maßlos bekümmert und sucht die Einsamkeit, die Erkenntnis in der Ferne, macht sich auf zu einer Expedition nach Lappland, hinter dem Polarkreis. Er beginnt manche Arten neu zu klassifizieren. Das Moosglöckchen etwa wird später nach ihm benannt, mit dem wissenschaftlichen Namen Linnaea borealis. Und er findet viel Zeit zum Nachdenken, stellt sich die Frage: Könnte ein Mensch wohl alles Leben auf Erden erfassen und eine logische Anordnung entwerfen, in der jede Spezies ihren festen Platz fände?

Es scheint ihm möglich. Er geht davon aus, dass die Arten, ihre Anzahl und ihr Aussehen auf immer unveränderlich seien. Der Herr hat Himmel und Erde und alles Leben erschaffen, und mit dem Menschen dann ist die Schöpfung vollendet gewesen, wurde die Werkstatt Gottes geschlossen. Auch auf die Frage, wie viele Arten existieren, findet Linné Hinweise in der Bibel, etwa anhand der Größenangaben zur Arche Noah: Es müssen wohl 300 bis maximal 2000 Tierarten sein. Später räumte er ein, dass die Gesamtzahl aller Tier- und Pflanzenarten sehr wohl sogar bei 40.000 liegen könne.

Buffon hingegen hegt schon früh den Verdacht, dass da mehr Arten sind. Viel, viel mehr. Heute gehen wir von 15 Millionen aus. Aber wahrscheinlich sind es mehr. Viel, viel mehr.

Je besessener sie forschen, desto weiter entfernt sich ihr Ziel

Buffon gelangt zu seiner Erkenntnis nicht auf Expeditionen, sondern auf Spaziergängen im Garten. In Montbard, seinem Geburtsort, besitzt er ein Herrenhaus samt Park. Diesen macht er zu seinem Laboratorium, zu einem Ort der Meditation und Inspiration. Er legt seinen Bruder-Leichtfuß-Lebenswandel ab, verordnet sich ein mönchisches Dasein: Aufstehen um fünf, dann Beobachtung und naturkundliche Analyse im Park, dazwischen Frühstück um neun, stets ein Brioche und zwei Gläser Wein. Um 17 Uhr in die karge Schreibstube, zwei Stunden später Feierabend. 50 Jahre lang hält er diesen Zeitplan durch.

Sein Wandeln im Park führt ihn weit. Jason Roberts zitiert in einem Buch den französischen Wissenschaftshistoriker Jacques Roger mit den Worten: "Er war der Erste, der einen Wald nicht als Ansammlung von Bäumen verstand, sondern als biologische Einheit, als zusammengehöriges Ganzes, in dem Individuen spezifische Beziehungen unterhielten und aufeinander einwirkten, kurz gesagt: als einen Vorläufer dessen, was wir heute Ökosystem nennen."

Zeichnung Manguste
Schubladendenken: Am Beispiel der Manguste (Darstellung aus dem 19. Jh.) kritisiert Buffon das System Linnés als viel zu starr. Dieser mache aus dem katzenartigen Tier "zunächst einen Dachs, dann ein Frettchen, andere führen es als Otter, wieder andere als Ratte"
© The Zoology Of The Voyage Of H. M.S. Samarang During The Years 1843-1846 © Edward Belcher / Liszt Collection/ akg-images

1739 wird Buffon Direktor der Königlichen Gärten in Paris, und fortan forscht er an zwei Stätten: in seinem Park und in dem des Königs.

Linné und Buffon – beide wollen sie schreibend die Vielfalt der Natur erfassen, arbeiten zielstrebig bis zur Selbstaufgabe, schaffen monumentale Werke. Doch je besessener sie forschen, je mehr Arten sie sammeln, katalogisieren, desto weiter entfernt sich ihr Ziel.

Linné beginnt 1735 mit seinen Arbeiten an der "Systema Naturae", dem System der Natur. Rund 7700 Pflanzen- und 6200 Tierarten wird er am Ende beschrieben und systematisch eingeordnet haben, nach Klasse, Ordnung, Gattung, Art, Varietät. Einige von ihm geprägte Namen sind Alltagsgut bis heute, die Schlange Boa constrictor etwa, oder, verkürzt auf ein Wort, Azalee, Kaktus, Amaryllis. Er hat auch eine poetische Ader, etwa wenn er dem Kakaobaum den Namen "Theobroma" voranstellt, ihn so als "Nahrung der Götter" bezeichnet – Theobroma cacao. Aber zuallererst ist er der Systematiker und Etikettierer, Gottes Buchhalter im Reich der Schöpfung.

Ganz anders Buffon, der die Natur als dynamisches System betrachtet, nicht als statische Einheit; der Vielfalt sieht und nicht Ordnung. Sein wichtigstes Werk ist die "Allgemeine und spezielle Geschichte der Natur", kurz "Histoire naturelle", angelegt auf 15 Bände. Am Ende werden es 36 sein, "die umfassendste wissenschaftliche Arbeit, die je aus der Feder eines einzigen Menschen geflossen war", so Jason Roberts.

Dass Buffon berühmt wird, liegt auch an seinem eleganten Schreibstil: Die "Histoire naturelle" ist ein Meisterwerk der Naturerzählung, wird als Literatur wahrgenommen, er selbst als "Maler der Worte". Nicht von Linné allerdings. Der urteilt harsch: "Redeschwall; schön verziertes Französisch; ohne jede Methode." Buffon kontert: Alle systematischen Herangehensweisen an die Natur seien fehlerhaft, denn Systeme seien menschliche Konstrukte, Linnés Methode aber sei "von allen die am wenigsten vernünftige und monströseste". Der Gescholtene keilt zurück: Buffon sei "voller Hass gegen jedwede Methode" und kritisiere "alles und jeden, aber vergisst die Selbstkritik, obgleich doch er selbst es ist, der am meisten irrt".

Zeichnung der Siebenköpfigen Hamburger Hydra
Platz für Monster: Das Präparat der "Siebenköpfige Hamburger Hydra" entlarvt Linné zwar als Fälschung, aber dann nimmt er das Kunstwesen doch auf in sein System – in der eigens für Grenzfälle geschaffenen Kategorie "Paradoxa", in der sich auch Einhorn und Phönix finden
© Locuplet issimi rerum naturalium thesauri 1758, Vol 3, Platte 82 © Albertus Seba / Memento / mauritius images

Es sind leidenschaftliche Debatten in einer Zeit gewaltiger gesellschaftlicher und kultureller Umbrüche, in der eine neue intellektuelle Bewegung Weltbilder ins Wanken bringt. Das Zeitalter der Aufklärung beginnt, getragen von Geistesgrößen wie Voltaire, Isaac Newton, Baruch de Spinoza, Immanuel Kant. Aber es ist auch eine Epoche, die noch verhaftet ist in Mythos und Aberglaube.

Als Linné im Mai 1735 auf Vortragsreise in Hamburg Station macht, wird er von den Hanseaten diskret beiseitegenommen. In einer naturkundlichen Privatsammlung gebe es ein Präparat, das er sich unbedingt anschauen müsse: eine Hydra, eine Schlange mit zwei Beinen und sieben Köpfen, der furchteinflößende Beweis für die Existenz von Monstern. Linné erkennt den Betrug sofort: ein aus mehreren Arten zusammengestoppeltes Präparat. Mit seinem vernichtenden Urteil ist das teure Stück schlagartig wertlos. Linné verlässt Hamburg überstürzt, "um der Rache des Herrn Bürgermeister zu entgehen", wie er selbst schreibt.

Allerdings findet das Hamburger Monstrum dann doch Aufnahme in seine "Systema Naturae". Zwar mit dem Hinweis, "die meisten Menschen halten sie für eine echte Tierart, aber zu Unrecht". Doch immerhin in einer eigens für Grenzfälle geschaffenen neuen Kategorie: die der "Paradoxa", in der sich die Hydra in Gesellschaft von Einhorn, Satyr und Phönix findet – und interessanterweise auch in der des Pelikans, den Linné offenbar nirgendwo anders in seinem System der Natur unterzubringen weiß.

Zeichnung Affe mit Baby
Verbotene Ideen: Durch präzise Beobachtung der Natur gelangt Buffon hundert Jahre vor Charles Darwin zu ersten Einsichten in das Wesen der Evolution. In den Menschenaffen erkennt er unsere Vorfahren, seiner Theorie von der Entstehung der Arten wegen erklärt man ihn zum Ketzer

Das ist es, was Buffon an Linné kritisiert: dass er Arten hin- und herschiebe, willkürlich neue Kategorien erschaffe, um passend zu machen, was nicht passe. Nicht nur, um Fabelwesen einzuordnen. Aus der Manguste, einem katzenartigen Säugetier, mache Linné "zunächst einen Dachs, dann ein Frettchen, andere führen sie als Otter, wieder andere als Ratte". Buffon warnt vor solchen Bezeichnungen, die angeblich allgemeingültig seien, "aber fast immer falsch oder zumindest willkürlich, vage und zweifelhaft sind".

Auch Buffon beschäftigt sich mit rätselhaften Kreaturen. 1738 trifft eine Lieferung mysteriöser Skelettteile ein, entdeckt von französischen Soldaten in Nordamerika. Sie müssen zu einem riesigen Tier gehören. Einem Monster? Buffon erkennt darin ein elefantenähnliches Wesen, weiß aber, dass es in Amerika keine Elefanten gibt. Nicht mehr. Er hat die Überreste eines Mammuts vor sich: einer Art, die nicht mehr existiert. Und dieser Schluss impliziert Ungeheuerliches: Arten können aussterben. Und wäre der Tod einer Art nicht ein Makel in Gottes perfekter Schöpfung?

Sind die Arten vielleicht gar nicht in der Werkstatt Gottes entstanden?

Er denkt weiter, wagt sich auf noch brisanteres Terrain vor: Sind die Arten vielleicht gar nicht in der Werkstatt Gottes entstanden, sondern aus anderen hervorgegangen? In einem Affen erkennt er den Vorläufer des Menschen, aus seinen präzisen Beobachtungen schließt er: Spezies verändern sich in Anpassung an ihre Umgebung. Er entwirft, in Umrissen, eine Evolutionstheorie. Charles Darwin wird später verblüfft anerkennen, dass Buffon ihm mit diesen Gedanken ein Jahrhundert voraus gewesen ist.

Es sind die Gedanken eines Ketzers. Die theologische Fakultät der Pariser Universität Sorbonne droht mit Zensur. Buffon schwört ab und feixt: "Es ist besser, demütig zu sein, als gehängt zu werden." Er macht sich lustig über seine klerikalen Aufpasser, unterschreibt bereitwillig Widerrufe – und macht ungerührt weiter. Der Großangriff auf sein Werk aber wird nicht von der Kirche kommen. Sondern aus einer völlig anderen Richtung.

Am Abend des 23. August 1790 ziehen Fackelträger durch die Tore des Königlichen Gartens, um Buffon vom Sockel zu stoßen – zwei Jahre nach seinem herrschaftlichen Begräbnis. Es sind Mitglieder der SLP, der "Société de Linné de Paris", einer konspirativen Gesellschaft, die lange schon im Verborgenen gegen Buffon agierte. Jetzt, mit der Französischen Revolution, ist ihre Zeit gekommen. Sie machen ihren "Charles Linné" (französisch geschrieben und ohne Adelsprädikat) zum wissenschaftlichen Revolutionär, übernehmen den Park, Buffons Forschungs- und Experimentierfeld, besetzen die Schaltstellen der Wissenschaft.

Zeichnung schwarz-weiß Buffon und seine Mitstreiter
Neue Dimensionen: Eine technische Innovation führt Buffon und seine Mitstreiter in nie zuvor gekannte Sphären: Mit dem Mikroskop und in der Anatomie findet er Hinweise auf die Evolution der Säugetiere, das Vergrößerungsgerät offenbart ihm die Welt der Kleinstlebewesen. Für Linné bleibt die Bibel das Maß der Erkenntnis
© Gravur © François-Antoine Aveline / Science Source / akg-images

Im revolutionären Frankreich gilt Buffon als Vertreter und Günstling des Alten Regimes, gefördert von jenem König, der gestürzt und hingerichtet wurde. Buffon gehörte der adeligen Oberschicht an, war einer, der sich in Seide und Brokat gekleidet hat, seine "Wissenschaft": eitles, unverständliches Geschwätz. Linné aber gilt als Revolutionär, sein Mangel an sprachlicher Raffinesse als ein Ausdruck von Volksnähe, sein leicht verständliches Klassifizierungssystem als Inbegriff einer Demokratisierung des Denkens. Einige Namen für den neuen Kalender, den die Revolution den Franzosen verordnet hat, entstammen seinem Werk: etwa der Germinal ("Monat des Keimens") und der Floréal ("Blütenmonat").

Linnés System setzt sich auch international durch. Buffon ist ein Mann von gestern. Der aber schon zu seiner Zeit ins Heute blickte. Etwa mit einem neu erfundenen Instrument, dem Mikroskop, das er fasziniert nutzte. Was er durch das Okular sah, rückte die selbst gestellte Aufgabe – seine und die seines Konkurrenten – in unerreichbare Ferne: ein unbeschreiblicher Kosmos von Mikroorganismen tat sich auf; Einzeller wie etwa manche Algen, die meisten Bakterien, Pantoffeltierchen, von denen viele nicht Tier sind, nicht Pflanze und nicht Pilz. Wohin mit ihnen im System? Wer kann sie zählen?

Linné verdanken wir eine durchdachte Vereinbarung, um die Komplexität des Lebens zu fassen. Doch diese Komplexität nimmt stetig zu. Was für Buffon das Mikroskop, ist für heutige Forschende die Genomanalyse. Dass es nur eine Giraffenart gibt, war Konsens, bis genetische Analysen ergaben: Es sind in Wahrheit vier. 2011 gingen wir von 8,7 Millionen Arten auf Erden aus, heute schätzen wir ihre Zahl auf 15 Millionen, manche Forschende vermuten auch, es sind 100 Millionen. Sind es gar Milliarden? Aus Linnés fünf Kategorien sind 22 geworden, und doch ist das System zu eng für den Kosmos der Biodiversität. Was ist etwa mit den Flechten, also Arten, die nicht aus einem einzelnen Organismus bestehen, sondern aus mehreren?

Buffons zweieinhalb Jahrhunderte alte Beobachtungen erscheinen heute aktueller denn je, nicht nur, was die Vielfalt anbelangt. Dass diese einerseits grenzenlos scheint, andererseits bedroht ist, auch diesen scheinbaren Widerspruch erkannte er schon: Der Mensch würde die Erde durch "planvolle und fast stets maßlose Ausbeutung" plündern, sie ihrer Schätze berauben. Buffon sprach den Tieren Intelligenz zu und, mehr noch, Einsicht, Erkenntnis, Gefühle: Ideen von heute, von morgen.

Buffon und Linné, beide wollten die Natur in ihrer Gesamtheit erfassen, begreifen, beschreiben, beide scheiterten daran. Und siegten doch, indem sie die Biologie revolutionierten, ein jeder auf seine Weise. Buffon verwendete bei der Bezeichnung der Arten in seinem Park: das System von Linné. Und Linné sagte über seinen Gegner auch: Dieser habe gewusst, wie man Wissenschaft populär mache – ein großes Verdienst. Begegnet sind die beiden sich nie. Linné besuchte den Königlichen Park, aber da war dessen Direktor, Buffon, gerade abwesend. Linnés Sohn, ebenfalls Botaniker, wurde von Buffon dort empfangen; es war eine Begegnung voller gegenseitiger Wertschätzung.

Buffon und Linné – beider Söhne sollten das väterliche Erbe fortführen, beide konnten es nicht. Linnés Sohn erlag früh einer Krankheit, Buffons Sohn starb unter dem Fallbeil der Revolution. Beider Werk wurde dennoch fortgeführt: Die ganze Welt hat es getan.

Erschienen in GEO 02/2026