Es hatte sich wohl überfressen, das kann ja mal passieren. Doch da im Universum alle Prozesse etwas größer ausfallen, dauern dort auch Magenverstimmungen etwas länger. In diesem Fall mehr als acht Jahre, und das Ende ist noch nicht erreicht.
Rückblick: 2018 beobachteten Astronominnen und Astronomen, wie ein Schwarzes Loch einen Stern in seiner Nähe zerfetzte – an und für sich nichts Ungewöhnliches: Mit ihrer enormen Schwerkraft zerren die Massemonster an allem in ihrer Umgebung. Kommt ihnen ein Stern zu nahe, wirken in seinem Inneren Gezeitenkräfte, die den Stern auseinanderreißen. Auch ziehen die Schwarzen Löcher ihn in die Länge, in der Fachsprache: "spaghettifizieren".
Der Akt ist brutal und chaotisch, denn die Schwarzen Löcher schleudern viele Bruchstücke weit ins All hinaus. Was übrig bleibt, kreist fortan in einer Scheibe um das Schwarze Loch und wird schließlich von ihm einverleibt.
Als 2018 das Schwarze Loch namens AT2018hyz nach kurzer Zeit wieder zur Ruhe kam, schien der Zerstörungsakt abgeschlossen. Die Astronominnen und Astronomen verloren das Interesse an ihm und wandten sich anderen Objekten zu.
Doch die Ruhe war trügerisch. Fast drei Jahre später entdeckten Forschende, dass das Schwarze Loch in der Zwischenzeit begonnen hatte, enorm viel Energie in Form von Radiowellen auszuspucken. Mit reichlich zeitlicher Verzögerung schoss es die Überreste des zerfetzten Sterns als einzelnen Jet in eine Richtung fort – und er schießt noch immer.
Seit vier Jahren beobachtet ihn ein Team um die Radioastronomin Yvette Cendes von der Universität Oregon. "Jetty McJetface" hat sie das Schwarze Loch getauft, eine Anspielung auf das im Internet berühmte britische Forschungsschiff "Boaty McBoatface".
Zur Verblüffung der Forschenden dauert der Energieausbruch nicht nur seit Jahren an, er nimmt sogar weiter an Stärke zu. "Das ist wirklich ungewöhnlich", sagte Cendes. "Mir fällt nichts ein, was über einen so langen Zeitraum hinweg einen solchen Anstieg verzeichnet."
Ihre Beobachtungen sind in der Fachzeitschrift "Astrophysical Journal erschienen". Die Forschenden prognostizieren, dass der Strom aus Radiowellen exponenziell noch weiter zunehmen wird, bevor er 2027 seinen Höhepunkt erreicht.
Schon jetzt könnte der aus dem Schwarzen Loch schießende Jet einer der hellsten und energiereichsten sein, die jemals im Universum entdeckt wurden, sagt das Forschungsteam. Yvette Cendes, die ein großer Star-Wars-Fan ist, vergleicht den Energiestrahl mit der Feuerkraft des berüchtigten Todessterns. Diese fiktive wie supermächtigen Waffe bündelt binnen kurzer Zeit enorme Mengen Energie auf einen Planeten, um diesen zu zerreißen.
Star-Wars-Enthusiasten haben berechnet, wie viel Energie beispielsweise in die Erde gepumpt werden müsste, damit ihre Einzelteile die gravitative Bindung überwinden, kurz: um den Planeten zu sprengen. Laut einer Berechnung seien dafür über 2 × 1032 Joules nötig. Das beobachtete Schwarze Loch verschießt laut Cendes in jeder Sekunde mindestens die 600-fache Energie. Und das Sekunde für Sekunde, seit 1540 Tagen. Und die Energie nimmt weiter zu! "Seit Beginn hat das Schwarze Loch mehr als eine Billion Mal, vielleicht sogar 100 Billionen Mal die Energie des Todessterns abgegeben", sagt Cendes.
Das Team spekuliert, ob das Schwarze Loch tatsächlich zeitverzögert die Materie ausspuckt oder ob dies uns bloß so erscheint. Da die Energie als Strahl in den Weltraum geschossen wird, würden wir ihn nicht bemerken, falls der Strahl nicht auf die Erde gerichtet ist. Womöglich hat sich über die Jahre die Ausrichtung des Strahls leicht geändert, sodass wir erst zunehmend in sein Visier geraten.
Unabhängig von der Erklärung zeigt das Beispiel, wie lange ein Schwarzes Loch noch nach dem "Erledigen" seiner Beute mit ihr zu kämpfen hat. Vermutlich hätten Astronom*innen schon öfter solche verspäteten Jets beobachten können, hätten sie nicht zu früh nach dem Zerreißen die Beobachtungen abgebrochen, wenn sich das Schwarze Loch scheinbar beruhigt hatte. Doch Cendes hat dafür Verständnis: "Wenn es eine Explosion gibt, warum sollte man dann erwarten, dass Jahre nach der Explosion noch etwas zu sehen ist, wenn man vorher nichts gesehen hat?"