Als wäre das Altern nicht unerfreulich genug, ist da auch noch die Sache mit den Haaren. Jenen, die ausfallen, und jenen, die vermehrt sprießen: Mann bekommt zum 30. Geburtstag von Freunden wenig dezent einen Nasenhaartrimmer geschenkt, Frau geht morgens mit der Pinzette gegen sporadischen Bartwuchs (?!) an Kinn und Oberlippe vor.
Das Schopfhaar wiederum scheint insbesondere bei Männern in der Lebensmitte noch mal ganz neue Wege zu gehen. Statt an Stirn und Hinterkopf manifestiert es sich vermehrt in den Ohren, an den Augenbrauen, in und vereinzelt auch auf der Nase. Brust, Bauch und Rücken partizipieren häufig ebenfalls von der Migrationsbewegung gen Süden.
Erste haarige Überraschungen in der Pubertät
Da fragt man sich als von Schönheitsidealen geplagter Mensch: Was soll das? So viel vorweg: Einen ersichtlichen Sinn hat das zusätzliche Gesprieße nicht. Es ist vielmehr Ausdruck eines sich wandelnden Körpers im Wechselspiel der Hormone.
Ähnlich wie in der Pubertät. Da sorgt plötzlich auftretender Ganzkörperhaarwuchs bei Betroffenen häufig nicht weniger für Irritation. Während die geschlechtliche Reife allerdings ein klares biologisches Ziel verfolgt, kennt das Altern allenfalls das Geschenk der Weisheit. Dafür ist zusätzliche Gesichtsbehaarung zwar mitunter ein Zeichen, aber keine zwingende Voraussetzung.
Hormone entscheiden über Werden und Vergehen des Haarfollikels
Als Hauptschuldigen der Haarwuchsmisere haben Forschende Testosteron ausgemacht. Offenbar reagieren die Haarfollikel an unterschiedlichen Körperstellen jeweils anders auf das männliche Geschlechtshormon.
Auf dem Kopf stellen die Follikel bei hohem Testosteronspiegel die Arbeit tendenziell ein. Aus noch unbekannten Gründen reifen irgendwann auch keine frischen Follikel aus Stammzellen mehr nach. An anderen Stellen hingegen kurbelt Testosteron das Haarwachstum an. Zuvor unsichtbarer Flaum verwandelt sich in dicke, lange Borsten.
Genau das geschieht bei Jungen erstmals in der Pubertät. Aus Milchbart wird Schnurrbart. Die Körperbehaarung verdichtet sich, während sich das Kopfhaar bei jungen Männern mitunter bereits zu lichten beginnt. Diese Entwicklung setzt sich offenbar im Laufe des Lebens immer weiter fort.
Dass manche Männer dennoch jenseits der Fünfzig wallendes Haupthaar vorweisen können, während andere sich längst mit ihren Geheimratsecken abgefunden haben, hat vor allem genetische Gründe: Wie stark die Haarfollikel jeweils mit Wachstum oder Verweigerung reagieren, ist nach bisherigen Erkenntnissen im Erbgut festgelegt.
Die Perimenopause beschert Frauen Bartwuchs
Ähnliches spielt sich bei Frauen ab. Beim weiblichen Geschlecht dominieren in jungen Jahren die Hormone Östrogen und Progesteron. Östrogen hält die Androgene, vor allem Testosteron, die auch Frauen in kleiner Menge bilden, in Schach.
In der Perimenopause kommt das Hormongleichgewicht jedoch ins Schwanken. Mal produzieren die Eierstöcke zu viel, mal zu wenig Östrogen. Im Falle des Polyzystischen Ovarialsyndroms (POCS) kann es sogar passieren, dass die Eierstöcke übermäßig viel Testosteron freisetzen.
Dominiert aus einem dieser Gründe Testosteron gegenüber Östrogen, passiert das Gleiche wie bei Männern: Haarschwund auf dem Kopf, Haarwachstum an anderen Körperstellen. Nach der Menopause bleibt dieser Trend mitunter bestehen, wenn das Östrogen gegenüber dem Testosteron dauerhaft niedrig bleibt.
Natürlich kann dunkle Gesichtsbehaarung bei Frauen je nach natürlicher Haarfarbe und -dicke auch schlicht veranlagt sein. Tritt der Haarwuchs allerdings plötzlich vermehrt an ungewöhnlichen Körperstellen auf und erreicht ein unübliches, belastendes Ausmaß, spricht man in der Medizin von Hirsutismus. Dieser kann Anzeichen einer Hormonstörung wie POCS sein, die meist hormonell behandelt wird.
Wenn schon Haarwuchs, dann ein richtiger Vollbart
Unabhängig davon, ob man selbst den übermäßigen Haarwuchs nervig, egal oder gar – wie einst der für seine buschigen Augenbrauen bekannte Finanzminister Waigel – als Markenzeichen empfindet, erfüllen Haare grundsätzlich eine wichtige Funktion. Nasenhaare etwa haben wir alle reichlich, auch wenn man sie von außen nicht immer sieht. Sie halten Dreck, Pollen, Erreger und gefährliche Fremdkörper aus unserer Nase fern. Gleiches gilt für die feinen Ohrhärchen in unserem Gehörgang.
Ganzkörperbehaarung wiederum hält uns warm, nicht wenige finden sie sexuell attraktiv. Und mancher Mann lässt sich, vielleicht auch aus Trotz gegen die Haarstarrigkeit in der Lebensmitte, einen eleganten Vollbart stehen, der – immerhin – oft bis ins hohe Alter erhalten bleibt.