500 Millionen Jahre lang ruhte Megachelicerax cousteaui im Verborgenen. Im Kambrium sank der Gliederfüßer ins weiche, sauerstoffarme Sediment eines tropischen Meeres und wurde zu Stein. In folgenden Erdzeitaltern verwandelte sich seine letzte Ruhestätte in einen trockenen Höhenzug, den Wheeler Shale im US-Bundesstaat Utah. Dort entdeckte ihn ein Sammler namens Lloyd Gunther zwischen kambrischen Zeitgenossen wie Trilobiten und frühen Stachelhäutern. 1981 vermachte er das gut erhaltene, aber unscheinbare Fossil dem Naturkundemuseum in Kansas, wo es weitere vier Jahrzehnte lagerte – bis es Rudy Lerosey-Aubril in die Hände fiel.
Der Wissenschaftler am Harvard-Museum für Vergleichende Zoologie sichtete alte Funde, um die frühe Entwicklung von Gliederfüßern zu erforschen. Als er das knapp über acht Zentimeter große Fossil zu reinigen begann, fiel ihm ein ungewöhnliches Merkmal auf: Wo normalerweise Antennen saßen, besaß es kleine Klauen. "Bei einem Gliederfüßer aus dem Kambrium befinden sich die Klauen nie an dieser Stelle", sagte Lerosey-Aubril. "Es dauerte ein paar Minuten, bis ich das Offensichtliche begriff: Ich hatte gerade den ältesten Kieferklauenträger freigelegt, der je gefunden wurde." Sein Fund datierte den eindeutigen Ursprung der Stammeslinie um satte 20 Millionen Jahre zurück.
Megachelicerax cousteaui, wie Lerosey-Aubril die neu entdeckte Spezies taufte, gehört zu einer Gruppe von Tieren, die heute den gesamten Planeten besiedeln. Sie umfasst Spinnen, Skorpione, Milben und Zecken sowie die im Meer lebenden Asselspinnen und Pfeilschwanzkrebse. Mehr als 120.000 Arten sind bekannt. Wo Insekten – die zweite große Gruppe der Gliederfüßer – Fühler besitzen, tragen sie Klauen. Je nach Art werden die Werkzeuge eingesetzt, um zu kauen, Gift zu injizieren, Löcher zu graben, Seide zu spinnen, Körperpflege zu betreiben oder mit Artgenossen zu kommunizieren. "Eine solch bemerkenswerte funktionelle Vielseitigkeit war wahrscheinlich der Schlüssel zum evolutionären Erfolg", schreiben Lerosey-Aubril und sein Kollege Javier Ortega-Hernández in der Fachzeitschrift "Nature".
Im frühen Kambrium war dieser Erfolg noch nicht abzusehen. Vor gut 540 Millionen Jahren hatte die Evolution begonnen, neue Formen und Fähigkeiten im Akkord hervorzubringen. Allesamt im Meer, denn das Leben hatte das Land noch nicht erobert. Damals bildeten sich erstmals harte Skelette, die einen komplexen Bauplan mit Gliedern und Gelenken ermöglichten. Das unangefochtene Erfolgsmodell unter den frühen Gliederfüßern waren die stark gepanzerten, vergleichsweise schlicht gebauten Trilobiten, die sich binnen weniger Millionen Jahre in rund 15.000 Arten auffächerten – nur um vor 250 Millionen Jahren wieder zu verschwinden.
Die anatomische Blaupause für Spinnen und Pfeilschwanzkrebse entstand offenbar im Schatten dieser Übermacht. Das nun entdeckte Fossil schließt die Lücke zwischen den ersten Gliederfüßern und späteren Funden versteinerter Kieferklauenträger aus dem mittleren Kambrium. Der Meeresräuber besitzt ein Kopfschild mit sechs Gliedern zum Fressen und zum Erspüren seiner Umwelt sowie neun Körpersegmente mit plattenähnlichen Strukturen an der Unterseite, die zur Atmung dienten und den Kiemen moderner Pfeilschwanzkrebse ähneln.
Erfolg ist eine Frage des Timings
In welcher Reihenfolge die typischen Merkmale der Kieferklauenträger entstanden, war bislang unklar. Es fehlten eindeutige fossile Funde, auch wenn es mehrere Anwärter auf eine frühe Verwandtschaft gab (darunter einen in Kanada entdeckten Gliederfüßer mit dem Spitznamen "Santa Claws"). Manche Forschende wiederum vermuteten, dass die ersten Kieferklauenträger des Kambriums eher Milbengröße hatten und schlicht zu klein waren, um zu versteinern.
Die neu beschriebene Art bringt Licht ins Dunkel der frühen Entwicklungsgeschichte. "Megachelicerax zeigt, dass sich die Klauen und die Aufteilung des Körpers in zwei funktionell spezialisierte Bereiche entwickelten, bevor die Kopfanhängsel ihre äußeren Verzweigungen verloren und den heutigen Spinnenbeinen ähnelten", erklärte Javier Ortega-Hernández. Offenbar bildeten sich die Kieferklauen nicht aus mehrgliedrigen Antennen, wie Insekten sie besitzen, sondern stellen eine eigene Entwicklungslinie dar. Ihren Siegeszug traten sie jedoch erst mit der Besiedelung des Landes an. "Das zeigt, dass evolutionärer Erfolg nicht nur von biologischer Innovation abhängt", sagt Lerosey-Aubril. "Auch der richtige Zeitpunkt und der ökologische Kontext spielen eine Rolle."