Verblüffende Ahnenrechnung Der gemeinsame Vorfahr von uns allen war kein Urzeitmensch. Er lebte weit später

Mehr als acht Milliarden Menschen leben heute auf der Erde. Doch von wem stammen sie ab?
Mehr als acht Milliarden Menschen leben heute auf der Erde. Doch von wem stammen sie ab?
© imaginima / Getty Images
Je weiter man in die Vergangenheit blickt, desto stärker verweben sich die Stammbäume von Menschen miteinander. Forschende stießen dabei auf eine verblüffende Erkenntnis

Wer nach seinen Vorfahren sucht, landet in vergilbten Kirchenbüchern. In staubigen Archiven. In digitalisierten Melderegistern. Oder in genetischen Datenbanken, die entfernte Verwandte aufspüren sollen. Millionen Menschen weltweit basteln an ihren Stammbäumen, klicken sich durch Ahnenportale, verschicken Speichelproben an "DNA-Firmen". Auf der Suche nach Antworten auf jene uralte Frage: Wo komme ich her?

Mitunter führt diese Suche zu verblüffenden Entdeckungen. Da taucht plötzlich eine Ururururgroßmutter auf, die im 18. Jahrhundert in einem abgelegenen Bergdorf in den Karpaten lebte. Oder ein Vorfahr, der einst aus Westafrika verschleppt wurde, als Soldat Napoleons kämpfte oder auf einem Auswandererschiff nach Amerika gelangte. Je tiefer Menschen in ihre Familiengeschichte eintauchen, desto deutlicher wird: Unsere Herkunft ist meist viel verschlungener, als wir glauben.

Denn mit jeder Generation verzweigen sich die Linien weiter. Fremde Namen tauchen auf, andere Spuren verlieren sich. Aber die Zahl jener Menschen, von denen wir direkt abstammen, steigt immer schneller an.

Familienlinien vernetzen sich über Kontinente hinweg

Umgekehrt führt die Recherche zu einer oft irritierenden Erkenntnis: Dass viele heute lebende Menschen zur eigenen "Großfamilie" gehören, denen man niemals begegnet ist. Vielleicht lebt irgendwo in Kanada ein entfernter Cousin vierten Grades. Vielleicht teilt man sich mit einer Frau aus Argentinien denselben Urururgroßvater. Je weiter man den Stammbaum zurückverfolgt, desto stärker beginnen sich eben Familienlinien über Länder, Kontinente und Jahrhunderte hinweg miteinander zu verweben. Über den Umweg gemeinsamer Ahnen wächst so die Zahl jener Menschen, mit denen man – zumindest entfernt – verwandt ist.

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Der Grund dafür ist mathematisch verblüffend einfach. Jeder Mensch hat zwei Eltern, vier Großeltern, acht Urgroßeltern. Mit jeder Generation verdoppelt sich die Zahl der direkten Vorfahren weiter. Nach nur 40 Generationen, also ungefähr 1000 Jahren, käme man – zumindest theoretisch – bereits auf mehr als eine Billion Ahnen. Also deutlich mehr Menschen, als jemals auf der Erde gelebt haben.

Das bedeutet zwangsläufig: Familienlinien überlappen einander. Entfernte Verwandte gründen gemeinsame Familien. Dieselben Menschen tauchen an verschiedenen Stellen des Stammbaums immer wieder auf – ein Phänomen, das Forschende als "Ahnenschwund" bezeichnen. Weil entfernte Verwandte Kinder miteinander bekommen, schrumpft die tatsächliche Zahl der unterschiedlichen Ahnen wieder zusammen.

Fest steht dennoch: Je weiter man in der Zeit zurückgeht, desto größer wird die Zahl jener Menschen, von denen wir heute abstammen. Gleichzeitig wächst die Menge ihrer Nachkommen in der Gegenwart immer weiter an. Menschen, die vor Jahrhunderten lebten, haben heute nicht bloß einige wenige Nachfahren – sondern mitunter Tausende oder gar Millionen.

Wer ist der Ahn von gut acht Milliarden Menschen?

Aus einzelnen Familienlinien entsteht so über Jahrhunderte ein immer dichteres Netz aus Verwandtschaften. Spinnt man diese Idee weiter, führt sie zu einer verblüffenden Konsequenz: Irgendwann in der Vergangenheit muss ein Ahn gelebt haben, von dem alle heute lebenden Menschen abstammen. Der jüngste gemeinsame Vorfahr der gesamten Menschheit. Die gemeinsame Ahnenfigur von gut acht Milliarden Menschen. Forschende sprechen auch vom MRCA, dem Most Recent Common Ancestor.

Wer war dieser Mensch? Und wann hat der MRCA gelebt?

Die überraschende Antwort lautet: Dieser gemeinsame Vorfahr lebte wahrscheinlich viel später, als die meisten Menschen vermuten würden. Nicht in nebelhafter Urzeit zwischen Mammuts und Höhlenfeuern. Sondern erst vor wenigen Tausend Jahren.

Zu diesem Ergebnis kommen Genealogen mithilfe von komplexen Modellen, die simulieren, wie sich Abstammungslinien über Generationen hinweg ausbreiten, überlagern und schließlich miteinander verschmelzen.

Den Berechnungen nach soll vor etwa 3000 Jahren irgendwo auf der Welt mindestens ein Mensch gelebt haben, von dem jeder einzelne heute Lebende ein Nachkomme ist. In Israel regierte damals der biblische König David, in Ägypten brach eine Zeit des Umbruchs an, in China herrschte die Zhou-Dynastie, in Indien blühten Städte, und Mitteleuropa befand sich mitten in der Bronzezeit.

Die Simulationen zeigen: Schon kleinste Wanderungsbewegungen reichen aus, damit sich Familienlinien über Kontinente hinweg verbreiten. Wenn sich auch nur gelegentlich Menschen verschiedener Regionen vermischen, Kinder bekommen, beginnen sich Stammbäume zu vernetzen und – rascher als man denken würde – global miteinander zu verweben. Über viele Generationen hinweg wächst daraus ein immer dichteres Netz aus Verwandtschaften.

Wer genau der MRCA war, das kann freilich niemand sagen. Aller Wahrscheinlichkeit nach war es weder ein König noch eine besonders mächtige Persönlichkeit. Denn der besondere Status dieser "Ureltern" entstand ja nicht durch Ruhm oder biologische Überlegenheit, sondern durch reinen genealogischen Zufall.

Irgendwann verschmelzen die Stammbäume vollständig

Doch die Geschichte lässt sich noch weitertreiben. Ja, sie wird noch verblüffender: Denn geht man noch einige Tausend Jahre weiter in die Vergangenheit zurück, verschwimmen die Stammbäume der Menschheit schließlich vollständig miteinander. Irgendwann beginnt rückblickend eine Zeit, in der jeder damals lebende Mensch (dessen Familienlinie bis heute überlebt hat) ein direkter Vorfahr aller heute lebenden Menschen war. Forschende sprechen in dem Zusammenhang vom "Identical Ancestors Point", dem Punkt identischer Ahnen.

Wann genau dieser Zeitpunkt erreicht wurde, lässt sich schwer exakt bestimmen. Die Modelle legen jedoch nahe, dass er womöglich nur wenige Tausend Jahre vor dem MRCA liegt. Also etwa vor 5000 bis 15.000 Jahren.

Und was, wenn wir den Blick nicht in die Vergangenheit, sondern die Zukunft richten? Dann wird klar: Irgendwo auf der Welt lebt heute ein Mensch, der in ferner Zukunft der jüngste gemeinsame Vorfahr der gesamten zukünftigen Menschheit sein wird. Der MRCA ist kein fixer Punkt der Vergangenheit, sondern ein Prinzip, das sich mit jeder Generation weiter verschiebt.

Vielleicht ist die erstaunlichste Konsequenz des Ganzen: Geht man noch weiter in die Zukunft, wird die gesamte Weltbevölkerung wieder aus Ururur…enkeln aller heute lebenden Menschen bestehen, deren Familienlinien nicht aussterben. Ein zutiefst verbindender Gedanke.