Tierische Plagegeister Was bedeutet der harte Winter für Insekten und Spinnentiere in diesem Frühjahr?

Der Gemeine Holzbock (Ixodes ricinus) wird erst bei Temperaturen von mindestens sieben Grad Celsius aktiv. Minusgrade übersteht das Spinnentier problemlos
Der Gemeine Holzbock (Ixodes ricinus) wird erst bei Temperaturen von mindestens sieben Grad Celsius aktiv. Minusgrade übersteht das Spinnentier problemlos
© imageBROKER/Frank Derer / Getty Images
Machen der viele Schnee und die eisigen Temperaturen den Zecken, Mücken, Wespen und Bremsen den Garaus? Nicht unbedingt. Für die Ökosysteme wäre das ohnehin kein Vorteil

1. Zecken

Oft ist zu hören, dass strenger Frost Zecken dezimiert. Wissenschaftliche Studien bestätigen das prinzipiell. So kamen Forschende der Universität Ulm zu dem Ergebnis: "Vor allem kalte Winter hatten einen negativen Einfluss auf die Zecken-Population." Dass einige Tiere, besonders die Jugendstadien, starken Dauerfrost nicht überleben, bedeutet jedoch nicht, dass Populationen komplett zusammenbrechen. Der Gemeine Holzbock ist seit Jahrtausenden in Mittel- und Nordeuropa heimisch und auch an harte Winter evolutionär angepasst. Zudem werden strenge Winter auch in Zukunft die Ausnahme von der Regel sein – die Wintermonate in Mitteleuropa im Klimawandel werden im Schnitt milder und feuchter werden.

Fachleute gehen darum von einer weiteren Ausbreitung der von Zecken übertragenen Lyme-Borreliose und der Frühsommermeningoenzephalitis (FSME) aus – und raten zu einer FSME-Impfung in Risikogebieten. Auch in Zukunft gilt: Wer sich in die Natur begibt, sollte lieber auf den vegetationsfreien Wegen bleiben, sich mit angemessener Kleidung gegen die Krabbler schützen – und Haut und Kleidung hinterher gründlich absuchen.

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2. Stechmücken

Auch die Hoffnung auf laue Sommerabende ohne Mücken nach einem frostreichen Winter ist wohl vergebens. Denn die Weibchen einiger Stechmückenarten – die männlichen Tiere sterben im Herbst – überwintern in geeigneten Verstecken: geschützte Stellen in Kellern, Baumhöhlen oder Viehställen. Zudem sind sie vor dem Durchfrieren gut geschützt: Sie scheiden im Herbst überschüssige Körperflüssigkeit aus, und mischen in die verbleibende Flüssigkeit Glycerol, einen Zucker. Er wirkt wie ein natürliches Frostschutzmittel.

"Auch die bereits von Stechmücken gelegten Eier nehmen bei Frost nur sehr selten Schaden", erklärt eine Sprecherin der Deutschen Wildtierstiftung. "Die Mückeneier können im Schlamm eines Gewässerbodens problemlos überwintern, solange dieser nicht gefriert. Ob es im folgenden Jahr zu einer Mückenplage kommt, hängt vor allem von der Witterung im Frühjahr ab: "Lang anhaltende Regenfälle sorgen für ideale Brutstätten der Larven. Wenn dann noch warme Temperaturen hinzukommen, sind die Voraussetzungen für eine neue Mückenplage perfekt."

Lediglich für wärmeliebende, invasive Mückenarten wie die Tigermücke bedeuten harte Winter einen Rückschlag. Eine langsamere Ausbreitung ist die – vorübergehende – Folge.

3. Wespen

Auch von den Wespen überleben nur wenige den Winter, egal, wie hart er ist. Im Herbst sterben die Königin und ihr Volk, und nur die Jungköniginngen überleben. Um im kommenden Frühjahr jeweils ein neues Volk zu gründen. Sie überwintern an geschützten Stellen, in Ritzen, Komposthaufen, oder gut versteckt unter Baumrinde oder auf Dachböden. Dabei sind tiefe Temperaturen für sie nicht unbedingt ein Nachteil. Denn sie schützen die Insekten vor lästigen Parasiten und Schimmelpilzen.

Schon bei Temperaturen von weniger als fünf Grad stellen Wespen jegliche Aktivität ein. Und selbst strenger Frost kann ihnen kaum etwas anhaben: Vor Temperaturen bis zu minus 20 Grad schützt die Wespe ihr körpereigenes Frostschutzmittel Glycerol, wie die "Aktion Wespenschutz" informiert. Die größte Gefahr für überwinternde Wespen sind nicht tiefe Temperaturen – sondern Fressfeinde wie Nager und Vögel.

Ob der kommende Sommer ein Wespensommer wird, hängt von den Wetterbedingungen während der Wintermonate ab: Milde, trockene Winter lassen mehr Tiere überleben, sehr kalte oder feuchtkalte Wintermonate dezimieren die Populationen. 

Doch unabhängig davon, wie sehr Wespen im Sommer nerven (aufdringlich werden von rund 700 Arten nur zwei: die Deutsche und die Gemeine Wespe): Alle erfüllen im Ökosystem wichtige Funktionen: Sie jagen Fliegen, Blattläuse, Raupen und andere Insekten und halten sie in Schach. Und sie bestäuben Blüten.

4. Bremsen

Im Gegensatz zu einem Mückenstich fällt eine saugende Bremse sofort auf: Ihr Stich ist schmerzhaft. Besonders lästig können sie beim Aufenthalt im Freien werden, wenn sie ihrem Opfer beharrlich folgen. Gibt es vielleicht weniger von ihnen nach einem frostreichen Winter?

Wie bei vielen anderen Insekten auch, überdauern fast ausschließlich die Larven der 58 bei uns vorkommenden Mückenarten die kalten Monate des Jahres. Während die erwachsenen Tiere nur maximal vier Wochen leben (und nur eine Blutmahlzeit brauchen, um Eier zu produzieren), verbringt die Larve oft mehrere Jahre am oder im Wasser. Ob es im Folgejahr mehr oder weniger Bremsen gibt, hängt also vor allem davon ab, ob und wie lange eine Schneedecke den Boden vor dem tiefen Durchfrieren schützt.

Fest steht: Auch Bremsen haben seit der letzten Eiszeit in Mittel- und Nordeuropa Jahrtausende überdauert. Und die Wintertemperatur ist nicht der einzige Faktor, der ihre Häufigkeit bestimmt.

Was für alle vorgenannten Tierarten galt, gilt auch für die Bremsen: Sie übernehmen wichtige Funktionen im Nahrungsnetz. Ihre Larven fressen abgestorbenes pflanzliches Material, und vor allem die männlichen Tiere bestäuben Blütenpflanzen. Nicht zuletzt sind sie selbst eine wichtige Nahrungsquelle, zum Beispiel für insektenfressende Vögel wie Fliegenschnäpper und Schwalben.