GEO: Frau Jaros, seit der Kindheit dreht sich bei Ihnen alles um Schmetterlinge. Was hat Sie schon damals an den Tieren fasziniert?
Marion Jaros: Im ersten Moment war es ihre Schönheit: Die interessanten Flügelmuster und die Leuchtkraft der Farben. Ich komme aus einer Künstlerfamilie, wo Ästhetik immer eine große Rolle gespielt hat. Aber es ging tiefer als das: Ich glaube, dass ich mich als Kind in einer Krisensituation in der Familie zerbrechlich und ungeschützt gefühlt habe, und für mich war die Erkenntnis, dass das Zerbrechliche ein natürlicher Teil der Welt ist, von großer Bedeutung.
Inwiefern war das eine tröstliche Erkenntnis?
Heute sprechen wir oft davon, dass der Stärkste überlebt, aber Charles Darwin nannte es in seiner Evolutionstheorie "Survival of the Fittest", wonach nicht der Stärkste, sondern der Fitteste überlebt. In der Natur kann auch das Zarte erfolgreich sein. Dafür muss man sich nicht dauernd panzern und bewaffnen. Auch wer nützlich ist und etwas Sinnvolles tut, hat Erfolg.
Was macht den Erfolg von Schmetterlingen aus?
Schmetterlinge haben viele Überlebenstricks auf Lager. Ihre Schönheit mag auf den ersten Blick unnütz erscheinen, aber sie dient dem Überleben. Sie ist kein Schnickschnack, sondern es steckt Weisheit darin: Die Flügelmuster sind über Abertausende von Jahren entstanden, und sie helfen den Faltern dabei, sich zu tarnen oder Feinde abzuschrecken. Außerdem sind Schmetterlinge unglaublich fruchtbar. Je nach Art kann ein Weibchen 20, aber auch 30.000 Eier legen. Dabei verfolgen sie unterschiedliche Strategien: Diejenigen, die weniger Eier legen, wählen den Standort mit großer Sorgfalt aus. Bei anderen Arten können die Weibchen gar nicht fliegen, weshalb sie eine Vielzahl von Eiern am gleichen Platz ablegen müssen. Dann schlüpfen die Raupen mit vielen langen Härchen und lassen sich wie Pflanzensamen vom Wind durch die Landschaft tragen, bis sie irgendwo landen – und nur ein Bruchteil landet mit Glück auf der richtigen Futterpflanze. Da führt dann eben die Masse zum Erfolg.
Heute betreiben Sie eine Schmetterlingszucht in Wien. Bis zu 1000 Individuen schlüpfen dort im Jahr. Wie kamen Sie auf diese Idee?
Als Kind bekam ich von meinem Cousin eine Schmetterlingspuppe in einem Glas geschenkt. Nach ein paar Wochen saß darin der fertige Schmetterling. Ich habe dazu eigentlich nichts beigetragen, aber es hat mich fasziniert. Später habe ich Raupen in der Natur gesammelt und großgezogen. Dazu musste ich natürlich wissen, um welche Arten es sich handelt. Denn Raupen haben spezielle Futterpflanzen, ohne die sie sich nicht entwickeln können. Ich habe mich vorher umgeschaut, ob die richtigen Pflanzen in meiner Umgebung wachsen. Wir hatten viele Brennnesselfelder in der Nähe unserer Wohnung. Es war also nicht schwer, Raupen zu finden. Heute freut man sich, wenn man einen Schmetterling im Garten sieht. Früher tummelten sie sich zu Dutzenden hinter unserem Haus. Ich brauchte also nur noch ein luftiges Gefäß, und so baute ich mir einen Kasten mit Fliegengitter und begann mit der Zucht auf unserem Balkon.
Einblicke in die bunte Welt der Schmetterlinge
Darf man Raupen für die Zucht also einfach im Garten einsammeln?
Nein, so wie ich es als Kind gemacht habe, wäre das heute naturschutzrechtlich problematisch. Wenn man sich nicht auskennt, könnten eventuell seltene Arten zu Schaden kommen. Man braucht deshalb eine Genehmigung für die Entnahme aus der Natur. Die genauen Regelungen sind von Land zu Land und von Art zu Art unterschiedlich. Für umweltpädagogische Zwecke, etwa für die Zucht in Schulklassen, kann eine Genehmigung ausgestellt werden. Es gibt aber auch Zuchtsets zu kaufen.
Ist das vertretbar?
Das kann ich persönlich nicht beurteilen. Man weiß nicht, wie viel Inzucht dabei betrieben wird und wie fit diese Schmetterlinge sind, wenn sie in die Freiheit entlassen werden. Zum Artenschutz trägt man damit nicht bei. Aus umweltpädagogischer Sicht ist es jedoch sehr wertvoll, wenn Kinder die Verwandlung der Schmetterlinge live erleben dürfen. Wer daran Interesse hat, kann einen Züchter in der Umgebung fragen, ob er Eier aus seiner genehmigten Zucht heimischer Arten abgibt. Ich mache das selbst auch und gebe detaillierte Zuchtanleitungen mit. Man kann nämlich einiges falsch machen.
Zum Beispiel?
Die Raupen hält man am besten in einem Aerarium, das sind luftdurchlässige Netzbehälter, die gut gegen Ameisen und andere Fressfeinde schützen. In ein Wasserglas kommen dicht gesteckte Zweige der Futterpflanze, auf die man die Raupen setzt. Der Behälter muss alle zwei Tage gereinigt und das Futter täglich gewechselt werden. Angefressene Pflanzen sollte man nicht sammeln, weil daran kranke Raupen gefressen haben könnten. Die Hygiene ist sehr wichtig, damit die Raupen in der Zucht gesund bleiben. Wichtig ist, die Raupen beim Säubern nicht von den Blättern zu zupfen, weil sie sich mehrmals häuten, und das gelingt ihnen nur, wenn die alte Haut am Blatt festgesponnen ist. Außerdem lassen sich nicht alle Arten züchten. Manche haben spezielle Ansprüche, die man künstlich kaum erfüllen kann. Am einfachsten ist es, Schmetterlinge zu züchten, die als Puppen oder Eier überwintern.
Wie wird aus der Raupe schließlich ein Schmetterling?
Im Frühling und Sommer fressen die Raupen, bis sie ausgewachsen sind. Dann verpuppen sie sich je nach Art am Fliegennetz, an den Zweigen oder in der Erde, wo sie kleine Höhlen mit Seidenfäden ausspinnen. Im Winter lagere ich die Puppen in einem frostfreien, feuchten Nebengebäude, damit sie nicht austrocknen. Im nächsten Frühling kommen sie ans Tageslicht, damit sie gleichzeitig mit ihren wilden Artgenossen schlüpfen. Ich züchte vor allem Nachtfalter. Die Männchen schlüpfen früher und dürfen wegfliegen. Die Weibchen warten in den geöffneten Aerarien und locken wilde Männchen aus der Umgebung mit Duftstoffen an – so vermeide ich Inzucht.
Wildern Sie alle Tiere aus?
Ja, ich lasse alle wegfliegen, die wegfliegen wollen. Die Weibchen bleiben nach der Paarung allerdings sitzen. Erst in der folgenden Nacht werden sie aktiv, um ihre Eier an Futterpflanzen abzulegen. Dazu schließe ich das Aerarium wieder, erst in der zweiten Nacht nach der Paarung lasse ich sie ebenfalls fliegen. Die meisten Schmetterlinge legen nicht alle Eier auf einmal, und so habe ich von einem Weibchen, das 150 Eier legt, ungefähr 50 Stück. Den Rest legt es in der Natur ab.
Kann man Schmetterlinge überall auswildern?
Das hängt von den örtlichen Regelungen ab. Darüber sollte man sich im Vorfeld immer informieren. Außerdem züchtet man am besten nur Tiere, die in der Umgebung auch natürlich vorkommen. Ansonsten muss man mit den Faltern an geeignete Orte fahren, um sie auszuwildern. Es kommt auf die kluge Auswahl an. Das Wiener Nachtpfauenauge kann man theoretisch überall im Wiener Stadtgebiet züchten, denn der Duft der Weibchen lockt die Männchen in jeden Bezirk – sie können sie aus bis zu zehn Kilometer Entfernung riechen und anpeilen. Der Paarungserfolg ist also recht wahrscheinlich. Die ausgewachsenen Falter nehmen keine Nahrung zu sich und fliegen nur kurze Zeit. Die Raupen ernähren sich von vielen verschiedenen Obstgehölzen, die auch in urbanen Arealen zu finden sind. So ähnlich ist es beim Kleinen Nachtpfauenauge, das auch in Deutschland vorkommt.
Trägt man so zum Erhalt der Artenvielfalt bei?
Nicht direkt. In der Zucht können zwar theoretisch aus einem befruchteten Falter durch Nachzucht Tausende Individuen entstehen und freigelassen werden, wenn aber nicht genug Futterpflanzen für die Eiablage vorhanden sind oder diese zum falschen Zeitpunkt abgemäht werden, können sich die Schmetterlinge nicht etablieren. Mit der Zucht helfe ich den unterschiedlichen Arten also nur selten direkt. Ich möchte eher Menschen für diese schönen Tiere im Rahmen meiner Workshops begeistern, damit sie in ihren Gärten und Gemeinden wieder mehr heimische Pflanzen gedeihen lassen, seltener mähen und somit mehr falterfreundliche Lebensräume gestalten.
Dazu betreiben Sie vor allem wildnispädagogische Arbeit mit Kindern.
Ja, weil es wichtig ist, dass sie verstehen, wie unsere Welt funktioniert. Die Natur ist unsere Lebensgrundlage, und wir sind gerade dabei, sie auf vielen Ebenen zu zerstören. Solange der Supermarkt voll ist, registriert man aber kaum, in welcher Gefahr wir uns befinden, wenn wir diesen Weg so weitergehen. Schmetterlinge sind wichtige Bestäuber und erhalten die Vielfalt der Pflanzen auf der Welt wesentlich mit. In unseren Landschaften gibt es mittlerweile wenig Vielfalt an Bestäubern, man hat sich in der Landwirtschaft sehr auf die Honigbiene als Nutztier fokussiert. Ein System ohne Vielfalt ist aber anfällig für Störungen. Es ist wichtig, dass Kinder diese Vielfalt spüren und Zusammenhänge verstehen.
Wie erleben Sie die Kinder in Ihren Workshops?
Die Kinder wollen die Welt verstehen, das ist ein tiefes Bedürfnis. Denn sie möchten irgendwann einmal in dieser Welt erfolgreich sein und mit ihr umgehen können. Wenn ich mit ihnen auf der Wiese unterwegs bin, dürfen sie Molche auf die Hand nehmen oder Schmetterlinge Honigwasser vom Finger trinken lassen. Sie sind mehrere Stunden mit ihrer Umwelt und der Lebendigkeit anderer Wesen verbunden und begreifen etwas von der Vielfalt des Lebens. Das löst Glücksgefühle aus. Die Kinder merken schnell, dass Tiere eigene Gefühle und Reaktionen haben, die nicht vorhersehbar sind. Ein Schmetterling, der sich entscheidet, auf der Hand sitzen zu bleiben, ist etwas Besonderes. "Der Schmetterling mag mich!", sagen die Kinder dann. Hier gehen zwei lebendige Wesen eine Beziehung ein, und das lehrt Mitgefühl und Verbundenheit.
Was können wir als Erwachsene von den Schmetterlingen lernen?
Das Leben der Schmetterlinge kann auf vielen Ebenen ein Vorbild sein. Sie zeigen auf fantastische Weise, dass in der Natur schnelle Verwandlungen möglich sind. Mit jeder Häutung können sich die Farbe und die Form der Raupen ändern, dann verpuppen sie sich, und aus ihnen wird etwas völlig anderes – zum Teil innerhalb von nur einer Woche. Es gibt auch bei uns Menschen Schlüsselmomente, die das Leben plötzlich in eine andere Richtung lenken. Und gerade heute brauchen wir in vielen Bereichen schnelle Transformationsprozesse. Ich glaube an die rasche Verwandlung. Und ich glaube, es wäre wichtig, dafür den Boden zu bereiten.