Viele Kinder lieben imaginäre Teekränzchen: aus vermeintlich gefüllten Tässchen schlürfen und Kekse von eigentlich leeren Tellern futtern. Ist diese Vorstellungskraft eine rein menschliche Eigenheit? Nein, sagen Amalia Bastos und Christopher Krupenye von der Johns Hopkins University in Baltimore nach Versuchsreihen mit dem Bonobo-Männchen "Kanzi". Auch Menschenaffen können demnach ihre Fantasie nutzen und so tun, als ob.
"Kanzi" lebte im Forschungs- und Schutzzentrum Ape Initiative in Des Moines (US-Bundesstaat Iowa) und wurde über viele Jahre hinweg trainiert. Er beherrschte über 300 Symbole. Für das Experiment saß der zu jener Zeit schon 43 Jahre alte und damit recht betagte Affe mit einem Versuchsleiter an einem Tisch, der mit leeren Krügen, Bechern oder Gläsern gedeckt war.
Beim Saft-Test tat der Experimentator so, als würde er Saft in zwei leere, durchsichtige Becher gießen und schüttete einen davon anschließend wieder aus. Nach "Saft" gefragt zeigte "Kanzi" anschließend überwiegend korrekt auf den Becher, der noch imaginären Saft enthielt.
"Menschenaffen können sich Dinge vorstellen, die nicht da sind"
Um auszuschließen, dass "Kanzi" einfach glaubte, es befände sich echter, unsichtbarer Saft in den Bechern, wurde ihm in einem weiteren Test zum Trinken die Wahl zwischen echtem Saft und imaginärem Saft gelassen: Der Bonobo entschied sich fast jedes Mal für den echten Saft - er verstand also den Unterschied zwischen Realität und Fiktion.
Anschließend wurde das Saft-Experiment mit zwei Gläsern mit fiktiven Weintrauben darin wiederholt, von denen eines vermeintlich geleert wurde. "Kanzi" zeigte überwiegend auf das Glas, das noch eine - virtuelle - Traube enthielt.
"Es ist äußerst bemerkenswert und sehr spannend, dass die Daten darauf hindeuten, dass sich Menschenaffen Dinge vorstellen können, die nicht da sind", sagte Bastos. Wahrscheinlich sei die Fähigkeit zu Fantasie nicht exklusiv menschlich, sondern reiche bis zu den gemeinsamen Vorfahren von Mensch und Menschenaffe vor etwa 6 bis 9 Millionen Jahren zurück, schließen Bastos und Krupenye in der Fachzeitschrift "Science".
"Kanzi": ein Superstar der Affenforschung
Das Forschungs-Duo regt an, für weitere Affenarten und andere Tiere zu testen, ob sie Rollenspiele spielen und imaginäre Objekte verfolgen können. Erforscht werden sollten zudem weitere Facetten der Vorstellungskraft von Affen wie ihre Fähigkeit, über die Zukunft nachzudenken oder sich in die Gedankenwelt anderer hineinzuversetzen.
Von Kindern ist bekannt, dass sie ab etwa zwei Jahren Rollenspiele wie Teekränzchen bewältigen können. Von Menschenaffen habe es zuvor nur anekdotische Hinweise darauf gegeben, erläutern die Forschenden. So habe ein in Gefangenschaft lebender junger Schimpanse imaginäre Holzblöcke mit derselben Haltung und denselben Bewegungen über den Boden gezogen, die er typischerweise beim Spielen mit echten Holzblöcken zeigte. Bekannt sei zudem, dass Schimpansinnen in freier Wildbahn Stöcke tragen und mit ihnen spielen, wie Mütter es mit ihren Jungen tun würden - möglicherweise eine Form mütterlichen Rollenspiels.
"Kanzi" war eine Art Superstar der Affenforschung, viele Studien zu kognitiven Fähigkeiten basieren auf Tests mit dem 1980 geborenen Bonobo-Männchen. Zudem wurde er in mehreren Dokumentarfilmen porträtiert. Er gilt als der erste Menschenaffe, der Verständnis für gesprochenes Englisch zeigte. Zudem verstand er neue Sätze und kombinierte ihm bekannte Symbole, um neue Objekte und Lebensmittel zu beschreiben.
Der Affe konnte mit Streichhölzern Feuer machen und Marshmallows grillen. Seine Lexigram-Tastatur benutzte "Kanzi" der Ape Initiative zufolge gern, um Betreuer um seine Lieblingsspeisen zu bitten: Bananen, Trauben, Eier und Erdnüsse. Lexigramme sind grafische Symbole, die jeweils für ein bestimmtes Wort oder eine feste Bedeutung stehen - "Banane", "spielen" oder "gehen" zum Beispiel.
"Kanzi" starb im März 2025 im Alter von 44 Jahren. Die Ape Initiative trauerte um einen "lieben Freund".