Bevor Bäume emporstrebten und ganze Wälder die Kontinente überzogen, sah das Land so aus: Feucht, von Moosen und anderen einfach gebauten Pflanzen überzogen – und dazwischen gewaltige Säulen, die wie steinerne Türme aus dem Boden wuchsen. Bis zu acht Meter hoch, erhoben sie sich über die anderen kaum kniehohen Gewächse, welche die feste Erde kolonisierten. Prototaxites heißen die Giganten, von denen Fossilien erhalten blieben. Entdeckt Mitte des 19. Jahrhunderts, benannt nach Eiben, mit denen sie allerdings wenig gemein haben. Seit mehr als 165 Jahren stellen sie die Paläontologie vor eine einfache, aber herausfordernde Frage: Um was handelt es sich, um einen monströsen Pilz? Oder um etwas Eigenes?
Lange Zeit schien die Antwort gefunden: Pilz. Die stammartigen Gebilde, aufgebaut aus dicht verflochtenen Röhren, erinnern nämlich an Pilzgewebe. Chemische Analysen schienen das zu stützen, die Einstufung als Ur-Riesenpilz plausibel – ein archaisches Wesen, das sich von Matten voller Mikroben ernährte.
Doch genau diese Einordnung gerät nun ins Wanken. Eine neue Studie, veröffentlicht im Fachmagazin "Science Advances", legt nahe, dass Prototaxites kein Pilz gewesen sein kann (und auch keine Pflanze war) – und womöglich zu einer vollständig ausgestorbenen Linie komplexer Lebewesen gehörte.
Der Schlüssel zu dieser Erkenntnis liegt in Fossilien aus dem Rhynie-Chert in Schottland, einer Schicht aus Hornstein nahe des Örtchens Rhynie. Einem der bedeutendsten Fenster für den Blick zurück in die frühe Besiedlung des Landes. In diesem rund 400 Millionen Jahre alten Gestein ist ein ganzes Ökosystem dreidimensional konserviert: frühe Pflanzen, Algen, Pilze, Gliederfüßer – und Prototaxites. Anders als isolierte Funde erlaubt dieses Ensemble direkte Vergleiche zwischen den Organismen, aber zur selben Zeit.
Das nutzte das internationale Forschungsteam aus. Es untersuchte die dort gefundene Art Prototaxites taiti nicht nur anatomisch, sondern auch biochemisch – und stellte seine Eigenschaften denen eindeutig identifizierbarer fossiler Pilze aus demselben Gestein gegenüber. Das Ergebnis: Die molekulare Signatur passt nicht überein
Hinsichtlich der Anatomie spricht wenig für einen Pilz – zu komplex sind die Röhren innen drin
In modernen wie fossilen Pilzen findet sich Chitin, ein widerstandsfähiger Stoff, der ihren Zellwänden Festigkeit verleiht. In Prototaxites ließ sich davon nichts nachweisen – obwohl das Material hervorragend erhalten war und Chitin in benachbarten Pilzfossilien problemlos identifiziert werden konnte. Stattdessen traten Verbindungen zutage, wie sie aus Lignin bekannt sind, jenem Stoff, der Holz Stabilität verschafft.
Anatomisch wiederum ähnelt das Wachstum der Röhren dem von Pflanzen, aber ansonsten sind nicht genügend Parallelen zu finden. Für eine Verortung als Pflanzen also: keine belastbaren Indizien. Diesbezüglich spricht allerdings auch wenig für einen Pilz: Die Röhren von Prototaxites sind stark verzweigt, dicht verwoben und zeigen eine Komplexität, die in keiner bekannten Pilzgruppe vorkommt.
Auch andere Hypothesen halten der Prüfung nicht stand. Algen und Flechten scheiden als Kandidaten ebenso aus wie Tiere. Übrig bleibt ein verblüffender Befund: Prototaxites war ein geheimnisvoller, recht komplexer Organismus – aber wohl keiner, der sich in das heute bekannte System des Lebens einfügen lässt.
Damit rückt eine Idee in den Vordergrund, die lange als letzte Möglichkeit galt: Prototaxites ist ein Relikt eines evolutionären Experiments. Ein eigenständiger Versuch, Größe und Komplexität an Land zu organisieren, parallel zu Pflanzen, Pilzen und Tieren – und schließlich wieder in der Versenkung zu verschwinden.
Dass dieses Experiment ökologisch bedeutsam war, daran besteht kein Zweifel. Prototaxites war über Millionen Jahre hinweg der größte Landorganismus überhaupt, was dessen häufige Auftreten in vielen Fundstellen nahelegt, zudem war er eine Nahrungsquelle für frühe Gliederfüßer. In einer Phase tiefgreifender Umbrüche, als Pflanzen begannen, die Kontinente zu erobern und neue Nahrungsnetze entstanden, prägte der turmartige Organismus die Landschaften seiner Zeit.
Womöglich war die Evolution an Land noch vielfältiger, experimentierfreudiger als lange gedacht
Die neue Studie beendet die Debatte nicht endgültig. Fossilien sind Momentaufnahmen, und jede neue Technik kann alte Fragen auf andere Art beleuchten. Doch sie verschiebt den Blickwinkel: hin zu der Vorstellung, dass die Evolution an Land noch vielfältiger, experimentierfreudiger war als lange gedacht.
Womöglich liegt gerade darin die eigentliche Bedeutung von Prototaxites. Nicht als kurioser Sonderfall, sondern als Erinnerung daran, dass Evolution keine zielgerichtete Erfolgsgeschichte ist, sondern ein offenes Spiel der Möglichkeiten – von denen viele wieder verschwinden, ohne etwas zu hinterlassen. Abgesehen von rätselhaften Fossilien.