Rätsel der Evolution Warum besitzt nur der Mensch ein Kinn?

Kaiser Karl V. (1500 – 1558) stammte aus dem Geschlecht der Habsburger. Inzucht bescherte ihnen einen vorstehenden Unterkiefer mit langem Kinn, die "Habsburger Lippe"
Kaiser Karl V. (1500 – 1558) stammte aus dem Geschlecht der Habsburger. Inzucht bescherte ihnen einen vorstehenden Unterkiefer mit langem Kinn, die "Habsburger Lippe"
© Alamy Photos / mauritius images
Weder Schimpansen noch Neandertaler besitzen ein Kinn. Eine aktuelle Analyse zeigt, wie ausgerechnet Homo Sapiens zu dem markanten Knochenvorsprung am Unterkiefer kam

Was macht den Menschen einzigartig? Seine Sprache? Seine Kultur? Sein Sinn für Humor? Alles Quatsch: Es ist sein Kinn, jener Knochenvorsprung des Unterkiefers, der die Form eines umgedrehten "T" besitzt und meist über die unteren Schneidezähne hinausragt. Das Merkmal ist so distinktiv, dass Paläoanthropologinnen mit seiner Hilfe fossile Unterkiefer des Homo Sapiens von denen anderer Homininen unterscheiden. Denn während das Kinn der meisten modernen Menschen hervorsticht, besitzen Neandertaler und Denisova-Menschen von Natur aus ein fliehendes Kinn: Im Profil neigt sich ihr Unterkiefers sanft gen Hals.

Ein Team um Noreen von Cramon-Taubadel und Lauren Schroeder, Anthropologinnen an der University of Buffalo in den USA, sind nun der Frage nachgegangen, warum dieser markante Knochenvorsprung unser Gesicht ziert. War es ein evolutionärer Zufall? Das direkte Ergebnis natürlicher Selektion, etwa um beim Kauen auftretende Kräfte besser zu widerstehen? Oder ein "Spandrel", ein unbeabsichtigtes Nebenprodukt vorteilhafter anatomischer Veränderungen auf dem Weg zum Homo sapiens?

Männliche Brustwarzen: nicht nützlich, nicht schädlich

Der Begriff "Spandrel" geht auf den berühmten Evolutionsbiologen Stephen Jay Gould zurück, der ihn aus der Architektur entlieh. Eine Spandrille, auch Bogenzwickel genannt, bezeichnet die Fläche zwischen einem Bogen und seiner Umrahmung. Er besitzt keine explizite Funktion, sondern entsteht aus der Form und Anordnung der gewünschten Elemente – runder Bogen, rechteckiger Rahmen. Gould postulierte, dass auch Lebewesen Merkmale besitzen, die als Beiwerk evolutionärer Notwendigkeiten entstanden. 

Als Beispiele werden häufig der Bauchnabel und männliche Brustwarzen genannt. Ersterer ist ein Überbleibsel der Versorgung via Nabelschnur, letztere werden während der Embryonalentwicklung angelegt. Auch das Kinn wurde wiederholt als Spandrel gedeutet. Die aktuelle Studie in der Fachzeitschrift "PLOS One" analysiert nun erstmals systematisch, wie diese Vermutung gegen zwei weitere Thesen – zufällige genetische Veränderungen und gezielte Selektion – abschneidet. 

Um zu klären, ob auch unser Kinn dazu zählt, analysierten die Forschenden die Entwicklung des Kinns im Laufe der Menschheitsgeschichte. Wie schnell und gerichtet hatten die notwendigen anatomischen Veränderungen stattgefunden? 

Erstautorin Noreen von Cramon-Taubadel fasst das Ergebnis so zusammen: "Das Kinn hat sich größtenteils zufällig und nicht durch direkte Selektion entwickelt, sondern als evolutionäres Nebenprodukt, das aus der direkten Selektion anderer Teile des Schädels resultiert". Auf dem Weg vom Affen zum modernen Menschen vergrößerte sich der Beugungswinkel der Kopfgelenke. Das Gesicht wurde kleiner, während sich jener Teil des Schädelknochens ausdehnte, der das Gehirn umschließt. Der Unterkiefer wurde graziler. Die unteren Schneidezähne schrumpften, und die zuvor nach hinten geneigte Symphyse – jene Naht, an der die Hälften des Unterkiefers im Mutterleib zusammenwachsen – richtete sich auf. Diese Veränderungen haben ihren Ursprung in der frühen Menschheitsgeschichte. Doch offensichtlich führte ein anhaltender Selektionsdruck erst beim modernen Menschen zur Entstehung des Kinns. 

Das Autorenteam sieht seine Studie vor allem als Beleg dafür, wie wichtig es ist, sich übergreifende Strukturen und Entwicklungen anzuschauen, anstatt einzelne Merkmal und ihre evolutionäre Nützlichkeit unter dem Brennglas zu betrachten. "Nur wenn wir das Ganze im Blick haben, können wir verstehen, welche Aspekte eines Tieres einen funktionalen Zweck erfüllen und welche Nebenprodukte dieses Zwecks sind", sagt von Cramon-Taubadel.