Für die Entwicklung der Vogelvielfalt in Neuseeland waren die Bedingungen denkbar günstig: Das Eiland trennte sich schon früh, vor rund 80 bis 100 Millionen Jahren, vom Superkontinent Gondwana. Räuberisch lebende Säugetiere und Schlangen fehlten fast völlig, und flugunfähige Vögel wie Riesenpinguine, Riesenpapageien und Laufvögel wie die Moas bevölkerten das Eiland. Die heutigen Nationalvögel Kiwi und Kakapo sind ein später Nachhall dieser evolutionären Blütezeit.
Lange nahm man an, dass die Ankunft des Menschen vor etwa 750 Jahren die entscheidende Zäsur markierte. Denn Jagd und eingeschleppte Tierarten, darunter Katzen und Ratten, machten zahlreichen Vögeln, die Jahrmillionen überlebt hatten, den Garaus. Doch schon davor war es zu Umbrüchen in der Artenvielfalt gekommen. Das zeigen jetzt Ausgrabungen in einer Höhle auf der Nordinsel von Neuseeland: In der Moa-Eierschalen-Höhle (Moa Eggshell Cave) im Distrikt Waitomo haben Forschende unter dicken Ascheschichten Überreste von zwölf Vogel- und vier Froscharten entdeckt.
Wie sie im Journal "Alcheringa: An Australasian Journal of Palaeontology" berichten, zählt zu den bedeutendsten Funden eine bislang unbekannte Papagei-Spezies: Strigops insulaborealis – ein Vorfahr des ikonischen, flugunfähigen Papageis Kakapo. Da die Knochenfunde auf relativ schwache Beine schließen lassen, halten es die Forschenden für möglich, dass der Urahn ein schlechter Kletterer war – aber fliegen konnte. Darüber hinaus konnte das Team einen ausgestorbenen Vorfahren des heutigen Takahē identifizieren – und eine ausgestorbene Taubenart, die eng mit den australischen Bronzeflügeltauben verwandt ist.
Von den identifizierten Vogelarten seien mindestens vier, wahrscheinlich aber sechs Spezies aus dem Spätpleistozän, also aus der Zeit zwischen 127.000 bis 11.650 Jahren, nicht bekannt. Die Forschenden folgern daraus, dass zwischen der Zeit vor über einer Million Jahren und den Jahrhunderttausenden vor der Ankunft des Menschen etwa 33 bis 50 Prozent der Vogelarten verschwunden sind – oder durch andere ersetzt wurden.
Die starken Veränderungen der Artenzusammensetzung erklären die Autoren und Autorinnen der Studie mit klimatischen Schwankungen – und mit Vulkanausbrüchen.
Die Asche, unter der die Fossilien begraben lagen, stammt von zwei gigantischen Vulkanausbrüchen und lässt sich auf ein Alter von einer Million und 1,55 Millionen Jahren datieren. Der jüngere Ausbruch bedeckte den Forschenden zufolge einen Großteil der Nordinsel mit Vulkanasche – und dürfte nicht nur die Vogelwelt stark dezimiert haben.
Die Höhle bietet damit ein einzigartiges Fenster in eine Zeit, aus der ansonsten kaum Fossilfunde vorliegen. "Dies ist nicht etwa ein fehlendes Kapitel in Neuseelands Naturgeschichte – es ist ein fehlender Band", sagt Paul Scofield, Co-Autor der Studie und leitender Kurator des naturgeschichtlichen Canterbury Museum in einer Presseerklärung.
Jahrzehntelang sei das Aussterben der neuseeländischen Vogelarten in erster Linie durch die Ankunft des Menschen vor 750 Jahren erklärt worden, ergänzt der Hauptautor der Studie, Trevor Worthy. "Diese Studie beweist, dass natürliche Kräfte wie Supervulkane und dramatische Klimaveränderungen bereits vor über einer Million Jahren die einzigartige Identität unserer Tierwelt geprägt haben."