Neuroanatomie Klein, vielseitig, vernetzt: Wie der Mensch das Gehirn des Hundes formte

Dunkelbrauner Labrador schaut aufmerksam in die Kamera
Im Vergleich zu Wölfen haben Hunde kleinere Gehirne, deren Aufbau aber deutlich flexibler ist
© Organic Media / Getty Images
Menschen haben nicht nur das Aussehen, sondern auch die Gehirne von Hunden tiefgreifend umgeformt – und zwar schneller und stärker, als die Evolutionsbiologie lange annahm

Im Laufe vieler Jahrtausende hat der Mensch die Entwicklung des Hundehirns maßgeblich mitbeeinflusst. Das zeigt die aktuelle Studie eines internationalen Forschungsteams um das Naturhistorische Museum Bern, veröffentlicht im "International Journal of Organic Evolution".

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler vermaßen mithilfe 3D-rekonstruierter Hirnabbildungen die Gehirne von 203 Hunden aus 111 Rassen sowie von 40 Wölfen. Bei der Untersuchung analysierte das Team nicht nur die Gesamtform, sondern auch sechs funktionelle Hirnregionen, etwa Areale, die mit Sinneswahrnehmung und sozialem Verhalten zusammenhängen. Dabei zeigte sich: Domestizierung und gezielte Zucht haben die Hirnform von Hunden grundlegend umgebaut – und zwar in einem mosaikartigen Muster, bei dem sich verschiedene Bereiche relativ unabhängig voneinander entwickeln.

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Kleinere, aber variablere Hundehirne

Im Vergleich zu Wölfen besitzen Hunde zwar kleinere Gehirne, dafür ist deren Form deutlich variabler. Insgesamt weisen Hunde eine bis zu viermal größere Variation der Hirnform auf als Wölfe, obwohl alle zur selben Artengruppe gehören. Die Anteile verschiedener sensorischer Regionen – etwa für Riechen, Hören oder Sehen – sind bei Hunden verschoben, was die These stützt, dass sich Hirnareale im Laufe der Evolution der Säugetiere zeitlich und funktionell entkoppelt verändern können.

Frontallappen und Sozialhirn im Fokus

Besonders deutlich unterscheiden sich den Forschenden zufolge jene Hirnareale, die mit Planung, Entscheidungsfindung und sozialem Verhalten verknüpft sind. Die Frontallappen und Hirnregionen, die mit sozialer Interaktion assoziiert werden, sind bei Hunden proportional größer als bei Wölfen, vor allem bei Rassen, die eng mit Menschen kooperieren – etwa bei typischen Arbeits- und Gebrauchshunden. Bei eher unabhängigen Rassen fallen diese Bereiche weniger stark aus – was darauf hindeutet, dass Zuchtziele wie Lernfreude oder Teamfähigkeit ihre Spuren direkt im Gehirn hinterlassen haben.

Auch unter den Hunden unterscheidet sich die Neuroanatomie je nach Herkunftslinie deutlich. "Alte" Rassen wie der Siberian Husky behalten eher ein wolfsähnliches Gehirnprofil, während moderne Zuchtrassen wie der Deutsche Schäferhund stärkere Umbauten und höhere Integration der Hirnareale zeigen. Frühere Arbeiten hatten zudem gezeigt, dass moderne Hunderassen – gemessen an ihrem Körpergewicht – tendenziell größere Gehirne besitzen als alte Rassen, obwohl Hunde insgesamt kleinere Hirne als Wölfe haben.

Stark vernetztes Gehirn, hohe Anpassungsfähigkeit

Ein zentrales Ergebnis widerspricht einem etablierten Dogma der Evolutionsbiologie: Das Hundehirn ist stärker "integriert", die verschiedenen Unterregionen sind also enger aufeinander abgestimmt als beim Wolf. Bisher galt eine hohe Integration eher als Bremsklotz der Evolution, weil Veränderungen in einem Bereich viele andere mitziehen. Im Fall des Hundes scheint genau diese Integration aber neue Formen zu erleichtern – sie ging mit einer besonders rasanten neuroanatomischen Anpassung unter dem Einfluss von Domestizierung und Zucht einher. Die Forschenden werten dies als Beleg dafür, wie tiefgreifend der Mensch die evolutionäre Entwicklung des Hundehirns in wenigen Tausend Jahren geprägt hat.