Besonders schlaue Hunde können – zumindest, wenn sie sehr sprachbegabt sind – neue Wörter lernen, indem sie beiläufig den Gesprächen von Menschen lauschen. Die neu gelernten Begriffe können die Vierbeiner später zuverlässig mit den passenden Objekten verknüpfen. Diese komplexe sozial-kognitive Fähigkeit entspreche der von etwa 18 Monate alten Kleinkindern, schreibt ein ungarisches Forschungsteam der Eötvös-Loránd-Universität in der wissenschaftlichen Fachzeitschrift "Science".
Für seine Studie hatte das Team um die Kognitionsforscherin Shany Dror von der Eötvös-Loránd-Universität in Budapest und der Veterinärmedizinischen Universität Wien außerordentlich begabte "Wortgenies" systematisch getestet – Hunde, die über einen extrem großen Spielzeugwortschatz verfügen. Diese Hunde kannten zum Versuchsbeginn bereits Dutzende bis Hunderte von Spielzeugen beim Namen und konnten sie auf Zuruf aus einem Haufen anderer Objekte heraussuchen.
An diesen "Genius Dogs" untersuchten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, ob die Vierbeiner auch dann neue Begriffe lernen, wenn niemand sie direkt anspricht, sondern sie lediglich Gespräche ihrer Halterinnen und Halter mithören. Zum Vergleich testeten die Forschenden in einer zweiten Gruppe auch normale Familienhunde ohne außergewöhnlichen Wortschatz.
Der Versuchsaufbau
Zunächst führten die Halterinnen und Halter ihren Hunden zwei neue Spielzeuge vor und nannten deren Namen – etwa "Teddy" oder "Balli" – über mehrere Tage hinweg in kurzen Trainingseinheiten, bei denen die Tiere aktiv eingebunden waren. Anschließend wurden alle bekannten und neuen Spielzeuge in einem anderen Raum ausgelegt, und die Hunde sollten auf verbale Aufforderung das jeweils richtige Objekt bringen.
In einem zweiten Durchgang hörten die Hunde die Namen der neuen Spielzeuge nur im Gespräch zwischen zwei Menschen: Die Besitzer reichten sich die Objekte gegenseitig, benannten sie, schauten sich an – der Hund war anwesend, durfte aber nicht mitspielen und wurde zum Teil durch ein Gitter räumlich getrennt. Danach folgte derselbe Abruftest: Aus einem Pool bekannter und neuer Spielzeuge sollten die Tiere das passende Objekt zum neuen Wort auswählen.
Was Hunde tatsächlich verstehen
Die begabten Wortlerner schnitten bemerkenswert gut ab: Sie wählten in den ersten Testdurchgängen bis zu 80 Prozent der Objekte korrekt, wenn sie direkt unterrichtet worden waren, und erreichten im Mithör-Szenario sogar in den ersten Versuchen Trefferquoten von bis zu 100 Prozent. Insgesamt lernten diese Hunde neue Wort-Objekt-Zuordnungen beim Zuhören genauso sicher wie beim direkten Ansprechen – und konnten sich Wochen später noch daran erinnern.
Normale Familienhunde dagegen zeigten in den Experimenten keine systematischen Anzeichen dafür, allein durchs Mithören neue Objektbezeichnungen zu erlernen. Die Forschenden folgern, dass es sich bei den "Gifted Word Learners" um seltene Ausnahmetalente handelt, deren Fähigkeiten eher an die eines Kleinkindes erinnern als an die eines durchschnittlichen Hundes.
Sozial-kognitive Höchstleistungen
Damit ein Hund aus einem Menschengespräch eine neue Bedeutung herauszieht, muss er mehrere Fähigkeiten kombinieren: Er muss Blicke verfolgen, erkennen, worauf sich die Aufmerksamkeit der Sprechenden richtet, ihre Intentionen deuten und gleichzeitig das relevante Signalwort aus der Flut der Laute herausfiltern.
Die Studie aus Ungarn zeigt, dass diese sozial-kognitiven Prozesse – lange als spezifisch menschlich betrachtet – zumindest in Ansätzen auch bei manchen Hunden vorhanden sind.
Die Forschenden argumentieren, dass solche Fähigkeiten vermutlich schon vor der Entstehung komplexer Sprache in der Evolution vorhanden waren – und Sprache dann auf diesen bestehenden sozialen Kompetenzen aufbauen konnte. Die Jahrtausende der Domestikation könnten diesen Trend bei Hunden verstärkt haben: Tiere, die die Signale und Absichten von Menschen besonders gut lesen konnten, hatten bessere Chancen, mit uns zu leben und sich fortzupflanzen.
Shany Dror möchte weiter forschen
Die Kognitionsforscherin Shany Dror führt am "Clever Dog Lab" der Veterinärmedizinischen Universität Wien seit Jahren die "Genius Dog Challenge" durch, bei der Hunde rekrutiert werden, die eine besondere Begabung beim Erlernen von Sprache durch soziale Interaktionen gezeigt haben.
Bei ihrer Arbeit mit den Tieren fiel ihr auf, dass einige dieser Hunde ihren Besitzerinnen und Besitzern offenbar zuhörten: "Sie erzählten mir Geschichten, zum Beispiel, dass wir über die Bestellung einer Pizza sprachen, und dann kam der Hund mit einem Spielzeug namens Pizza ins Wohnzimmer", erzählte Shany Dror gegenüber RTE. So sei sie auf die Idee für die jüngste Untersuchung gekommen.
"Ich hoffe, dass diese Studie sowohl der Öffentlichkeit als auch Wissenschaftlern dabei helfen wird, ein tieferes Verständnis dafür zu entwickeln, wie außergewöhnlich die sozialen Fähigkeiten von Hunden sind, damit wir ihr Potenzial in unserer Kommunikation mit Hunden optimal nutzen können", so Dror. Künftig möchte sie mit ihrem Team weiter auf dem Gebiet der Mensch-Tier-Kommunikation forschen.