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Tempo 30 Liebe Raser: Lasst mal euren Ideologie-Vorwurf stecken!

Wird auch in deutschen Kommunen diskutiert: Tempo 30 im gesamten Stadtgebiet
Wird auch in deutschen Kommunen diskutiert: Tempo 30 im gesamten Stadtgebiet
© Rolf G Wackenberg/Shutterstock
Nachdem Paris Tempo 30 eingeführt hat, ist die Debatte über entschleunigten Stadtverkehr auch in Deutschland entbrannt. Doch die reflexhaften Versuche, verringerte Höchstgeschwindigkeiten als "Ideologie" abzuwerten, sind unzeitgemäß

Wenn es in Deutschland um Tempolimits geht, dauert es nicht lange, bis irgendjemand "Ideologie!" ruft. Und das soll natürlich heißen: 'Was ihr wollt, entbehrt jeder wissenschaftlichen Grundlage – und widerspricht dem gesunden Menschenverstand.' Nicht ganz unbeabsichtigt ist sicher auch die Assoziation an die verheerenden politischen Ideologien der jüngeren Geschichte. Weiß man ja, wo die hingeführt haben. Das kann ja keiner wollen.

Auch unter die Reaktionen auf das Pariser Tempo 30-Limit mischte sich jüngst der stereotype Entwertungsversuch: Gefragt, ob ein generelles Tempo 30 in München vorstellbar sei, beeilte sich Münchens SPD-Oberbürgermeister Dieter Reiter zu erklären, er sei "für Ideologien nicht zu haben".

Das soll geerdet und verführungsresistent klingen. So richtig vernünftig ist die Verweigerungshaltung trotzdem nicht.

Die Pariser Bürgermeisterin hatte ja sehr gute Gründe, das generelle Tempolimit für fast ganz Paris auszusprechen: Zum einen hat sie laut Umfragen eine Mehrheit der Pariser Bürgerinnen und Bürger auf ihrer Seite, die sich tagtäglich durch Blechlawinen ihren Weg bahnen. Zum anderen kann sie auf Studien verweisen, die belegen, dass niedrigere Geschwindigkeiten die Zahl der Verkehrstoten und -verletzen reduziert. Wer langsamer fährt, erzeugt weniger Emissionen und weniger Lärm. Und schont so die Gesundheit von ungeschützten Verkehrsteilnehmer*innen und Anwohnern.

Natürlich soll die Maßnahme auch das Mit-dem-Auto-in-die-Stadt-Fahren unattraktiver machen. Mehr Menschen werden sich entschließen, statt gefühlt im Schneckentempo durch die Außenbezirke zu rollen, die Metro zu nehmen. Oder das Rad. Schließlich wird mit der generellen Verkehrsberuhigung auch die zweirädrige Mobilität attraktiver. Mit den insgesamt 52 Kilometer langen Pop-up-Fahrradwegen der ersten Corona-Wellen wurde dem Pariser Fahrradverkehr schon vor Monaten mehr Raum verschafft.

Geschwindigkeitsbeschränkungen haben mit Ideologie nichts zu tun

Nein, es geht nicht um Ideologie. Tempo 130 auf Autobahnen oder Tempo 30 in Städten hat mit weltfremden, veränderungsresistenten Theorien so wenig zu tun wie der Slogan "Freie Fahrt für freie Bürger", mit dem der ADAC einmal gegen Tempolimits ins Feld zog. Es geht um die Frage, welchen Stellenwert wir gesellschaftlich dem Autoverkehr, besonders in den Städten, einräumen. Die städtebauliche Maxime, dem anschwellenden Individualverkehr mit immer mehr Straßen und Parkmöglichkeiten hinterherzubauen (und so für ein weiteres Anschwellen zu sorgen), ist heute obsolet.

Gleichzeitig wird die Sehnsucht vieler Städter nach entschleunigten, stilleren und lebenswerteren Städten lauter, auch in Deutschland. Im Sommer haben sechs Städte, darunter Augsburg, Hannover und Leipzig, den Bund aufgefordert, die Straßenverkehrsordnung so zu ändern, dass künftig Städte selbst entscheiden können, wo sie Höchstgeschwindigkeiten reduzieren. Denn rechtlich ist das heute nicht ohne den Nachweis einer konkreten Gefährdung möglich. Unterstützt werden sie bei ihrer Initiative vom Deutschen Städtetag.

Ziemlich Ideologie-unverdächtig ist auch ein weiterer Fürsprecher des gemächlicheren Stadtverkehrs: In der Zeitung "Le Monde" schrieb Jean Todt, ein Tempolimit von 30 km/h sei in stark bewohnten Gebieten "eine der effizientesten Maßnahmen, um die Sterblichkeitsrate auf der Straße zu verringern". Todt war Formel-1-Teamchef und ist heute Präsident des Weltautomobilverbands Fia und UN-Sondergesandter für Verkehrssicherheit.


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