Dieses Jahr machte die finnische Hauptstadt Helsinki mit einer guten Nachricht von sich reden. Kein einziger Mensch ist dort zwischen Juli 2024 und August 2025 im Straßenverkehr gestorben. Und Europa richtet fragend seinen Blick auf die nördlichste Hauptstadt der EU, die zu zwei Dritteln aus Meeresfläche besteht.
Die Antwort liegt in gegenseitiger Rücksicht und in einer ungewöhnlichen Priorisierung. In Helsinki stehen nämlich Fußgänger und vor allem Kinder an erster Stelle im Verkehr. An vielzähligen Zebrastreifen überlassen Autos ihnen den Vortritt. Auch das Netz an Radwegen ist mit rund 1500 Kilometern gut ausgebaut.
Ein Beispiel: Unter dem Hauptbahnhof hindurch errichtete man extra einen 220 Meter langen Tunnel für Radfahrende – mit Parkplatz und Reparaturmöglichkeiten inklusive –, sodass sie sich auf dem Weg zur Arbeit nicht mehr zwischen Koffern, Bussen und Touristen hindurchschlängeln müssen, sondern feste in die Pedale treten können. Das ambitionierte Ziel: Bis 2020 sollen sie 20 Prozent des Verkehrs ausmachen. "Baana" nennen die Menschen in Helsinki ihre glatt asphaltierten Fahrradautobahnen. Wer kein eigenes Rad besitzt, kann auf Leihräder der Stadt zurückgreifen, die von Frühjahr bis Herbst zur Verfügung stehen.
Der größte Hebel dürfte jedoch die Geschwindigkeitsbegrenzung sein. Auf mehr als der Hälfte aller Straßen ist in Helsinki nur Tempo 304 erlaubt. Analysen zeigen, dass Menschen trotzdem kaum langsamer ihre Ziele erreichen – obwohl das die häufigste Befürchtung war. Das Tempolimit wird an rund 50 fest installierten Messstationen überprüft, 20 weitere sollen hinzukommen. Auch bei E-Scootern gibt es strengere Regeln. Diese dürfen am Wochenende nachts gar nicht benutzt werden.
Zudem fahren sie grundsätzlich langsamer und feste Abstellflächen sorgen für Ordnung. Doch wer die Hintergründe des Erfolgs wirklich verstehen will, muss zunächst die finnische Hauptstadt hinter sich lassen und einmal den Bottnischen Meerbusen überqueren. Denn im benachbarten Schweden wurde im Jahr 1997 ein neues Konzept erarbeitet, das zum heutigen Erfolg beiträgt. Unter dem Schlagwort "Version Zero" wurde das Ziel gefasst, im Verkehr keine weiteren Todesfälle zu tolerieren.
Von diesem ehrgeizigen Vorhaben hat sich Finnland neben 25 anderen Ländern inspirieren lassen. Auch Deutschland hat sich dem verschrieben. Doch mit rund 690.000 Einwohner:innen ist Helsinki bisher eine der größten Städte, denen die Umsetzung gelang. Zumindest auf Zeit, denn: seither starben wieder vier Menschen. Verkehrssicherheit ist also etwas, um das man sich ständig bemühen muss.
Übrigens, wer sich dem Tempolimit widersetzt, muss in Finnland bisweilen saftige Strafen zahlen. Für den Geschäftsmann Anders Wiklöf bedeutete das beispielsweise eine Zahlung von 121.000 Euro, denn er war kurz nach einem 50er Schild mit 81 km/h erwischt worden. Die Höhe berechnet sich am Einkommen, sodass auch der Fahrer eines Lamborghinis eher langsam an einer Kindertagesstädte vorbeirollt. Fußgänger first scheint Wirkung zu zeigen.