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Konsum Deutsche wollen trotz Klimakrise nicht verzichten: Jetzt muss die Politik ran

Nachhaltiger Konsum muss einfacher werden – durch höhere Umwelt- und Tierschutz-Standards
Nachhaltiger Konsum muss einfacher werden – durch höhere Umwelt- und Tierschutz-Standards
© Igisheva Maria / Shutterstock
Eine aktuelle Umfrage zeigt: Die meisten Deutschen nehmen die Klima- und die Ökokrise ernst – sind aber zu Verhaltensänderungen kaum bereit. Jetzt muss die Politik ihrer Verantwortung gerecht werden

Die Deutschen wissen zwar, dass wir in einer Klima- und Artenkrise stecken, wollen aber der Umwelt zuliebe nicht verzichten. Das ist, kurz gesagt, das Ergebnis einer Umfrage unter mehr als 14.000 Menschen in Deutschland.

So stimmten drei von vier Befragten (74 Prozent) der Aussage zu: "Wenn die Dinge weiterlaufen wie bisher, werden wir bald eine große ökologische Katastrophe erleben." Gleichzeitig sind nur etwas mehr als ein Drittel (35 Prozent) der Teilnehmerinnen und Teilnehmer bereit, dem Klima zuliebe weniger Fleisch zu essen. Nur etwas mehr als jede/r Vierte wären demnach bereit, dem Klima, der Umwelt und den Tieren zuliebe sogar ganz auf tierische Produkte zu verzichten. Und das, obwohl die Ernährungsumstellung einer der wichtigsten Hebel ist, um den persönlichen Klima-Fußabdruck klein zu halten.

Ein ähnliches Bild ergibt sich bei den Urlaubsreisen. Zwar wollen der Umfrage zufolge 38 Prozent der Menschen "vermehrt versuchen", Flugreisen zu vermeiden und in der Region Urlaub zu machen. Doch ausgerechnet bei der Generation "Fridays for Future", den 12- bis 24-Jährigen, hat nur jede/r Fünfte vor, am Boden zu bleiben. Bei allen anderen Altersgruppen ist die Bereitschaft zum Verzicht größer.

Die Politik muss ihre eigene Verantwortung endlich wahrnehmen

Nun ist die sozialpsychologische Erkenntnis nicht neu, dass von der Einsicht zur individuellen Verhaltensänderung kein direkter Weg führt. Nur relativ wenige Menschen nehmen das umweltschädigende Verhalten der Gesellschaft zum Anlass, ihr eigenes Handeln zu überdenken und zu ändern. Auch die Rechtfertigungen für dieses auf den ersten Blick paradoxe Verhalten sind bekannt. "Wenn ich weniger Fleisch esse oder weniger fliege...", so eine von Dutzenden populären Floskeln, "...wird das den Planeten nicht retten".

Es mag auch ein wenig beleidigter Sinn für Generationengerechtigkeit mitschwingen, wenn die Jungen mehrheitlich erklären, auf das Fliegen nicht verzichten zu wollen. "Warum sollen wir der grenzenlosen Mobilität abschwören", könnte der – nachvollziehbare – Einwand der jungen Generation lauten, "die unsere Eltern noch unbeschwert genossen haben?"

Die Umfrage zeigt: Die Menschen sind als Konsumentinnen und Konsumenten mit der "Rettung des Planeten" überfordert. In einer Welt, in der Flüge und Fleisch zu Schnäppchenpreisen verschleudert werden, ist es zwar nicht sinnlos, aber auch nicht zielführend, an die Moral zu appellieren. Marktliberale Verweise auf die individuelle Verantwortung beim Einkaufen lenken nur von der offensichtlichen Schlussfolgerung ab: Die Politik muss den Rahmen setzen – unter anderem, weil sie durch die Verfassung dazu verpflichtet ist. Sie muss dafür sorgen, dass besonders Klima-, Umwelt- und Tierschädliches aus den Regalen fliegt. Sie muss Standards anheben. Und dafür sorgen, dass Produkte ihrem ökologischen Fußabdruck entsprechend teurer werden.

Die Angst vor uneinsichtigen, unsolidarischen Wählerinnen und Wählern darf den Parteien kein Ratgeber sein: Angesichts der sich entfaltenden Klima- und Ökokrise wäre eine Rahmensetzung für zukunftsfähigen Konsum von der kommenden Bundesregierung nicht zu viel verlangt.


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