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Alternative zum Friedhof Billiger Marketing-Gag oder echter Meeresschutz? Bestattung als Riff-Baustein boomt

Vor der Karibik-Insel Curaçao ausgebrachte Reef Balls werden von Meeresorganismen in Besitz genommen
Vor der Karibik-Insel Curaçao ausgebrachte Reef Balls werden von Meeresorganismen in Besitz genommen
© Joseph / Adobe Stock
Wer das Meer liebt und sich nicht auf einem herkömmlichen Friedhof bestatten lassen möchte, für den gibt es eine ungewöhnliche Alternative: Mit Beton vermischt, könnte die eigene Asche für mehr Leben am Meeresgrund sorgen

Auch nach dem Tod noch Gutes tun: Umweltfreundliche Alternativen zur Bestattung auf einem herkömmlichen Friedhof haben Konjunktur. Ein US-Unternehmen bietet nun auch Bestattungen auf dem Meeresgrund an – als Teil eines künstlichen Riffs. So sollen die sterblichen Überreste zur Zuflucht und Kinderstube zahlloser Fischarten und anderer Organismen werden.

Eternal Reefs hat nach eigenen Angaben an 25 Stellen entlang der Ostküste der USA und im Golf von Mexiko schon mehr als 3000 solcher Bestattungen durchgeführt. Dabei wird die Asche der Verstorbenen mit ph-neutralem Beton vermischt. Aus der grauen Masse werden dann so genannte Reef Balls geformt: 250 Kilogramm bis 1,8 Tonnen schwere, durchlöcherte Kegel mit einer rauen Oberfläche. Nach der Versenkung im Meer mit einer beschrifteten Bronzeplakette erhalten Angehörige die genauen Koordinaten des "Grabes" – und können es sogar besuchen, sofern sie einen Tauchschein besitzen. Möglich ist auch die Beisetzung von Haustieren von "normaler Größe".

Die Nachfrage habe sich in Corona-Zeiten sogar verdreifacht, erklärt das Unternehmen. Man sei ständig auf der Suche nach weiteren Standorten für die Gedächtnis-Riffe. Je nach Größe des Reef Balls und Standort müssen Interessierte für eine Bestattung als Riffbaustein umgerechnet zwischen 2700 und 6700 Euro berappen.

Künstliche Riffe werden von Meereslebewesen schnell in Besitz genommen

Künstliche Strukturen auf dem Meeresgrund, das ist lange bekannt, bieten zahllosen Meeresorganismen Schutz. Schon nach kurzer Zeit werden sogar Schiffswracks und deponierte Autoreifen von Algen, Krustentieren, Fischen und – in tropischen Gewässern – auch Korallen besiedelt.

Die Idee der Reef Balls entwickelte Anfang der 1990er-Jahre eine US-amerikanische Non-Profit-Organisation. Seither haben sich die löchrigen Beton-Strukturen als Ersatz-Riffe bewährt. Der Organisation zufolge wurden vor den Küsten von 59 Ländern insgesamt schon mehr als 500.000 von ihnen versenkt.

Für die Unterwasserwelt ist der künstliche Baugrund eine dringend benötigte Hilfe. Denn Korallenriffe sind weltweit durch den Klimawandel in Gefahr. Durch ansteigende Wassertemperaturen und Ozeanversauerung kommt es immer öfter zu so genannten Korallenbleichen. Vom australischen Great Barrier Reef, der größten lebenden Struktur der Erde, ist schon etwa die Hälfte zerstört. Weltweit sind heute schon knapp ein Drittel aller Riffe verloren. Sollte die Temperatur der Erdatmosphäre um zwei Grad steigen – ein Szenario, das nach aktuellem Stand der Klimapolitik eher wahrscheinlich als unwahrscheinlich ist – so wären so gut wie alle Korallenriffe dem Untergang geweiht.

Langfristig werden die Reef Balls also eher von Algen und Seesternen als von Korallen besiedelt werden. Als Kinderstube für Fische würden sie dennoch dienen können.

Ob die Bestattung als künstlicher Riff-Baustein allerdings tatsächlich ökologisch ist, sei dahingestellt. Schließlich ist immer noch eine Verbrennung im Krematorium erforderlich, die mit Dutzenden Kilogramm CO2 und Quecksilber-Emissionen zu Buche schlägt. Wegen der notwendigen Fahrten zum Krematorium und zum Ort der Versenkung kommen weitere Emissionen hinzu. Und bei der Herstellung von Zement für den Beton fällt für jede Tonne eine Tonne Kohlendioxid an.


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