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Burnout Leseprobe: Weshalb ist unser Leben so hektisch?

Der Soziologe Hartmut Rosa im Interview über Ursachen der Zeitnot - und die Frage, wie ein erfülltes Leben gelingen kann

Termindruck, Konkurrenz, Tempo: Vor allem den Anforderungen der modernen Arbeitswelt fühlen sich viele Menschen kaum mehr gewachsen, sie sind gestresst, leben in Zeitnot. Der Soziologe Hartmut Rosa erklärt, warum der Takt des Lebens immer schneller wird, worin die wahre Ursache von Burnout und Depressionen liegt – und wie ein gutes, erfülltes Leben gelingen kann.

GEOkompakt: Herr Professor Rosa, das moderne Leben scheint paradox. Einerseits nehmen uns allerlei technische Neuerungen viele zeitraubende Tätigkeiten ab, Menschen in der westlichen Welt haben mehr Freizeit denn je, zudem werden wir immer älter. Andererseits klagen viele Menschen darüber, nie genug Zeit, viel zu viel Stress zu haben. Woran liegt das?

PROFESSOR HARTMUT ROSA: Das Grundgefühl, ob man genug oder zu wenig Zeit hat, hängt nicht mit der absoluten Zeit zusammen, die uns zur Verfügung steht. Die bleibt stets gleich: 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr. Wir betrachten Zeit jedoch vor allem als Ressource, die wir nutzen müssen, um Aufgaben zu erledigen. Das Gefühl der Zeitknappheit wurzelt darin, dass wir die Aufgabenmenge beständig vergrößern, während wir die Ressource Zeit naturgemäß nicht vermehren können.

Leseprobe: Weshalb ist unser Leben so hektisch?

HARTMUT ROSA ist einer der renommiertesten deutschen Zeitforscher. Er lehrt an der Universität Jena und ist Direktor des Max-Weber-Kollegs für kultur- und sozialwissenschaftliche Studien an der Universität Erfurt

Vermehren können wir sie nicht, aber wir sparen doch laufend Zeit – etwa wenn wir eine E-Mail anstelle eines Briefes schreiben.

Natürlich, die ganze Moderne ist eine einzige Geschichte des Zeitsparens und der Beschleunigung: Mit dem Auto kommen wir rascher voran als zu Fuß, mit dem Flugzeug schneller als mit dem Auto. Waschmaschinen, Staubsauger, Mikrowellen sparen Zeit, E-Mails erreichen ihren Adressaten in Sekundenschnelle. Fast jede Technik ist mit dem Versprechen verbunden, dass wir mit ihr Zeit gewinnen. Dennoch stellt sich kein Zeitreichtum ein, sondern Zeitknappheit.

Die Aufgabenmenge wächst so rasant, dass wir sie trotz des Zeitgewinns nicht abarbeiten können. Früher wechselten Menschen einmal in der Woche ihre Wäsche, heute machen wir das täglich. Statt zehn Briefe schreiben und lesen wir 30, 40 oder noch mehr E-Mails. Und mit dem Auto legen wir natürlich viel weitere Strecken zurück als Menschen vormals zu Fuß.

Die Technologien versprechen aber nicht nur eine Zeitersparnis, sondern in der Regel auch eine Horizonterweiterung.

Was meinen Sie damit?

Mit vielen technischen Neuerungen vergrößern sich unsere Optionen, unsere Wahlmöglichkeiten. Viele Innovationen bringen uns mehr Welt in Reichweite. Besitze ich beispielsweise ein Auto, weitet sich mit einem Mal der Horizont, vermehren sich die Möglichkeiten: Ich kann am Abend noch schnell in die Stadt fahren, ein Konzert anhören, in die Natur hinausfahren, einen Freund besuchen.

Genauso verhält es sich mit einem Smartphone: Habe ich das in der Tasche, eröffnen sich plötzlich viele neue Optionen – nun kann ich online gehen, kann chatten, Nachrichten schauen, shoppen, spielen. Überall, jederzeit.

Und genau danach sehnen wir uns förmlich: nach immer mehr Optionen.

Sind wir einer Sucht ausgeliefert?

Ja, man kann unser Verhalten mit dem eines Süchtigen beschreiben. Wir gieren nach mehr Möglichkeiten, mehr Handlungen, mehr Erlebnisepisoden – und dementsprechend brauchen wir auch mehr und mehr Zeit. Wir können gar nicht anders.

Weshalb?

Weil wir es für eine Bedingung des gelungenen Lebens halten, möglichst viel Welt in unsere Reichweite zu bringen. Hinzu kommt: Wir gehen von der irrigen Vorstellung aus, dass allein schon ein Mehr an Auswahlmöglichkeiten Glück auslöst, dass wir so immer mehr Freiheit erlangen.

Ist das ein Trugschluss?

Ja. Er besteht darin, dass die Steigerung von Möglichkeiten an sich keinen Wert hat – die permanente Vermehrung von Optionen ist per se noch kein Zugewinn an Freiheit. Der tritt logischerweise erst dann ein, wenn ich meine Wahlmöglichkeiten auch realisiere.

Können Sie Beispiele nennen?

Etwa wenn ich von den Büchern, die ich kaufe, ein paar auch wirklich lese, das Teleskop, das ich mir geleistet habe, auch wirklich benutze, oder von den Opernhäusern, die ich in Reichweite habe, auch eines besuche.

Die Illusion gründet darin, dass viele Menschen inzwischen ihr Glück allein daran bemessen, wie viele Optionen sie haben. Die ganze Libido hängt mittlerweile am Erschließen von Optionen. Das ist ein kultureller Irrtum, denn das Leben wird erst da gut, wo man eine Möglichkeit auch tatsächlich umsetzt.

In unserer Gesellschaft haben wir das Gefühl, frei zu sein. Keiner sagt uns, wie wir leben müssen, ob und wen wir heiraten müssen, was wir glauben sollen. Und doch sagen die meisten Menschen bei fast allem, was sie tun: „Ich muss“.

Den ganzen Tag müssen wir, sitzen in erbarmungslosen Hamsterrädern. Wir sind also gleichzeitig maximal frei und maximal unter Zwang. Und zugleich wollen wir uns so viele Optionen wie möglich offenhalten, wollen uns nie und nirgends festlegen.

Was zu einer permanenten Atemlosigkeit und Verunsicherung führt: Denn wer sich festlegt, der könnte ja etwas noch Verheißungsvolleres verpassen.

Genau, und in dieser Unschlüssigkeit drückt sich eine weitere Angst aus: davor, stehen zu bleiben – und damit zurückzufallen. Wer sich an etwas festhält, ist nicht flexibel. Unsere Beschleunigungsgesellschaft aber erfordert einen extrem hohen Grad an Flexibilität. Je dynamischer die Gesellschaft wird, je schneller sich Kontexte ändern, umso verhängnisvoller wird es, sich festzulegen.

Man kann heutzutage schwerlich sagen: Ich bin Schuster und bleibe für immer Schuster. Eine solche Strategie ist nicht zeitgemäß. Oder: Ich kaufe mir den neuesten Computer, und mit dem werde ich alt.

Stehen bleiben heißt immer: zurückrutschen. Wir befinden uns quasi auf Rolltreppen abwärts. Wenn ich sage: So, jetzt habe ich, was ich brauche, befinde ich mich schon auf dem Weg nach unten. Ich nenne es das „Slipping-Slopes-Syndrom“ – das Gefühl, auf rutschenden Abhängen zu stehen.

Ist also Angst unser Motivator?

Im Kern ja. Viele meinen, die Gier treibe uns an, das ist falsch. Es ist die Angst. Wir sind gar nicht getrieben von dem Verlangen, immer höher, immer schneller, immer weiter zu kommen, sondern von der Angst, nicht mehr mitzukommen, abzurutschen, zurückzufallen.

In der Beschleunigungslogik spiegelt sich auch die Angst vor dem Tod. Jeder weiß, dass er irgendwann sterben muss, dass seine Zeit begrenzt ist. Ohne Gott und Glauben bezieht sich all unser Handeln und Sein einzig auf das Diesseits.

Wenn es uns nun gelänge, immer schneller zu werden, immer mehr in immer kürzerer Zeit zu erleben, zu reisen, zu konsumieren, zu produzieren, dann könnten wir das Leben dehnen, dem Tod förmlich entrinnen. Dann könnten wir die ganze Welt vor dem Tod ausschöpfen, gleichsam ein ewiges Leben vor dem Tod haben. Wir alle sagen doch: Klar muss ich irgendwann sterben, aber bevor es so weit ist, will ich noch ganz viele Dinge tun.

Wann in der Geschichte hat diese Beschleunigung begonnen, wann haben Menschen erstmals über Zeitknappheit geklagt?

Das beginnt ungefähr mit dem 18. Jahrhundert. Damals wandelt sich die Gesellschaft massiv, erlebt einen gewaltigen Beschleunigungsschub. Zwar sind auch Gemeinschaften zuvor nicht statisch gewesen, auch sie haben sich beständig verändert, durch Kriege, Dürren, Krankheiten, den Wechsel der Herrscher. Oder durch Zufall, wenn jemand eine Entdeckung gemacht hat.

Aber dass eine Gesellschaft gar nicht anders kann, als sich zu steigern, das ist ein modernes Prinzip, das mit dem Kapitalismus aufkommt. Denn wirtschaftliche Tätigkeit funktioniert von nun an nur durch das Versprechen, dass man mehr gewinnt, als man eingesetzt hat. Geld wird immer in der Hoffnung investiert, dass mehr Geld rauskommt. Es muss in immer weniger Zeit immer mehr produziert werden. Denn nun gilt: Zeit ist Geld!

Drückt sich diese Beschleunigung zunächst nur in der Ökonomie aus?

Nein, auf allen Ebenen. Etwa in der Wissenschaft: Hatte man bis zum 18. Jahrhundert Wissen vornehmlich als Schatz angesehen, der von einer Generation zur nächsten weitergegeben wird, kommt nun eine völlig neue Dynamik in Gang. Laufend werden jetzt neue Fragen gestellt, ständig neue Projekte ins Leben gerufen, immer neue Antworten gefunden. Auch in der Kunst zeichnet sich das Prinzip ab. Die Malerei ist jetzt nicht mehr mimetisch, Künstler ahmen nicht mehr einfach nur die Natur nach oder imitieren die alten Meister – sie suchen das Originelle, das Innovative.

Überall geht es zunehmend darum, das Vorgängige zu überbieten. Und immer tiefer verankert sich die Überzeugung, dass sich eine Gesellschaft nur erhalten kann, wenn sie sich verändert, beschleunigt, wächst, innoviert. Steigerung wird eine strukturelle Notwendigkeit. Das ist im 18. Jahrhundert wirklich neu.

Und von da an beschleunigt sich die Gesellschaft kontinuierlich?

Ja, wobei es immer wieder deutliche Wellen gibt. So zeigt sich ein spürbarer Beschleunigungsschub in der Zeit zwischen 1880 und 1920, als viele epochale Innovationen eingeführt werden – elektrisches Licht, Telegraphie, Straßenbahnen, Rundfunk. Und schon damals meinen Menschen, die Geschwindigkeit sei zu hoch. Um 1900 wird die sogenannte Neurasthenie, die Nervenschwäche, als eine durch erhöhtes Tempo ausgelöste Krankheit beschrieben.

Das erinnert beinahe an heutige Stresserkrankungen.

In gewisser Weise schon. Dennoch muss man klar sagen: Seit den 1990er Jahren erleben wir eine neue, massive Beschleunigungswelle, durch das Internet und die Digitalisierung zahlloser Prozesse ausgelöst – in der Kommunikation, Produktion, im Transport. Gleichzeitig hat der Zusammenbruch des Ostblocks die Informations- und vor allem Geldströme wirklich global werden lassen. Durch die Deregulierung und Digitalisierung der Finanzmärkte rasen gewaltige Kapitalmengen in Sekundenbruchteilen um die Welt.

Die massivste Veränderung, der am tiefsten greifende Wandel aber hat sich in den letzten Jahrzehnten in uns selbst vollzogen. Es ist zu einem radikalen Perspektivwechsel gekommen.

Das ganze Interview lesen Sie in GEOkompakt Nr. 40 "Wege aus dem Stress".

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