Schweiz - Abenteuerliche Durchquerung der Massaschlucht im Oberwallis

Reisebericht

Schweiz - Abenteuerliche Durchquerung der Massaschlucht im Oberwallis

Reisebericht: Schweiz  -  Abenteuerliche Durchquerung der Massaschlucht im Oberwallis

Abenteuerliche Durchquerung der Massaschlucht im Oberwallis in der Schweiz

Schweiz - Abenteuerliche Durchquerung der Massaschlucht im Oberwallis

Zeit seines Lebens blickte Emanuel Margelisch Anfang dieses Jahrhunderts mit kritischen Augen in die gleißende Sonne. Dabei achtete er auf den Wind, der aus den tief eingeschnittenen Seitentälern heraufgebraust kam und die stubengroßen Äcker und Zwergwiesen rasch austrocknete. Er war als Sander dafür verantwortlich, dass das Wasser des oberhalb liegenden Walliser Aletschgletschers über teilweise waghalsige Kännel - den Holzkanälen - auf die kleinen, hoch am Berg liegenden, dürstenden Almböden gelangte. Eine waghalsige Arbeit, bei der manch tapferer Sander bei den gefährlichen Reparaturarbeiten aus der schwindelerregenden Wand in den Tod stürzte.



Belalp und Aletschgletscher, Oberwallis, Schweiz

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Heute werden die Felder mit modernen Berieselungsanlagen bewässert, die Wucht des Gletscherwassers hinter der riesigen Gibidum Staumauer bei Blatten gestaut, und ein Teil davon läuft über eine Rohrleitung tief ins Rhonetal nach Bitsch bei Brig/Naters und wird zur Herstellung von Strom genutzt.
Der geregelte Wasserzulauf und die dadurch sichtbare Szenerie der bizarren Felsstrukturen erst brachte vor einigen Jahren Bergführer der Region Aletsch auf die Idee, eine abenteuerliche Durchquerung der Massaschlucht in der ganzen Länge für sportliche Gäste anzubieten. Auch wurde jetzt ein weniger schwieriger, ebener Wanderweg - der Massaweg - hoch oben in den Berg gebaut. Sicheren Fußes können jetzt auch weniger Sportliche zu den bizarren Felsformen, die in Jahrtausenden von der Kraft des Wassers geschaffen worden sind, tief hinunterblicken.



Massaschlucht, Oberwallis, Schweiz

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Aus der Tiefe der Massaschlucht sind das tosende Wasser und ab und zu die Jauchzer einer Gruppe zu hören, die ihren unendlichen Spaß daran hat, sich mit Helm, Neoprenanzug und Wanderschuhen unter der Obhut eines speziell ausgebildeten Bergführers von hohen Felswänden abseilen zu lassen und durch eiskaltes Gletscherwasser zu schwimmen.
Beim fernen, fröhlichen Jauchzen aus der Schlucht packt es auch mich. Ich verspüre das Kribbeln im Bauch und möchte in eines der letzten versteckten Walliser Geheimnisse vordringen. Einem Labyrinth, das in früheren Zeiten nur verwegenen Jägern und Sandern vorbehalten war. Die unwegsame Enge ist auch heute nicht mit Trittleitern oder Seilsicherungen und Wegweisern ausgestattet.



Massaschlucht, Oberwallis, Schweiz

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So stehe ich dann etwas verloren in früher Morgenluft unter verhangenem Himmel mit Gleichgesinnten unterhalb der Sperrmauer Gibidum. Vorher haben wir uns jedoch alle im kleinen Bergdorf Blatten in einen engen Neoprenanzug gezwängt, der vor dem sechs Grad kalten Gletscherwasser schützen soll. Noch aber ist alles um unsere Gruppe herum in sattem Grün, steigt mir der honigsüße Holunderduft in die Nase.



Massaschlucht, Oberwallis, Schweiz

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Im ersten Teil der Schlucht taste ich mich langsam in fachkundiger Obhut durch Bergführer Philipp Zehnder über ausgewaschene Felswannen und Sandbänke und bestaune die Strukturen riesiger Findlinge. Dabei umgehe ich noch jeden Wasserlauf. Unterhalb der blau gemaserten Serpentinfelsen dann ein misstrauischer Blick. Die Spannung und Nervosität steigt. Der erste Sprung steht an. Bevor jedoch Philipp als erster springt, erklärt er mit ruhiger Stimme, dass mit eng anliegenden Händen nicht zu weit gesprungen werden darf, "sonst hängst du dich mit der Nase am gegenüberliegenden Fels auf", scherzt unser Beschützer mit grinsendem Gesicht.



Massaschlucht, Oberwallis, Schweiz

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Den ersten Sprung durch diese enge Felsspalte ins Gletscherwasser meistern alle ohne Murren. Jetzt macht sich der Neoprenanzug bemerkbar. Eine dünne Wasserschicht setzt sich zwischen Haut und Gummi, das eiskalte Gletscherwasser erscheint nicht unangenehm. Wieder an Land, quillt bei jedem Schritt das Wasser aus den Wanderschuhen und Luftblasen steigen das Hosenbein hinauf. Bei meinem Vordermann läuft aus dem Kunststoffrucksack mit den vielen Löchern im Boden das Wasser wie aus einem Sieb.Seine wasserdicht verpackten Utensilien haben ihn gerade vor mir im Wasser wie mit einer Schwimmweste an die Wasseroberfläche gezogen.



Massaschlucht, Oberwallis, Schweiz

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Ich habe Schwierigkeiten, mich auf die Rutschfestigkeit meiner Sohlen auf den glattpolierten Felsen zu verlassen. Fachkundige Hände, die aus der Tiefe herauf meine Füße an exponierten Stellen an den Fels drücken, zeigen mir dies immer wieder. Danach "gehe" ich mit Minischritten verblüfft die polierten Flächen hinunter, ohne eine Rutschpartie ins Ungewisse zu machen. Absolute Konzentration und Beachtung der Anweisungen von Philipp, dem geduldigen Bergführer, sind dabei nicht nur bei mir oberstes Gebot.
Nach schweren Gewittern, wenn der Himmel mal für längere Zeit seine Schleusen geöffnet oder der Überlauf am Stausee eingesetzt hat, verändert das herabstürzende Wasser ständig das Bachbett. Auch werden an drei bis fünf Tagen im Mai/Juni Spülungen vom Wasserwerk durchgeführt, damit der ganze Schutt und Kies aus dem Stausee herausgespült wird, um das Auffangbecken bei großem Unwetter wieder aufnahmefähig zu machen. Überschwemmungen im Rhonetal werden bei langanhaltenden Regenfällen somit vermieden.
So stehen auch kundige Führer stets vor neuen Schwierigkeiten. In diesem Fall hat sich ein Felsen in unsere "Pfütze", wie Einheimische ein solches Priel nennen, geschmuggelt. Ich muss daher weit springen, halte meine Nase zu und tauche bis zum Helm in die "Pfütze" ein.



Massaschlucht, Oberwallis, Schweiz

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Schritt für Schritt dringe ich nun in die unwegsame Enge vor, wobei die beidseitig steil aufragenden schroffen Felswände immer höher werden. Für riesig ineinander verschachtelte Felsbrocken mit mikadoähnlich verkeilten Baumstämmen fehlt bald die beschauliche Verwunderung. Ich krieche unter ihnen hindurch, bleibe mit dem sperrigen Rucksack an einem ausladenden Ast hängen und werde von meinem Nachfolger aus der peinlichen Lage befreit. Dafür geht´s dann schon im nächsten Moment wieder steil nach oben und gleich darauf derart fies nach unten, dass ich mit dem Fuß keinen Halt finde. Philipp erkennt die aussichtslose Lage seines Schreibtisch-Schützlings und hält sein erlösendes Knie als Leiter entgegen. Dabei beweist es sich wieder einmal mehr, dass dieser ruhige, erfahrene Bergführer den Ruf hat, auch einen Städter, der noch nie vorher einen Berg gesehen hat, auf einen Viertausender zu bringen.



Massaschlucht, Oberwallis, Schweiz

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Beim Sprung von einem acht Meter hohen Felsen in ein großes Wasserloch, dass das Gletscherwasser aufstaut, lässt der Gruppenzwang alle mit einem riesigen Beifall springen. Nur mich verlässt der Mut. Ich ziehe das sichere Umklettern vor.
Im "schwarzen Loch", einem Tunnel wie ein Siphon, das kälteste Wasser. Hier braucht es lange, um aus diesem Labyrinth wieder an die wärmende Sonne zu gelangen. Bei verrückten Kletterverrenkungen in rabenschwarzer Tiefe drängt es mich durch einen schmalen Gang wieder ans Tageslicht. Bevor ich die abschüssigen Platten hinunter gehe, trete ich mir den Sand unter meinen Sohlen ab, um eine unfreiwillige Rutschpartie zu vermeiden.
Wen hier die Kräfte verlassen, der findet jetzt einen Notausgang. Das ist ein etwa 250 Meter langer, stockfinsterer Stollen, der in den dreißiger Jahren gebaut wurde, um das lebensspendende Wasser auf die Südhänge zu leiten. Uns alle zieht es jedoch weiter.



Massaschlucht, Oberwallis, Schweiz

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An der "Schwitter", der ersten großen Abseilstelle, bekomme ich große Augen. Aber sofort höre ich die beruhigende Stimme, dass alles nur halb so schlimm sei. Eingehakt am schützenden Karabiner und dem fest angezogenen Kletterseil meines Bergführers wage ich mich an die Felskante. Kurze Einweisung, und ich hänge wie ein nasser Sack am steil abfallenden Felsen. "Und jetzt mit der Zunge bremsen", schallt es von unten hämisch hinauf. "Du musst einfach die Füße an die Wand setzen und dich weit hinauslehnen" lautet lachend über den Spruch aus der Tiefe die knappe Anweisung für mich. Die Hilfestellung ist goldrichtig. Erleichtert, dass es wirklich ganz einfach ist, lehne ich mich Breitbeinig nach hinten über den Fels hinaus. Meine erste Abseilung mit Seilbremse geht in wenigen Zitterminuten erstaunlich gut erst einmal über eine Felsnase. Dann verschwindet der Fels völlig.



Massaschlucht, Oberwallis, Schweiz

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An einem riesigen Überhang schwebe ich langsam nach unten und lande sanft im Wasser. Gleich dahinter die Steigerung. Diesmal ist Abseilen durch einen Wasserfall unter einem riesigen Klemmblock angesagt. Mit viel Ulk geht's jetzt bereits etwas zügiger. Angelika, die letzte Abseilakrobatin, ist dann auch total verwundert, als sie den spritzig nassen Felsen von sicherem Boden hinauf starrt. "Und durch so was bin ich gerade hindurch gekommen", ruft sie uns zu. "Mensch, einfach toll", jubelt sie.



Massaschlucht, Oberwallis, Schweiz

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Massaschlucht, Oberwallis, Schweiz

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Die nun leicht schlotternden Knie werden auf einer großen Felsplatte mit einer kleinen Pause belohnt. Alle Rucksäcke werden ausgepackt, die wasserdichten Beutel aufgerollt. Köstlich labender Tee durchfließt die Kehlen und ist wirklich verdient. Danach schmeckt die luftgetrocknete Hauswurst noch einmal so gut. Sie wurde mir heute am frühen Morgen von Edith Commisso Imhof mit einem freundlichen Spruch auf den Lippen - "in guter Walliser Bergluft getrocknet" - über die Theke des kleinen Lädchens in Blatten gereicht. Die erlesenen Zutaten wie Randen, Lauch und Knoblauch in der Hauswurst wandern über meine Zunge und bauen allmählich wieder auf. "Whow! Die verbrauchte Energie kommt zurück" rufe ich gut gelaunt den Daniederliegenden zu. Was die natürlich zum Anlass nehmen, sich über meine beiden gebunkerten Würstchen herzumachen. Zum Abschluss beiße ich mit Wonne in einen milden, jungen und weichen hausgemachten Alpkäse und breche mir von meiner Nachbarin Esther einen Kanten Brot dazu ab.

Auf geht's zu den "Roten Felsen". Sehr markant heben sie sich von den anderen ab. Sie sind vor Jahren in einem bitterkalten Winter von weit oben einfach hinuntergekracht. Bis hinüber nach Blatten hat man es gehört. Dabei haben stetiger Regen und Schneeschmelze die Felsblöcke unterspült, und letztendlich hat dann das sich ausdehnende Eis den Fels zum Kippen gebracht.
Die nächsten einhundert Meter sind eine Wohltat für Beine und Augen. Ich verweile hier und dort, ohne jedoch den Anschluss an die Gruppe zu verlieren. "Das sind Gletschermühlen, habe ich gelesen, die von kleinen Steinen im Wasser in Jahrtausenden gemahlen worden sind", wirft Kurt aus dem Hintergrund fachkundig ein. Dabei muss man sich vorstellen, dass vor dem Staumauerbau an warmen Sommertagen bis zu sechzig Kubikmeter Wasser pro Sekunde alles mit ins Tal gerissen hat, was nicht groß und mächtig war.



Unter einem riesigen Klemmblock, einem sehr markanten Stein, schwimmen wir hindurch. Philipp klettert natürlich nach oben und springt mit einem Jauchzer hinter uns her. Auf diese Art und Weise haben bereits einige Gäste wenige Meter weiter am "Millionenloch" ihre Wertsachen wie Uhren, Ketten, Ringe und auch Brillen verloren.
Nach einer Kurve zeigt Philipp mit weitausgestrecktem Zeigefinger auf einen alten Adlerhorst hoch oben in der Felswand. Leider, so ist zu erfahren, haben sich die seltenen Tiere mit zu-nehmenden Besuchergruppen in andere Regionen verzogen. Ein Pärchen, so erzählt man sich im Dorf, sei jetzt einige Male gesichtet worden. Und fünfzig Meter daneben erkennt das Auge eine verstrebte Gruft, aus der ein wagemutiger Einheimischer viele Kilo Kristalle herausgeholt hat. "Wie die Grabräuber in Peru", so wirft Hanspeter ein, "die haben sich am Seil hinunter gelassen und alle Gräber der Indianer ausgeraubt". Auch die Überreste eines alten Kennels mit vereinzelten, aus der Wand herausragenden Tragbalken mit Krapfen, in denen sich ein ausgehöhlter Baumstamm als Wasserleitung befand, sind zu erkennen. "Das Schlimmste war", so der sachkundige Führer, "diese Wasserleitung nach Fäulnis oder einem Steinschlag zu ersetzen". Und man musste die Reparatur schnell durchführen, denn ein ganzes Bergdorf war auf die "weiße Gletschermilch" mit seinen feingemahlenen, fruchtbaren Sandpartikelchen für die Bildung von Humus auf den Wiesen angewiesen. Alleine der Gedanke, an dieser tiefen, senkrecht abfallenden Felswand als Sander ohne jede Sicherung und mit einfachstem Werkzeug dort oben zu arbeiten, ruft eine Gänsehaut bei mir hervor. Nicht umsonst sind so viele Sander in den Tod gestürzt. Stellte sich seinerzeit in einem kleinen Bergdorf kein Freiwilliger zur Verfügung, so wurde per Los entschieden, wer diese Arbeit zu verrichten hatte.
Wir jedoch ziehen modernst ausgerüstet weiter. Sollte einem unserer Gruppe etwas passieren, so kann Philipp mit seinem Funkgerät die Bergwacht alarmieren. Mit einem Hubschrauber der Air Zermatt ist eine gut organisierte Rettung mit einer speziell langen Seilwinde schnell möglich, allerdings auch recht aufwendig.
Beim Labyrinth klettere ich rauf und runter, kreuz und quer und bin lange unter Tage. Alleine würde ich wahrscheinlich nicht weiter kommen. Auch hier ist ständiger Wechsel angesagt, muss Philipp einige Stellen neu ausprobieren, bevor ich ihm auf Zuruf folge.



Massaschlucht, Oberwallis, Schweiz

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Beim Höhepunkt der sechsstündigen Tour treten Schweißperlen auf meine Stirn. Mit Herzflattern hängt bereits ein Mitglied unserer Gruppe am Seil und lässt sich neben einem herunterstürzenden Wasserfall 30 Meter tief in die "Kathedrale" abseilen. Die riesige, in Zehntausenden von Jahren in den Fels geschliffene Höhle gleicht einem gotischen Bauwerk der Natur. An das Herzklopfen bereits gewöhnt, ist meine größte Sorge, an glattpolierter, schräg abfallender Wand ohne großartigen Halt mit Blick in die Tiefe - aber fest angeseilt - nach links einen Meter zu verschwenken.



Massaschlucht, Oberwallis, Schweiz

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Massaschlucht, Oberwallis, Schweiz

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Das verschmitzte Lächeln in den Augen von Philipp verrät jedoch Sicherheit. Und es ist auch diesmal Dank einer sicher und ruhig führenden hilfreichen Hand kein Problem. Wieder weit zurückgelehnt - jetzt sind wir ja schon Profis im Abseilen - bewege ich mich langsam fest am Seil hängend rückwärts steil nach unten. Über mir wachsen die dunklen, feucht schimmernden Wände wie in einem Kathedralenschiff zusammen, während sich die Seitenwände nach unten hin weiter öffnen. Mit einem Glücksgefühl betrete ich wieder sicheren Boden und signalisiere mit einem Ruck am Seil, dass es für meinen Nachfolger eingezogen werden kann.



Beim Verlassen der "Kathedrale" unterliegen wir alle dem Irrtum, dass wir die Massaschlucht hinter uns haben. Es geht jedoch noch einmal weiter mit großer Konzentration gut eine Stunde über und unter riesigen Findlingen, die sich an einem Steilhang gestapelt haben. Das "Rulli-Dulli-Loch", so der Spitzname für einen langen, schmalen Wassertunnel, ist für uns der Eintritt in eine andere Welt. Hier muss sich das Auge erst wieder an ein weit ausladend grünes Tal gewöhnen.
Bei dem freundlich dreinschauenden Bergbauern Andre Sierro, der sich jetzt schon an die komischen Gestalten mit Bergschuhen und Neoprenanzügen gewöhnt hat, lassen wir uns erst einmal nieder. Er erzählt uns, dass er lange Zeit die Verrückten belächelt habe, die da freiwillig in eiskaltes Wasser springen. Er hat sich immer wieder gefragt, was nur daran so schön sein kann. Für ihn und seinesgleichen, so meint er, hat der Gang in die Massaschlucht von Kindheit an Arbeit und Gefahr bedeutet. Seine sympathisch braunen Augen lächeln. "Heute", so meint er, "kann mich kaum noch etwas erschüttern". Und dann erzählt er von seiner Kindheit, in der ihm die Großmutter die unheimliche Geschichte vom Wohnsitz der armen Seelen auf dem Aletschgletscher weitergegeben hat. Man glaubte fest daran, dass man nach dem Tode ins Fegefeuer kommen würde, wenn man ein nicht so gutes Leben geführt habe. Die Großmutter selbst hatte noch in so manchen Nächten die roten Lichter in den Gletschertümpeln gesehen. Und die armen Seelen, so sagte sie ihm immer wieder, irren nun barfuss über den Gletscher herum und büßen für ihre Sünden.
Und dann kommt er auf die heutige Zeit zurück. Redet vom Trockengebiet hier oben im Oberwallis. "Das ist zwar für die Touristen sehr schön", meint er da mit Blick auf uns, "den Bergbauern aber", fährt er andächtig fort, "habe das immer schon gelehrt, den Wassermangel für unsere Felder mit dem ausreichend vorhandenen Gletscherwasser ausgleichen zu müssen".



Massaschlucht, Oberwallis, Schweiz

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Erahnt man doch hier in diesem Moment, welch großer Segen vom lebensspendenden Wasser des Gletschers ausgegangen sein muss. Vielleicht wird hier der letzte Sander Emanuel Margelisch auf einer bunt blühenden Almwiese gesessen haben und die gleichen Angstschauer vor der steil abstürzenden Wand gehabt haben wie die heutigen Urlaubsgäste. Im Unterschied zu ihnen musste er für das Wohl eines ganzen Dorfes in die Wand. Emanuel Margelisch kehrte am 16. Mai 1927 von seiner Arbeit nicht mehr zurück.

Gerd Krauskopf



Infokasten

Anreise mit dem PKW über Basel, Bern, Kandersteg (Autoverladung nach Goppenstein), Brig, Blatten. Mit dem Zug ohne Umsteigen nach Brig und von dort mit dem Bus nach Blatten.

Die Durchquerung der Massaschlucht mit Bergführer wird von Mai bis Oktober organisiert.
Die Schlucht darf aus Sicherheitsgründen nicht ohne Bergführer begangen werden. Sie hat eine Länge von sechs Kilometern und eine Höhendifferenz von 600 Metern. Dauer der Durchquerung: 6-7 Stunden.

Trittsicherheit und eine Portion Mut sind Voraussetzungen.
Kinder unter 12 Jahren sollten besser nicht daran teilnehmen.
Preis pro Person: 180 CHF, wenn sich 5 Teilnehmer einfinden.
Inbegriffen sind der Sicherheitsgurt, Helm, Neoprenanzug, wasserdichter Rucksack und Führung.
Wen die Kondition unterwegs verlässt, für den besteht die Möglichkeit, inmitten der Schlucht über einen alten Wasserstollen die Massaschlucht zu verlassen!
Checkliste für Teilnehmer der Massaschlucht:
· Kleiner Imbiss mit Getränk
· Wanderschuhe m. Knöchelschutz
· Badesachen
· Sporthose oder kurze Hose
· T-Shirt oder Sweatshirt
· Ersatzwäsche (Hose, Hemd, Unterwäsche, Strümpfe und Schuhe)
· Brille mit Sicherheitsband versehen.
Nach der Tour wird die Ersatzwäsche in der Zivilschutzanlage in Blatten bei Brig gelassen, wohin die Teilnehmer nach der Tour zurückkehren, um warm duschen zu können.

Abenteuer Massaschlucht bieten an:
Alpin Center Belalp, CH 3914 Blatten, Telefon: 0041 27 921 60 45. www.massaschlucht.ch
Bettmeralp Tourismus, CH 3992 Bettmeralp, Telefon: CH 0041 27 928 60 60.
Riederalp Tourismus, CH-3987 Riederalp, Telefon: 0041 27
928 60 50.

Reiseliteratur: In der Reihe
Aletsch entdecken ist der Führer
"Massaweg" erschienen. "Der letzte Sander" Roman von einer ergreifenden Geschichte aus dem Aletschgebiet. Von C. Bürcher-Cathrein.

Weitere Informationen:
Brig Belalp Tourismus, Bahnhofplatz 1, 3900 Brig, Tel: 0041 27 921 60 30, www.brig-belalp.ch
oder
Schweiz Tourismus, Postfach 160754, 60070 Frankfurt a.M., Tel: 00800 100 200 30 (gratis), www.myswitzerland.com


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Kommentare

  • lilli.28

    Meine Hochachtung! Ein toller, spannender Reisebericht. Ein überaus feuchtes Vergnügen in einer kleinen Schweizer Welt für sich!
    Allerdings muss ich gestehen, dass ich es ein wenig weniger abenteuerlich liebe. Mich packt bei den faszinierenden Bildern ein leichtes Gruseln oder vielleicht auch Panik, wenn ich mir vorstelle, an einem Seil zu hängen, um solche Felsen hinunter zu kommen.
    Da freue mich mich auf weitere spannende Reisereportagen

  • vkirchhofer

    Super Reisebericht! War letztes Wochenende auch auf der Tour. Physisch sehr anspruchsvoll aber unvergesslich. Hatte mindestens 2 Tage Muskelkater.

  • freeneck-farmer

    Ich wurde so was nie machen aber sehr spannend. Warum haben andere Leute diese schöne Bilder nicht bewertet. Ich freue mich immer wenn meine Bilder bewertet werden.

  • flytime (RP)

    als früherer rafting-guide beglückwünsche ich dich zu deiner erfahrung. ich selber kenne die massa sehr gut und weiss was es heisst diese zu druchqueren. besonders bei etwas höherem wasserstand. erst recht wenn man weiss: umkehren geht nicht, einmal drin ist drin. und da gibt es nur eines: "augen zu und durch".
    flytime

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