Oldtimer-Rennen auf dem Wattenmeer

Reisebericht

Oldtimer-Rennen auf dem Wattenmeer

Reisebericht: Oldtimer-Rennen auf dem Wattenmeer

So viel gleich vorweg. Es gibt einen Wermutstropfen, wenn man zur Crew der Fortuna gehört: Man kann das prachtvolle Schiff nicht in voller Fahrt fotografieren. Der Gesamtanblick des dunkelblau lackierten Toppsegelschoners mit seinen 480 Quadratmetern Segelfläche bleibt der 28-köpfigen Besatzung verwehrt.

Oh, Fortuna! Wetter, Schiff und Stamppot sorgen für herbstlichen Segelgenuss

Bei der Ankunft im Hafen von Harlingen ist es stockdunkel. Hier liegen die traditionellen Plattbodenschiffe bereit zum Auslaufen zur Brandarisrace am nächsten Morgen. Seit 1994 gibt es diese Regatta, an der jedes Jahr im Oktober rund 80 Klipper, Schoner, Tjalken sowie einige Hochseesegler teilnehmen. Die Regatta wurde damals anlässlich des 400-jährigen Bestehens des ältesten Leuchtturms der Niederlande, des Brandaris auf der westfriesischen Insel Terschelling, ins Leben gerufen.

Obwohl die Schiffe in Viererpäckchen nebeneinander liegen und man die meisten Namen nicht lesen kann, erkennen wir die Fortuna schnell aus der Masse heraus. Schließlich ist sie eines der wenigen Schiffe, an deren Masttopp sich Rahen befinden, also die Querstangen, an denen die viereckigen Marssegel befestigt sind. Die Fortuna gehört als eines von mehr als 25 Plattbodenschiffen zur Flotte von Holland Sail.

Mit unseren Taschen bepackt, klettern wir von der Kaimauer aufs erste Boot, überqueren es und sind am Ziel. Rita, die Frau des Skippers, begrüßt uns und führt uns zu unserer Kabine. Ein erster Blick in den Salon. Ja, das sieht doch richtig gemütlich aus. Die lackglänzenden Holztische, die Schiffslampen aus Messing, große Bullaugen, rote Sitzpolster und weiße Vertäfelung an Wand und Decke: Schöner Wohnen auf dem Schiff!

Nach und nach stellen sich die Crewmitglieder einander vor. Man versucht - meist erst mal vergebens - sich die Namen einzuprägen. Holländer und Deutsche, Frauen und Männer, Junge und Ältere, Anfänger und Könner, Familien, Paare, Einzelreisende – eine richtig schön bunt gemischte Schar. Nachdem sich alle in ihren Kabinen eingerichtet haben, versammelt man sich im Salon. Skipper Chris hält eine kurze Ansprache und stimmt uns auf das bevorstehende Segelwochenende ein. Die Prognose ist prima. Wir dürfen uns auf bestes Segelwetter freuen. Nicht unbedingt viel Sonnenschein, dafür aber perfekter Wind aus südlicher Richtung und angenehme Temperaturen im zweistelligen Bereich. Keine Selbstverständlichkeit Mitte Oktober.

Vom fröhlichen Singen und Pfeifen unseres Schiffskochs Hans werde ich am nächsten Morgen gegen sieben Uhr wach. Er werkelt schon fleißig in der Kombüse herum und bereitet ein opulentes Frühstück vor. Feiner Kaffee- und Brötchenduft dringt in die Kabine und macht Lust aufs Aufstehen.

Nach dem Frühstück heißt es: rein in die winddichten Klamotten, Mütze und Handschuhe. Letztere nicht etwa, weil es kalt ist, sondern zum Schutz der Hände beim Hantieren mit den Tauen. Rita ruft zum Appell und weist jedem Crewmitglied – je nach Körperkraft und eigenem Zutrauen - einen Platz für die während der Regatta anstehende Arbeit an den Segeln zu. Jagd- und Schiffshund Sultan scheint sich ebenfalls auf den Törn zu freuen. Aufgeregt und schwanzwedelnd läuft er zwischen den vielen Beinen herum und lächelt – ja, er zieht tatsächlich die Lefzen hoch – als Rita ihm einen Moment der Aufmerksamkeit schenkt. So etwas habe ich ja noch nie gesehen!

Auf dem Mittelschiff braucht die Bootsfrau eine ganze Hand voll Leute zum „Brassen“. Wir haben erst mal keine Ahnung, was das ist und benennen die Station kurzerhand in Brasserie um. Wir lernen dann: Aufgabe der Kollegen in der „Brasserie“ ist es, die Rahen so um den Mast zu drehen, dass die Marssegel optimal im Wind stehen und maximalen Vortrieb erzeugen. Aha!

Mein Arbeitsplatz ist auf dem Vorschiff. Bei jeder Wende gilt es, das Binnenklüversegel auf Kommando schnellstmöglich auf die richtige Seite zu holen und je nach Segelkurs einzustellen. Der Wind aus Süden bläst uns allerdings mit gutem Tempo und wenigen Manövern zuverlässig durchs Wattenmeer Richtung Terschelling. Nun liegt es vor allem an Steuermann Chris. Intensiv beobachtet er Segel und Wind, korrigiert immer wieder den Kurs, gibt Anweisungen zur Korrektur der Segelstellung und überholt tatsächlich viele andere Boote. Doch die Konkurrenz der 16 Schiffe in der Klasse der „Kotters, Botters en Zeeschepen“ schläft nicht. Auf dem letzten Drittel kommt es zu einem spannenden Zweikampf mit der „Morgana“. Das Zielschiff erreichen wir schließlich im Kopf-an-Kopf-Rennen mit ihr und zwei weiteren großen Seglern. Doch wir haben keine Ahnung, wie wir abgeschnitten haben. Da die Zeitmessung für jedes Schiff beim Überfahren der Startlinie begann, bedeutet ein früheres Überqueren der Ziellinie nicht unbedingt eine bessere Platzierung. Die abendliche Siegerehrung wird die Ergebnisse ans Tageslicht bringen.

Als wir gegen 16 Uhr im Hafen von Terschelling ankommen, weist man uns einen exklusiven, sonst verbotenen Parkplatz im „Päckchen“ mit dem Schiff der Küstenwache sowie einem der Hochseeschiffe zu. Zur Belohnung für die gelungene Fahrt gibt es jetzt erst mal klassische niederländische Seemannskost: wunderbar zarte Matjesheringe, die man am Schwanz festhält, in Zwiebelwürfel tunkt und – Kopf in den Nacken – verspeist. Gespült wird mit einem Glas Genever. Lecker!

Die Mannschaft macht sich klar zum Landgang. Einige brauchen jetzt dringend einen heißen Kakao, andere machen einen Spaziergang ins Wattenmeer, wo eines der Plattbodenschiffe trockengefallen ist. Anschließend bin ich reif für ein kleines Nickerchen in meiner Koje, bevor Smutje Hans schon bald zum Abendessen ruft. Aus frischem Gemüse und Kartoffeln hat er verschiedene Varianten von Stamppot, einem traditionellen niederländischen Eintopfgericht, zubereitet. Abgerundet wird das schmackhafte, deftige Mahl mit Würsten, Fleisch, Speckstreifen und Bratensoße. Aus dem Zapfhahn fließt perfekt gekühltes Grolsch.

Jetzt noch mal raus aus dem kuscheligen Salon, um zur Siegerehrung in einer Disco zu gehen? Und das bei dem Regen, der inzwischen eingesetzt hat? Naja, das gehört wohl auch zum Gesamterlebnis. Also machen wir uns tapfer auf den Weg – bis auf Jochen, der das Ganze schon im letzten Jahr erlebt hat. Nass und dampfend kommen wir in der völlig überfüllten Disco an, beobachten das Geschehen eine Weile um festzustellen: Nein, das brauchen wir nicht. Lieber wollen wir auf unserem Schiff einen schönen, gemütlichen Abend verbringen. So kehren die meisten Crewmitglieder nach nur kurzer Zeit zurück, finden sich zusammen zum Kartenspielen oder zum Reden. Rita und Chris berichten später, dass wir den vierten Platz belegt haben - mit nur vier Sekunden Zeitunterschied zum Drittplatzierten. Immerhin sei es die beste Platzierung, die die Fortuna bisher bei der Brandarisrace erreicht habe. Damit können wir gut leben.

Als wir am nächsten Morgen das Deck betreten, umgibt uns eine geheimnisvolle Atmosphäre: Die Flut ist da, der Damm so gut wie verschwunden, nur erkennbar an der Reihe von Möwen, die darauf sitzen, vor uns das offene Meer. Am Horizont bricht die aufgehende Sonne hier und da mit gelben Strahlen durch den bedeckten Himmel, sonst ist alles in einen zarten, gleichmäßigen Grauschleier gehüllt. Kaum zu erkennen, wo das Meer aufhört und der Himmel anfängt. Eine Stunde später herrscht dichter Nebel. Die schon früh auslaufenden Segler verschwinden wie Geisterschiffe bereits in kurzer Distanz im Nichts, das Nebelhorn ertönt.

Chris verkündet, dass wir aufgrund der schlechten Sicht und angekündigten Windböen bis 8 Beaufort nur unter Motor fahren können. Als wir eine Weile unterwegs sind, kommt die Frage auf, ob unsere Teenager wohl mal hoch zum zwanzig Meter hohen Ausguck klettern dürfen. Matrose Adam hilft dem 18-jährigen Nils ins Klettergeschirr, und auf geht’s. Ein spannendes Erlebnis nicht nur für ihn, sondern für die ganze Crew, die das Geschehen aufmerksam mitverfolgt. Anschließend heißt es dann glücklicherweise doch noch: Segel setzen. Mit vereinten Kräften kreuzen wir gegen den aus südlicher Richtung wehenden Wind zurück nach Harlingen.

Für das obligatorische Crew-Foto nach dem Anlegemanöver kommen dann endlich auch die weiß gerahmten Sonnenbrillen zum Einsatz, die der Sponsor der Regatta allen Teilnehmern zu Verfügung gestellt hat. Ein Segelwochenende auf der Fortuna fühlt sich an wie eine Woche Urlaub!

www.hollandsail.de/



Spannendes Kopf-an-Kopf-Rennen


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Kommentare

  • cirrus

    Superschöne Tour..ich kann Euch Segler gut verstehen !!
    LG Christel

  • umlalatz

    Man muss nicht unbedingt ein "Segler" sein - hier kann jeder (auch Anfänger) mitmachen. Sehr zu empfehlen.
    LG Sabine

  • Blula

    Wenn ich nur seefest wäre...... Nichtsdestotrost habe ich diesen ebenso interessanten wie lebendigen Bericht mit großem Interesse gelesen und die wunderbaren Fotos angeschaut.
    Danke für's Mitnehmen.
    LG Ursula

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