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Bindegewebe Ein neues Kapitel der Heilkunst?

Endlich erkennen Mediziner, wie das Bindegewebe unserer Gesundheit dient. Und dass es die seit langem gesuchte Erklärung liefert, warum Akupunktur oder Yoga gegen Schmerzen helfen. GEO-Redakteurin Hania Luczak über ihre Titelgeschichte "Der innere Halt"
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Warum helfen Massagen, Akupunktur und Yoga gegen Schmerzen? Eine Antwort liefert die Faszien-Forschung

Warum ist das Bindegewebe für unser Wohlbefinden so wichtig?

Ganz einfach: Bindegewebe befindet sich überall in unserem Körper. Es durchzieht alle Strukturen, Muskeln, Gelenke, Herz, Lunge... Es ist ein gigantisches Kommunikationssystem, gespickt mit Schmerzrezeptoren und Sensoren. Manche Wissenschaftler sprechen sogar von einem (Sinnes)-Organ. In ihm befinden sich nicht nur Nervenzellen, sondern Kollagen-produzierende Zellen oder auch Immun- und Fettzellen. Ein kleiner Kosmos im Körper. Da ist es nicht verwunderlich, dass dieses universale Netzwerk großen Einfluss auf Gesundheit und Wohlbefinden haben muss. Und wenn man bedenkt, dass sich nirgendwo im Menschen Muskeln und Knochen direkt berühren, sondern alles verbunden ist über Faszienbänder, dann wird die ungeheure Bedeutung deutlich - nicht nur für das harmonische Zusammenspiel aller Körperteile bei Bewegungen, sondern auch bei biochemischen Prozessen. Deshalb bringen Forscher das Bindegewebe mit vielerlei Krankheiten und Schmerzsyndromen in Verbindung, etwa mit Rückenleiden oder Rheuma.

Warum werden diese Faszien erst jetzt von der Wissenschaft entdeckt?

Entdeckt wurden die Faszien bereits vor Jahrhunderten von den ersten großen Anatomen wie etwa Vesalius bei Studien an Leichen. Aber die alten Meister konnten der weißlichen Fasersubstanz, die sie überall im Körper sahen, keine Funktion zuordnen. Auch in modernen Anatomiesälen ist man sich selten der Bedeutung der Faszien bewusst. So wird bei vielen Sektionen das Bindegewebe immer noch einfach weggeschnitten, um etwa für Studenten das „eigentlich Wichtige“ freizulegen wie Organe oder Gelenke. Doch dank der neuen Erkenntnisse dringt die Botschaft mittlerweile auch in Operationssäle: Viele Chirurgen werden vorsichtiger, wenn es darum geht, mit dem Skalpell achtlos wichtige Faszienbänder zu durchtrennen.

Wie können wir dieses neue Wissen für uns nutzen?

Die Erkenntnisse machen klar, dass es nicht immer nur Muskelverspannungen, Zerrungen, Verrenkungen sind, die uns bisweilen plagen, sondern eben auch schmerzhaft veränderte Faszien. Vieles spricht dafür, dass Mikroverletzungen etwa durch chronische Überforderung eines Körperteils oder schlechte Haltung zu winzigen „Narben“ im Bindegewebe führen können. Diese kleinen Barrieren behindern die Gleitfähigkeit der Lagen und Schichten der Faszien und können auf Dauer zu starken Beschwerden führen. Bevor wir uns größeren Eingriffen unterziehen, sollten bei unerklärbaren Schmerzen deshalb immer erst mildere therapeutische Methoden ausprobiert werden. Denn Bindegewebe reagiert extrem gut auf mechanische Reize: Dehnen, Kneten, Ziehen, Streichen - aber auch sanfte Berührungen können heilsam wirken. Sie können die Barrieren wieder lösen.

Yoga, Akupunktur, Rolfing, Osteopathie: Können diese neuen Erkenntnisse den Anhängern alternativer Heilmethoden gute Argumente liefern?

Ja, denn die neuen Forschungsergebnisse zeigen, dass die Zellen des Bindegewebes sich etwa bei achtsamen, langanhaltenden Steckübungen – wie etwa beim Yoga – deutlich verändern. Sie werden stimuliert, frisches Kollagen zu bilden. Außerdem wird die Gewebespannung herabgesetzt und Botenstoffe freigesetzt, die sowohl Schmerz als auch Entzündungen im Bindegewebe lindern können. Das gleiche gilt für Körpertherapien, die - unter anderem - auf das Bindegewebe zielen, wie etwa Rolfing. Aber auch viele andere Massageformen sind hilfreich. Denn Druck- oder Streichbewegungen können eine Art Dehnung auf kleinstem Raum bewirken und die Bindegewebszellen anregen.

Was können wir tun, um das Bindegewebe geschmeidig zu halten?

Um die Faszien gesund zu erhalten, gilt eine einfache Regel: „Wer sich nicht bewegt, verklebt“. Aber man sollte nicht immer die gleichen Sportübungen wiederholen, sondern Hüpfen, Tanzen, Schwingen, Dehnen, also immer mal – vorsichtig! - etwas anderes ausprobieren. Denn regelmäßige und vielfältige Bewegung regt das Bindegewebe an und sorgt für das reibungslose Gleiten der Körperteile – damit es erst gar nicht zu Störungen und schmerzhaften Verhärtungen kommt.

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Hanie Luczak (r.), GEO-Redakteurin und promovierte Biochemikerin, gewann bei Professorin Carla Stecco in Padua nicht nur Einblicke in Körper, sondern erlebte auch herzliche italienische Gastfreundschaft.

Stecco zählt zu den Pionierinnen der Faszien-Forschung

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