Ein Zittern durch den Körper strömen lassen und schon lassen Stress und Anspannung nach. Das klingt erstaunlich. Doch genau das verspricht das neurogene Zittern - was steckt hinter diesem Ansatz?
"Es ist eine Antwort auf körperliche Überspannung, die wir unbewusst unterdrücken", sagt Beata Korioth aus Köln. Sie ist Atemtherapeutin, Bewusstseinstrainerin und Autorin des Buchs "Goodbye Stress".
Sie erklärt das neurogene Zittern genauer: "Dahinter steckt die Idee, dass wir eigentlich alle zittern würden - wenn wir es nur zulassen. Tiere machen das. Kleine Kinder zittern auch noch, wenn sie Druck empfinden, Angst haben oder Ekel spüren", sagt Korioth. "Aber wir Erwachsenen lassen das nicht zu."
Denn das Zittern werde oft als Zeichen für Schwäche empfunden oder als Hinweis auf eine Krankheit gedeutet. Deshalb unterdrücken es viele Menschen ganz bewusst.
Zittern ist eine angeborene Fähigkeit
Dabei ist Zittern nichts Schlimmes. Es sei auch ein Zeichen für Entspannung, sagt Korioth. "Wenn es ausbleibt, bekommt der Körper nicht mehr das Signal, dass die angespannte Situation vorbei ist. Das heißt, die Entspannung kann nicht einsetzen." Dabei handle es sich beim Zittern um eine angeborene Fähigkeit, von der wir alle profitieren könnten.
Es geht dabei nicht nur darum, das Zittern zuzulassen, wenn es natürlicherweise den Körper erfassen würde: "Wir können es an- und ausschalten, so oft wir wollen", sagt Korioth. Auf diese Weise sei es möglich, das Zittern nachträglich zu spüren und so Verspannungen und Blockaden zu lösen, die beispielsweise durch belastende Situationen entstanden sind.
Grenzen überwinden und loslassen
Auch wenn es schon in alten, spirituellen Heilungsritualen praktiziert wurde: Bekannt gemacht wurde die Idee des neurogenen Zitterns durch den Traumatherapeut David Berceli, der verschiedene Übungen entwickelt hat, mit denen sich ein Zittern bewusst auslösen lässt: Sie werden TRE abgekürzt, nach den englischen Wörtern "Tension & Trauma Releasing Exercises". Übersetzt heißt das in etwa: Übungen, die Spannung und Traumata abbauen.
"Es ist etwas Übungssache dabei, wirklich loszulassen", sagt Hildegard Nibel, Co-Autorin des Buchs "Neurogenes Zittern - Stress und Spannungen lösen". "Es gibt immer eine Grenze, an der man es noch stoppen könnte - und diese wollen wir überwinden", erläutert Nibel. "Das fällt manchen Menschen schwer, weil wir eher trainiert sind, solche Impulse nicht loszulassen, sondern zu unterdrücken."
Wie genau es abläuft und sich anfühlt, das neurogene Zittern mit speziellen Übungen auszulösen, probiert man bei Interesse am besten selbst aus. Anleitungen gibt es etwa in Form von Videos im Internetoder in diversen Fachbüchern.
Vereinfacht gesagt läuft es so ab: Man bringt den Körper in eine Stellung, in der er zu vibrieren und zu zittern beginnt. Kommt ein Zittern auf und lässt man es zu, kann man die Position auch verlassen und einfach weiterzittern. Sobald man es verinnerlicht hat, kann man das Zittern bei Bedarf auch hervorrufen, ohne eine solche Position einzunehmen - oder man macht immer wieder die speziellen Übungen.
Vorsicht: Traumata können aktiviert werden
"Wer es zum ersten Mal macht, erlebt zum Teil eher ruckartige Bewegungen an völlig unerwarteten Körperstellen", beschreibt Nibel. "Meistens harmonisiert sich das aber, wird regelmäßiger und feiner."
Der Expertin zufolge könne es jeder und jede für sich selbst ausprobieren. Allerdings sollte man vorsichtig sein, wenn man weiß, dass man besonders belastende Erfahrungen gemacht hat und Traumata in sich trägt - diese Erfahrungen könnten durch das Zittern aktiviert werden. Wer sich unsicher ist, testet also lieber unter professioneller Anleitung die TRE-Techniken aus.
Wendet man die Technik des neurogenen Zitterns regelmäßig an, soll sie bei Rückenschmerzen und Verspannungen ebenso helfen können wie bei Kopfweh, Zähneknirschen, Prüfungsangst oder Bluthochdruck.
Es soll zudem zu mehr Beweglichkeit und Entspannung, verbesserter Körperwahrnehmung, vertieftem Atem, erhöhter Leistungsfähigkeit und emotionaler Ausgeglichenheit führen. Beata Korioth sagt: "Ich wünsche mir, dass wir alle das Zittern wieder in unser Leben lassen."
Und sonst noch? Welche Techniken außerdme helfen können
Stress staut sich oft im Körper: Schultern hochgezogen, flache Atmung, Kiefer angespannt – der Organismus bleibt im „Alarmmodus“. Um wieder herunterzufahren, hilft es, diesen Zustand bewusst zu unterbrechen und dem Nervensystem andere Signale zu senden. Verschiedene weitere Techniken können dabei unterstützen, Anspannung buchstäblich abzuschütteln.
Richtig atmen
Eine Grundlage ist die Atmung. Bereits wenige Minuten langsamer Bauchatmung – etwa vier Sekunden einatmen, sechs Sekunden ausatmen – können Herzschlag und Stressreaktion beruhigen. Hilfreich ist, eine Hand auf den Bauch zu legen und zu spüren, wie sich die Bauchdecke hebt und senkt. Wer dabei innerlich mitzählt, lenkt den Fokus weg von kreisenden Gedanken hin zum Körper.
Progressive Muskelentspannung
Auch progressive Muskelentspannung lässt sich leicht in den Alltag integrieren. Nacheinander werden einzelne Muskelgruppen kräftig angespannt – etwa Hände zu Fäusten ballen, Schultern hochziehen, Gesicht verziehen – und nach einigen Sekunden wieder losgelassen. Der bewusste Wechsel von Spannung und Entspannung schult die Wahrnehmung und hilft, versteckte Verspannungen zu lösen. Schon ein kurzer Durchlauf vom Kopf bis zu den Füßen kann spürbar erleichtern.
Wohltuende Bewegung
Bewegung wirkt wie ein Ventil für Stresshormone. Es muss kein intensives Workout sein: ein zügiger Spaziergang, ein paar Treppenstufen, leichte Dehnübungen am offenen Fenster reichen oft, um innere Enge zu lockern. Besonders wirkungsvoll sind rhythmische Bewegungen wie Spazieren, Radfahren oder Tanzen, weil sie den Kopf beschäftigen und gleichzeitig den Körper durchbluten. Wer regelmäßig kleine Bewegungspausen einbaut, verhindert, dass sich Stress über den Tag festsetzt.
Das Gesicht lockern
Auch der Kiefer ist ein typischer „Speicherort“ für Anspannung. Kurze Übungen – den Mund weit öffnen, sanft gähnen, die Zunge locker gegen den Gaumen legen – können helfen, dieses Spannungszentrum zu entlasten. Unterstützend wirkt es, Schultern bewusst sinken zu lassen und den Kopf behutsam nach rechts und links zu neigen. Solche Mini-Routinen lassen sich unauffällig im Büro oder unterwegs nutzen.
Achtsamkeitsmomente schaffen
Ein weiterer Baustein ist geistige Entlastung. Kurze Achtsamkeitsmomente – etwa eine Minute lang nur Geräusche im Raum wahrnehmen oder den Kontakt der Füße zum Boden spüren – unterbrechen den Gedankenstrom. Wird anschließend bewusst entschieden, welche Aufgabe jetzt Priorität hat und was warten darf, sinkt das Gefühl von Überforderung. Auf diese Weise entsteht mit der Zeit ein individuelles Repertoire an Techniken, mit dem Stress zwar nicht verschwindet, sich aber deutlich leichter abschütteln lässt.