Verkehr, Industrieanlagen, Städte, die sich in die Landschaft dehnen: Wo der Mensch sich ausbreitet, da brennt Licht. Das hat Auswirkungen, stört etwa den Blick in den Sternenhimmel oder bringt den Biorhythmus von Lebewesen durcheinander, weshalb man sogar von "Lichtverschmutzung" spricht. Eine Studie hat nun genau hingeschaut, wie stark menschliche Aktivitäten den Planeten ausleuchten. Ihr Ergebnis: Pro Jahr nehmen die Lichtemissionen global um zwei Prozent zu. Der Wert ist aber nur deshalb relativ niedrig, weil viele Orte den Anstieg wieder ausgleichen: An ihnen wird es dunkler.
Ein internationales Team von Forschenden analysierte für die Studie, die gerade in der Zeitschrift "Nature" erschienen ist, mehr als eine Million Satellitenaufnahmen der Erde bei Nacht zwischen 2014 und 2022. Der Clou: Die Forschenden werteten die einzelnen Tage aus, statt wie bisher üblich die Lichtwerte monatlich oder jährlich zu bestimmen – zum ersten Mal weltweit und auf 500 Quadratmeter genau. "Bislang wurde noch keine globale Analyse unter Verwendung der nächtlichen Daten in voller Auflösung durchgeführt", sagt Christopher Kyba, Professor für Nachtlichtfernerkundung an der Ruhr-Universität Bochum, der an der Studie beteiligt war. Untersucht wurden nur die Gebiete mit kontinuierlicher Beleuchtung; Polarlichter oder kurzfristige Lichtquellen wie Waldbrände schlossen die Forschenden aus, um die Ergebnisse nicht zu verfälschen.
Die Forschenden stießen so auf Überraschendes: Die Strahlkraft nahm in den helleren Gebieten im Untersuchungszeitraum zwar im Schnitt um 34 Prozent zu, aber verringerte sich an anderen Orten gleichzeitig um 18 Prozent – sodass global 16 Prozent Aufhellung übrig bleiben, also zwei Prozent pro Jahr.
Bisher galt der Grundsatz, dass die Erde langsam, aber beständig immer heller wird – und das hat Konsequenzen. "In großen Teilen Europas gibt es keine richtige Nacht mehr", sagt Kyba. Seit Anbeginn des Lebens habe gegolten: "Wenn nachts Wolken aufzogen, wurde es stockdunkel." Kommen heute nachts Wolken, hellt sich die Umgebung durch die Streuung des künstlichen Lichts dagegen auf. "Das ist eine ganz andere Situation – und für Lebewesen, die auf Schutz und Versteck angewiesen sind, ein riesiges Problem."
Die Studie beweist nun jedoch: Lichtemissionen sind viel dynamischer und wandelbarer als angenommen und können sich auch plötzlich ändern. Heller wird es zum Beispiel dort, wo neue Industriegebiete aus dem Boden schießen wie in China und Indien. Oder wo ganze Landstriche mit einem Schlag elektrifiziert werden, wie in Westafrika. Dramatisch zurückgegangen ist die Beleuchtung dagegen in der Ukraine nach Beginn der russischen Angriffe. Andernorts schwankt sie ständig hin und her, wie in den zentralen Staaten der USA: An der Lichtverschmutzung durch fackelnde Leitungen lässt sich ablesen, ob in Texas oder North Dakota gerade viel oder wenig Öl und Gas gefördert werden.
Europa ist dagegen seit 2014 um vier Prozent dunkler geworden. Das liegt vor allem daran, dass Europa auf LED-Lampen umgestiegen ist, Schutzgebiete gegen Lichtverschmutzung eingerichtet und Regeln zu Energieeffizienz festgelegt hat. Vor allem Frankreich leuchtet nachts deutlich schwächer (minus 33 Prozent) seit dort Lichtverschmutzung gesetzlich reglementiert wurde: Viele Kommunen schalten dort nach Mitternacht die Straßenbeleuchtung ab, Geschäfte müssen eine Stunde nach Ladenschluss die Lichter löschen. Auch in Großbritannien sind die Lichtemissionen um 22 Prozent gesunken, die Niederlande liegen nur einen Prozentpunkt dahinter. Und in Belgien kann man genau nachvollziehen, wo und wann die Beleuchtung der Autobahnen eingestellt wurde.
In Deutschland fällt der Rückgang aber bisher kaum merklich aus: "Während in einigen Gebieten des Landes die Lichtemissionen um 8,9 Prozent anstiegen, sanken sie in anderen Gegenden um 9,2 Prozent ab", sagt Christopher Kyba.
Es gibt große lokale Unterschiede: Dresden zeigt deutlich mehr Lichtemissionen, während Gütersloh dunkler geworden ist, weil dort wie in Frankreich die Nachtbeleuchtung eingeschränkt wurde. Auch in Fulda und Umgebung leuchtet es weniger. Kyba vermutet, dass hier die Regionalpolitik Wirkung zeigt: Die Stadt liegt im Sternenpark Rhön, der die Lichtverschmutzung verringern will.
In Berlin kann man genau erkennen, wo früher einmal der Flughafen Tegel betrieben wurde: Dort ist es nun dunkler, während der Süden mit dem neuen Flughafen Berlin Brandenburg stärker strahlt. Und im Ruhrgebiet werden viele Städte dunkler, andere dagegen heller. "Dass es sogar zwischen Nachbarstädten so große Unterschiede gibt, hat mich sehr überrascht", sagt Kyba.
Nicht immer jedoch deckt sich der Eindruck mit der gemessenen Strahlung. Vor allem dann, wenn die Veränderung auf neue LED-Beleuchtung zurückgeht: Die Satelliten messen den Blauanteil in dessen Licht nicht, das menschliche Auge nimmt ihn aber sehr wohl wahr. "Trotzdem kann man für diese Orte sagen, dass sich hier eine große Veränderung abspielt", so Kyba. Nach dem Zweiten Weltkrieg sei die Erde stetig heller geworden. Die neuen Daten zeigten nun: "Das ist weder ein kontinuierlicher noch ein einheitlicher Prozess" – und laut Kyba die zentrale Botschaft der Studie.
Die Welt wird also nicht zwangsläufig immer heller, Lichtverschmutzung lässt sich auch wieder eindämmen. Wie Ihr eigener Wohnort dabei abschneidet, können Sie selbst nachschauen: Die Hauptautoren der Studie haben eine Karte mit den Satellitendaten ins Netz gestellt, auf der Sie Ihre Stadt suchen können. Rot bedeutet, es ist heller geworden bei Ihnen – Blau, dass sich der Blick in den Sternenhimmel womöglich wieder mehr lohnt.