De-Extinction Firma züchtet Küken im künstlichen Ei – Zukunft des Artenschutzes oder Irrweg?

Hühner-Embryo
Das künstliche Ei ermöglicht aufgrund seines teiltransparenten Designs eine kontinuierliche Echtzeitbeobachtung des Embryos während der gesamten Inkubation
© Colossal Biosciences via AP / picture alliance
Die Firma Colossal Biosciences hat Hühner in künstlichem Ei herangezüchtet. Doch wie sinnvoll und erfolgversprechend wird der Versuch sein, den Dodo zurückzubringen?

Der Dodo lebte bis etwa 1690 auf Mauritius – dann machten ihm die Europäer und die von ihnen eingeschleppten Ratten den Garaus. Der Riesenmoa, ein über zwei Meter großer, flugunfähiger Vogel, kannte in Neuseeland keine natürlichen Feinde, bis im 13. Jahrhundert die Maori anlandeten. Und die Wandertaube zählte einst zu den häufigsten Vogelarten der Erde, bevor sie Anfang des 20. Jahrhunderts endgültig ausstarb.

Das US-amerikanische Unternehmen Colossal Biosciences will diese Vögel und andere ausgestorbene Tierarten zurückbringen. Nun verkündete es einen wichtigen Schritt auf dem Weg dorthin: Colossal präsentierte ein künstliches Ei. Mit ihm gelang es, Hühnerküken auszubrüten, die nach Angaben des Unternehmens gesund sind. 

Künftig sollen darin Exemplare ausgestorbener Vogelarten heranwachsen. Gerade beim Riesenmoa stellt das eine besondere Herausforderung dar: Seine Eier hatten schätzungsweise das achtfache Volumen eines Emu-Eis. Natürliche Eier seien daher schlicht zu klein, weswegen das Unternehmen eine künstliche Inkubationsplattform entwickelte: "Bei Colossal haben wir das Ei nicht einfach nachgebildet; wir haben es von Grund auf neu entwickelt, um etwas zu schaffen, das skalierbarer und kontrollierbarer ist."

Ein künstliches Objekt in Ei-Form
Ach, du dickes Ei! Das Unternehmen Colossal hat ein künstliches Inkubationssystem erschaffen, herzustellen in beliebiger Größe durch einen 3D-Drucker. Die Massenproduktion soll per Spritzguss erfolgen
© Colossal Biosciences via AP / picture alliance

Besonders stolz ist Colossal auf ein "neuartiges, bioengineertes Membrangitter auf Silikonbasis, das die Sauerstoffübertragungskapazität einer natürlichen Hühnereischale (…) übertrifft". Dies ermögliche "die vollständige Entwicklung von Vogelembryonen außerhalb einer biologischen Eierschale vom frühen Embryonalstadium bis zum Schlüpfen ohne zusätzlichen Sauerstoff". 

Die Vision von Colossal ist spektakulär. Wie faszinierend wäre es, einst ausgestorbene Tierarten auferstehen zu lassen, die vom Menschen ramponierte Natur per Hightech gesunden zu lassen und akut vom Aussterben bedrohte Tiere zu retten? Das Problem ist schließlich drängend: Mehr als die Hälfte der Vogelarten ist im Rückgang begriffen, jede achte ist vom Aussterben bedroht und seit 1970 gingen fast drei Milliarden Vögel in Nordamerika verloren. 

Küken in den Händen eines Menschen
Die geschlüpften Küken seien gesund, sagt Colossal. Doch das Unternehmen ist auffällig sparsam mit Informationen, wie viele Tiere bei wie vielen Versuchen erfolgreich heranwuchsen
© Colossal Biosciences via AP / picture alliance

Dennoch muss man bei den Ankündigungen von Colossal genauer hinschauen. 2021 verkündete das Unternehmen, es wolle binnen sechs Jahren ein Mammut wiedererschaffen – noch verbleibt ein Jahr, um dies wahrzumachen. Im vergangenen Jahr meldete Colossal dann einen ersten Erfolg: Es habe den Schattenwolf wieder zum Leben erweckt. Allerdings war das Augenwischerei. Die Firma hatte einen Hybrid erschaffen: Sie änderte beim nächsten lebenden Verwandten, dem Grauen Wolf, 14 Gene, sodass er dem Schattenwolf ähnlicher wurde. Dabei lebte keine uralte Art wieder auf, sondern es entstand ein neuartiges Mischwesen.

Während Colossal für das Mischwesen Hündinnen als Leihmutter nutzte, will es für die Vogelarten das künstliche Ei einsetzen. Allerdings: "Der Ansatz von Colossal ist nicht neu", sagt Professor Michael Lierz, Direktor der Klinik für Vögel, Reptilien, Amphibien und Fische an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Als Beispiele für bereits funktionierende Inkubationssysteme nennt er gegenüber dem Science Media Center "Plastikbecher mit Plastikfolie als Schalenersatz oder die Verwendung von Fremdeischalen. Diese Systeme gibt es schon länger". Abzuwarten sei nun, ob die neue Technologie besser funktioniere als bestehende: "Die Erfolgsquoten künstlicher Eisysteme sind relativ gering. Es schlüpfen etwa zehn bis 20 Prozent der Küken, andere Arbeitsgruppen beschreiben bis zu 50 Prozent, wenn Hühnerembryonen beispielsweise in Puteneiern ausgebrütet werden. Wenn durch das Eisystem von Colossal mehr Küken schlüpfen oder Vogelarten schlüpfen können, die andere Systeme nicht erlauben, dann kann man hier von einem Fortschritt sprechen."

Doch selbst dann würde der Riesenmoa noch nicht wiederauferstehen: "Colossal produziert ja keinen Riesenmoa, sondern erschafft auf Basis eines Emus einen genetisch modifizierten Vogel, der einem Riesenmoa nahekommt, den es so aber nicht gibt." Und Lierz’ Kritik ist noch grundsätzlicher: "Ich sehe den Ansatz von Colossal kritisch, bestimmte ausgestorbene Arten wieder zurückbringen zu wollen. Die Habitate und ökologischen Nischen, die diese Tiere einst besiedelt haben, gibt es so gar nicht mehr, und es bleibt offen, ob sie die Tiere erfolgreich wieder ansiedeln könnten."

Ähnlich kritisch äußerte sich gegenüber Science Media Center der Naturschutzgenetiker Gernot Segelbacher von der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg. Er betont, dass Erhaltungszuchtprogramme im internationalen Vogelschutz nur eine begrenzte Rolle spielten. Die Haupttreiber für den Artenrückgang seien "Habitatverlust, invasive Arten (vor allem auf Inseln) und mangelnde Nahrung oder direkte Verfolgung. Da helfen uns auch keine künstlichen Inkubationen. Auch wenn wir im großen Stil züchten würden, beseitigen wir ja nicht die Ursachen für Rückgang und für das Aussterben der Arten."

Als Beispiel nennt er den Versuch, den bedrohten Waldrapp zu retten: "Das Zuchtprogramm und die Wiederansiedlung des Waldrapps sehe ich überaus kritisch. Da wird sehr viel Geld in ein paar Vögel investiert, die dann zufällig irgendwo brüten. Eine selbsterhaltende Population sehe ich auch in naher Zukunft nicht. Da würden auch neue Inkubationstechnologien nicht helfen."

Das künstliche Ausbrüten einzelner Individuen könne wenig ausrichten, um die nötige genetische Vielfalt einer Art hoch zu halten. Für viele Arten benötige es mindestens 5000 Individuen, um den Erhalt der Population aus genetischer Sicht mittelfristig zu gewährleisten. Hilfreich könnte die Technologie womöglich dereinst sein, wenn einzelne Mutationen eine Art gefährden. Per Inkubation geschaffene Individuen könnten dann dazu beitragen, die gesunde Genvariante in der Art zu erhalten. 

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"Die De-Extinktion-Ansätze zielen viel auf Aufmerksamkeit und Technologie und lenken von den tatsächlichen Problemen ab", sagt Segelbacher. "Ehrlicherweise müssten wir uns eingestehen, dass wir besser an den relevanten Schaltstellen Einsatz und finanziellen Input bringen müssen, um Arten zu retten. Da kann man viel machen, auch wenn das manchmal eher unbequem ist. Der Ansatz 'Wir können ja im Nachhinein alles lösen und Arten stützen oder wiederbeleben' ist meines Erachtens fatal."

Lierz hingegen kann dem Betreiben von Colossal etwas abgewinnen. Zwar neige das Unternehmen dazu, seine Ergebnisse sehr überladen zu präsentieren, dies werde im Feld manchmal als wenig seriös wahrgenommen. "Aber die Aufmerksamkeit, die Colossal für das Thema Artenschutz erzeugt, und wie man dort die Technologie verbessert, bringen auch das Forschungsfeld insgesamt voran."

mls / mit Material vom Science Media Center