Rezension Der große Rausch: Wie Politik den Blick auf Drogen prägt

Cover Der große Rausch
Das Buch "Der große Rausch: Warum Drogen kriminalisiert werden. Eine globale Geschichte vom 19. Jahrhundert bis heute" von Helena Barop hat 304 Seiten und kostet 26 Euro. Die aktuelle Neuauflage erschien 2026 im Pantheon Verlag und ist unter anderem hier erhältlich
© Pantheon Verlag
In ihrem Buch zeichnet Helena Barop nach, wie sich der Blick auf Drogen seit dem 19. Jahrhundert gewandelt und zunehmend zu einem politischen Streitfeld entwickelt hat

Am Anfang des 19. Jahrhunderts, als es den Begriff "Drogen" im heutigen Sinne noch gar nicht gab, beginnt Helena Barops historischer Rückblick. Damals verkauften Apotheken "allerhand obskure Wässerchen, Pillen, Pülverchen und Tinkturen" an jeden, der zahlte. In den folgenden Jahren destillierten Forscher etwa aus Mohn immer potentere Wirkstoffe, wie Morphium und Heroin. Sie linderten Schmerz, vertrieben Angstzustände und Depression ungeahnt effektiv, machten aber auch abhängig, wie sich Anfang des 20. Jahrhunderts immer klarer herausstellte. Westliche Staaten verboten daraufhin die meisten Drogen.

Anhand von historischen Zeitungsartikeln, politischen Dokumenten, Romanen und Filmen zeigt Barop, wie sich in der Folge das Bild von Drogen änderte. Sie galten jetzt nicht mehr als Medizin, sondern als moralisches Übel, das vermeintlich brave, arbeitsame Bürger korrumpiert. Aus diesem Nüchternheitsdogma leiteten Kolonialstaaten eine "zivilisatorische Mission" ab. Großbritannien, das bis dahin vom Opiumhandel in seinen Kolonien profitiert hatte, unterband nun den Konsum, etwa in China und Indien. Auch innenpolitisch – so Barops Argument – eignete sich die moralisch aufgeladene, verbotsorientierte Drogenpolitik zur Unterdrückung unliebsamer Milieus. So befeuere das Bild des schwarzen US-Amerikaners, der lieber Marihuanna raucht als zu arbeiten, bis heute rassistische Vorurteile, während Medikamentenabhängigkeit in der weißen Mehrheitsgesellschaft weniger diskriminiert werde.

Jedoch entdeckten Menschen in Drogen auch eine subversive, kreative Kraft. Dichter der Romantik rauchten Opium zur Inspiration, Studenten der 68er-Bewegung priesen LSD als Ausweg aus kapitalistischem Optimierungszwang, womit sie unter Konservativen wiederum den Ruf nach mehr Verboten verstärkten. 

Heute erscheinen Verbote nicht mehr selbstverständlich, schon gar nicht als einziger Umgang mit Drogenproblemen, wie etwa die Kannabislegalisierung zeigt. Barop beschließt ihr Buch daher mit Ratschlägen für eine moderne Drogenpolitik. Dabei versteckt sie ihre linksliberale Haltung nicht und empfiehlt Liberalisierung statt Verbot, Hilfsprogramme statt Strafe für Süchtige und eine Forschung, die vorurteilsfrei mögliche Vorteile von Drogen untersucht, etwa von LSD in der Palliativmedizin oder MDMA in der Psychologie.

Dank Verweisen auf aktuelle Forschung erscheinen Barops Argumente gut belegt. Allerdings fällt auf: Die Verirrungen konservativer “Law and Order” Drogenpolitik erzählt die Historikerin ausführlich und mit viel Sinn für Ironie. Die im Zusammenhang mit Drogen entstehenden Leiden, die gegen eine Liberalisierung sprechen könnten, beschreibt sie dagegen distanziert als "negative Folgen" oder "Lernerfahrungen", die Politik zu beachten habe. Auch löst sie das im Titel gegebene Versprechen einer "globalen Geschichte" der Drogenpolitik nicht recht ein: Im Buch geht es vor allem um die Entscheidungen westlicher Staaten. Andere Länder tauchen fast nur als passive Opfer drogenpolitischer Verfehlungen des Westens auf.

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