Was passiert mir beim Lesen? Wieso macht mich das so froh? Wozu ist das überhaupt gut? Warum habe ich so viele ungelesene Bücher? Diesen und anderen Fragen spürt Meike Winnemuth in ihrem Buch "Eine Seite noch" nach. Lesen Sie bei uns exklusiv ein Kapitel:
Im Flur meiner Lübecker Wohnung steht ein raumhohes Bücherregal, gegenüber eine zwei Meter lange Eichenbank. Sie nimmt meine Taschen und Tüten in Empfang, stapelt Zeitungen für die Papiertonne, Pakete für die Nachbarn und Briefe, die noch frankiert werden müssen – und sie ist einer meiner liebsten Leseplätze. Beim Schuhanziehen im Sitzen (denn ich bin alt, und dafür hat man Bänke) fällt mein Blick auf die Bücher gegenüber, und fast immer guckt ein Buch zurück. Es möchte dringend in die Hand genommen und irgendwo aufgeschlagen werden, um mir ein paar Zeilen mit auf den Weg zu geben.
Das kann ein Dessert-Kochbuch von 1929 sein ("Es gibt nur zehn Minuten im Leben einer Birne, in denen sie perfekt zum Essen ist"). Oder eine der Kürzestgeschichten von Lydia Davis. Oder Dantes Göttliche Komödie, vielleicht die Passage, in der Francesca da Rimini und Paolo Malatesta erzählen, wie sie sich bei der gemeinsamen Lektüre der Geschichte von Lancelot und Guinevere verliebten und von Francescas Ehemann, Paolos hässlichem Bruder, per Schwert direkt in den zweiten Höllenkreis befördert wurden – eine Warnung unter so vielen in der Weltliteratur, dass Lesen lebensgefährlich sein kann.
Oft sind es nur eine oder zwei Seiten, die ich da auf der Bank lese, das Buch irgendwo zufällig geöffnet, wie der große Übersetzer Hans Stilett es besonders für unlesbare Wälzer wie Montaignes "Essais" empfiehlt: "Aufschlagen. Und wenn einem die Stelle gefällt, weiterlesen. Sei es nach vorn oder nach hinten. Nicht systematisch lesen. Montaigne ist ein erklärter Gegner jeder Systematik. Wenn einem eine Sache nicht gefällt, weiterblättern, vorwärts oder rückwärts. Das ist mein ganz praktischer Ratschlag."
Welches Buch mir auch immer in die Hände fällt: Wir beide halten einen kleinen Schwatz, ich schon halb im Mantel, während das Buch, mit einem Glas an der Theke lehnend, mich bequatscht, doch noch auf einen Drink zu bleiben. Und wenn ich keine Verabredung da draußen habe, sondern nur auf dem Weg zur Post bin oder zum Supermarkt, gebe ich immer nach. Ach komm, was soll’s: nur einen Schluck. In der Regel stelle ich das Buch nach ein paar Minuten wieder zurück an seinen Platz, manchmal aber trage ich es ins Wohnzimmer und lege es auf einen der vielen Stapel rund um meinen Lesesessel – Stapel mit unsichtbaren Etiketten: Derzeit, Demnächst, Irgendwann. Und gelegentlich, wenn es ein Reclam-Bändchen oder ähnlich Dünnes ist, stecke ich es auch in die Manteltasche, man weiß ja nie. Heute ist es Hildegard Knefs Autobiografie "Der geschenkte Gaul" von 1970, ein Fundstück aus einer "Zu verschenken"-Kiste. "17. Auflage, 631.–830. Tausend", steht vorn drin: damals der Bestseller eines Weltstars, heute immer noch ein mitreißend gut geschriebenes Buch, das ich noch nie von vorn bis hinten gelesen habe. Muss ich ja auch nicht. Ich schlage irgendwo auf:
Else Bongers wartet in meinem Zimmer. Sie sitzt ruhig und raucht. Ich stürze auf sie zu. Mein Wortschwall reißt nicht ab. "Setz dich. Atme durch, atme aus", sagt sie. Die Tür wird aufgerissen, Agenten und Verleihangestellte sprudeln Ekstatisches. "Nun wirf mal alle hinaus. Ich habe mit dir zu reden." In die plötzliche Stille klickt das Feuerzeug. Sie sieht mich an, wie man ein Foto ansieht. "So geht es nicht weiter", sagt sie, "du bist verhuscht, verändert, du mußt dich wieder besinnen, wer du bist." Die Stimme ist matt, belegt, die Blitzeblauen traurig. "Seit wann bist du nett?" fragt sie, peitscht mir das "nett" um die Ohren. Da ist sie wieder, die Aggressive, Klare. "Seit wann bist du verbindlich? Wird jeder, der durch diese Tür kommt, unterhalten und verköstigt? Seit wann beeindruckt dich Wohlwollen oder Tadel? Was ist geschehen?" Sie geht am Bett vorbei, die funzlige Nachttischlampe beleuchtet ihr Gesicht. Es ist mager. Nachkriegsgesicht zwischen Wohlstandsbacken.
Schnell gucke ich auf Wikipedia nach, wer Else Bongers war. 1901 in Dessau geboren, Tochter eines Holzhändlers, studierte Ausdruckstanz in Dessau, ihr Bruder hat nach dem Krieg die Lufthansa neu gegründet. Heiratete einen Architekten, der nach China emigrierte, Fernscheidung 1940. Besetzungschefin der UFA, später Schauspiellehrerin. Schüler unter anderen: Hildegard Knef, Götz George, Ulrich Matthes, Hugo Egon Balder.
Doll. Else Bongers: Schön, Sie kennenzulernen. Wäre mein Leben ärmer, wenn ich nie von Ihnen gehört hätte? Natürlich nicht, aber jetzt ist es reicher.
Und Hilde: Wieder mal super, danke. "Nachkriegsgesicht zwischen Wohlstandsbacken."
Finden, was man nicht gesucht hat
Würde man mir eine Pistole auf die Brust setzen und verlangen, dass ich in einem Satz den Sinn des Lesens erkläre, würde ich sagen: Finden, was man nicht gesucht hat. Und dadurch das Leben eine Nummer größer machen. Ob auf zwei Seiten oder auf tausend: Selbst das schlimmste, dümmste Buch hat irgendwo ein Osterei für mich versteckt, ein kleines oder großes. Vielleicht einen neuen Gedanken, vielleicht einen neuen Blick, vielleicht die Erinnerung an etwas, das ich schon mal gewusst habe.
Lesen ist Denken mit fremdem Gehirn, sagt Jorge Luis Borges. Ich würde hinzufügen: und Fühlen mit fremdem Herzen. Das ungesucht Gefundene ist dabei so viel befriedigender als jedes Gesuchte: diese jäh aufblitzenden Momente des Verstehens und Verstandenwerdens, des Verbundenseins mit bis eben noch unbekannten Menschen über alle Grenzen hinweg, räumlich wie zeitlich. Nach solchen Momenten bin ich süchtig, und wie alle Abhängigen sorge ich dafür, stets genug Stoff im Haus zu haben.
Gelegentlich kommt jemand zu Besuch, der mich noch nicht so gut kennt und angesichts der Bücher fragt: "Hast du die alle gelesen?" Nein, natürlich nicht, sonst stünden sie ja nicht hier. Regale sind für mich keine Möbel zur Unterbringung von Gelesenem. Ich würde schätzen: Neun von zehn meiner Bücher kenne ich noch nicht. Viele davon hatte ich nur ein Mal in der Hand: als ich sie ins Regal stellte in der festen Überzeugung, dass ihre Zeit irgendwann kommen würde. Montaigne, der ja sowieso schon alles gedacht hat, was man so denken kann, hat das bereits 1580 beschrieben: "Ich genieße sie [die Bücher] so, wie ein Geizhals seine Schätze genießt: Die Gewissheit, sie genießen zu können, wann es mir beliebt, reicht mir, und meine Seele gibt sich mit diesem Verfügungsrecht vollauf zufrieden."
Das Regal ist für mich ein Ort der Möglichkeiten, der Einladungen und Verheißungen. Die Bücher sind Konjunktive: Ich könnte, ich dürfte, jederzeit. Andere Menschen haben Kleiderschränke voller Klamotten, die sie nie anziehen (aber irgendwann vielleicht doch), ich habe Regalbretter voller Bücher, die ich möglicherweise nie lesen werde – aber irgendwann vielleicht doch. Dass ich jederzeit beginnen könnte, "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" oder die Kassette mit den zehn vergilbten Krimis von Sjöwall/Wahlöö zu lesen, fühlt sich für mich so wohlig an, als ob zu allen Tages- und Nachtzeiten ein Topf warmer Grießbrei in der Küche stünde, direkt neben einer Schüssel roter Grütze, einer Panna cotta und einem Blech Zimtschnecken mit in Ahornsirup eingelegten Walnüssen, nur mal so als Beispiel.
Das ist alles nie und nimmer zu schaffen, aber das ist ja auch überhaupt nicht der Punkt.