Kalter Krieg Die Geheimrede, die keine war: Als Chruschtschow mit Stalin abrechnete

Abgehängt: Zwei Männer entfernen im Zuge der von Chruschtschow angeordneten Beendigung des Stalinkults ein Plakat mit dem Konterfei des Diktators
Abgehängt: Zwei Männer entfernen im Zuge der von Chruschtschow angeordneten Beendigung des Stalinkults ein Plakat mit dem Konterfei des Diktators
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1956 erschüttert Nikita Chruschtschow die KPdSU mit einer Geheimrede, die den Personenkult um Stalin verurteilt. Seine Worte leiten die Entstalinisierung ein

Als Nikita Chruschtschow am 25. Februar 1956 im Großen Saal des Kremlpalasts ans Sprecherpult trat, wusste er nicht, wie das Publikum auf seine Rede reagieren würde. Seit dem 14. Februar tagten mehr als tausend Delegierte der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU) in Moskau. Zum ersten Mal nach dem Tod Josef Stalins 1953 kamen die Mitglieder zu einem Parteitag in der Hauptstadt zusammen. Nach parteiinternen Machtkämpfen hatte sich Chruschtschow als erster Parteisekretär durchgesetzt. 

Wie bei jeder Versammlung der KPdSU hielten führende Funktionäre auch beim 20. Parteitag ihre Vorträge, in denen sie die Erfolge und Errungenschaften der Partei lobpreisten und sich selbst beweihräucherten - Fehler oder Mängel waren kaum Thema, Kritik erst recht nicht. Das änderte Chruschtschow am letzten Tag der Konferenz: Am 25. Februar 1956, heute vor 70 Jahren, sprach der Generalsekretär "Über den Personenkult und seine Folgen."

Doch bevor der Parteichef zum Vortrag ansetzte, wurden alle, die keine hochrangigen Parteimitglieder waren, sowie die international geladenen Gäste und die Presse aus dem Saal gebeten. Was der Generalsekretär der KPdSU zu sagen hatte, stand unter strenger Geheimhaltung. "Genossen!", begrüßte er die Delegierten. "Wir müssen den Personenkult entschlossen abschaffen, ein für alle Mal", hallte die Stimme des damals 61-jährigen Parteichefs durch die Reihen der Mitglieder. 

Ein Abgesang auf Stalin

Mehr als fünf Stunden arbeitete sich Chruschtschow an seinem Vorgänger ab: Er verurteilte vehement den Kult um sich selbst, den Stalin geschaffen hatte, um seine Herrschaft und Führung zu sichern - in den Jahren vor seinem Tod ließ sich Stalin geradezu gottgleich verehren, in der Hymne der Sowjetunion huldigten die Menschen Stalin als dem "Erzieher des Volkes". Diese Verklärung eines Politikers gelte es zu beenden. 

Nikita Chruschtschow hält eine Rede auf dem 20. Parteitag der KPdSU
Stehfest: Mehr als fünf Stunden spricht der Erste Sekretär der KPdSU, Nikita Chruschtschow, auf dem 20. Parteitag der Kommunistischen Partei der Sowjetunion. In seiner Rede kritisiert er den Personenkult um seinen Vorgänger Josef Stalin
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Zudem kritisierte er Stalin dafür, seine Macht missbraucht zu haben: So sei dieser verantwortlich, für die "Große Säuberungen", dem Massenmord an Millionen von Menschen in den 1930er-Jahren, bei dem auch unschuldige Kommunisten und treue Parteimitglieder fälschlicherweise beschuldigt, bestraft, gefoltert und oft hingerichtet wurden. Chruschtschow berief sich mehrfach auf die Worte des Gründervaters der UdSSR: Schon Lenin habe zu Lebzeiten vor dem Fehlverhalten Stalins gewarnt. Ebenso warf Chruschtschow dem Diktator vor, während des Zweiten Weltkrieges, in Russland bis heute "Großer Vaterländischer Krieg" genannt, falsche Entscheidungen getroffen und so den Tod zahlreicher Menschen verschuldet zu haben. Stalin sei ein "Folterer" und "Mörder".

Unermüdlich zog der Parteichef über seinen Vorgänger her. Dabei dekonstruierte er Stalins Ruf als unfehlbaren, allwissenden, fürsorglichen Führer und genialen Strategen. Seine Worte waren genau gewählt: Chruschtschow kritisierte die Person, nicht das sozialistische System. Und erwähnte selbstredend nicht seine eigenen Verwicklungen in die Gräueltaten, die er Stalin ankreidete. Ungesagt blieb also, dass Chruschtschow seit 1934 Mitglied des Zentralkomitees war und seit Ende der 1930er-Jahre auch dem Politbüro angehörte – und damit dem engsten Kreis Stalins.  

Der Gigant wird vom Sockel gestoßen

Schweigend folgten die Delegierten den Worten des Parteichefs, mit denen er die Verehrung für den drei Jahre zuvor verstorbenen "Vater der Völker" verdammte. Die Kritik an Stalin und dem Kult um seine Person traf viele der Versammelten wie einen Schock, denn die meisten unter ihnen gehörten zu jener Parteielite, die unter Stalins Herrschaft aufgestiegen war. Doch keiner von ihnen wagte es, Chruschtschow direkt zu kritisieren. Erschüttert verließen die Delegierten den Parteitag. Ihnen war verboten, öffentlich über Chruschtschows Rede zu sprechen. Nur auf geschlossenen Parteiveranstaltungen durfte sie erneut vorgetragen werden. Nur wenige Auserwählte wussten also um den Sprengstoff in Chruschtschows Ausführungen, trotzdem verbreitete sich der Inhalt der Rede erstaunlich schnell. 

Stalin und Chruschtschow 1932 in St. Petersburg
Der Diktator und sein Schüler: Stalin und Chruschtschow bei einem Gespräch 1932 in St. Petersburg. Chruschtschow war lange ein loyaler Gefolgsmann. Deshalb sorgte Stalin dafür, dass er in der Partei aufstieg. Erst nach dessen Tod 1953 kritisierte Chruschtschow seinen langjährigen Fürsprecher 
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Aber was bedeutete diese radikale Umdeutung der Stalin-Jahre? In der Bevölkerung herrschten Sorge und Unsicherheit, wie man nun mit dem Kurswechsel umzugehen habe. Gerüchte über die sensationelle Rede verbreiteten sich von Dorf zu Dorf, durch die ganze UdSSR: Für einige Delegierte sei das Gesagte so traumatisch gewesen, dass sie einen Herzinfarkt erlitten hätten. Es gab Gerüchte über Parteimitglieder, die Selbstmord begangen hätten.

Chruschtschow ließ seinen Worten Taten folgen: Er leitete die "Entstalinisierung" ein, Partei und Staat brachen Schritt für Schritt mit dem Personenkult – ohne allerdings das kommunistische System selbst in Frage zu stellen. Stalin-Monumente wurden abgerissen, seine überdimensionale Porträts abgehängt, die im ganzen Land neben Lenin und Marx an den Wänden der Parteibüros prangten. Es begann eine kurze Phase der Liberalisierung: Chruschtschow lockerte die Zensurpolitik. Tausende politischer Gefangenen wurden freigelassen, und Tausende weitere, die während Stalins Herrschaft ums Leben gekommen waren, wurden offiziell "rehabilitiert". Sogar dem feindlichen Westen öffnete sich Chruschtschow teilweise, weshalb seine Amtszeit auch "Tauwetterperiode" genannt wird. 

Eine "Jauchegrube ekelerregender Beschuldigungen"

Der Westen erfuhr über seine Geheimdienste schnell vom Inhalt der Geheimrede. Anfang Juni wurde eine englische Übersetzung gleichzeitig vom Außenministerium der USA und der "New York Times" veröffentlicht. Wenig später kursierte die Rede auch in russischer Sprache weltweit in den Medien. Öffentlich schwiegen die Sowjetbürger über Chruschtschows Geheimrede, auch wenn ihre zentralen Punkte nun den meisten bekannt waren. Offiziell wurde ihr Text erst nach 1989 in der Sowjetunion veröffentlicht.

Die Kritik an der Stalin-Herrschaft wurde in den sozialistischen Bruderstaaten unterschiedlich aufgenommen: Einige fügten sich mehr oder weniger widerstandslos dem Kurswechsel aus Moskau. In der DDR setzte SED-Chef Walter Ulbricht setzte die Entstalinisierung eher zögerlich um. Der Kult um Stalin wurde zwar abgeschwächt, aber verdammt wurde Stalin in der DDR nie. Die Regierenden der Bruderstaaten erkannten in Chruschtschows neuer Leitlinie auch eine Gefahr. Mehr Kritik und Debatten zuzulassen, bedeutete auch, ihre sozialistische Herrschaft zu destabilisieren. 

In der Volksrepublik Albanien hielt Parteiführer Enver Hoxha am Kult um Stalin fest, Chruschtschows Geheimrede nannte er eine "Jauchegrube ekelerregender Beschuldigungen". Auch wenn Mao einiges der Kritik an Stalin teilte, distanzierte sich die chinesische Regierung damals von dem "Irrweg", den die Sowjetunion eingeschlagen habe. Es kam zu einem Zerwürfnis, Jahrzehnte chinesisch-sowjetischer Spannungen folgten. 

Doch keine Kehrtwende: Rückkehr zum Stalinismus?

In Polen und auch in Ungarn befeuerte die Rede bereits existierende Oppositionsbewegungen: Im polnischen Posen protestierten Hunderttausende im Juni 1956 gegen die Parteiführung. Die Armee zerschlug damals den Aufstand, dutzende Menschen starben, Hunderte wurden verletzt. Im Herbst 1956 demonstrierten erst zwanzigtausend Studenten in Budapest gegen die Regierung des Parteichefs Mátyás Rákosi, "Stalins bestem Schüler". Als sich die Protestwelle ausbreitete, eröffneten sowjetische Panzer das Feuer auf die mittlerweile Hunderttausenden Demonstranten. Binnen weniger Tage wurde der ungarische Volksaufstand blutig niedergeschlagen. 

Den Proteste in Polen und Ungarn begegnete Chruschtschow also mit militärischer Gewalt; und griff so auf jene stalinistischen Herrschaftspraktiken zurück, die er wenige Monate zuvor in seiner Geheimrede verurteilt hatte.