Draußen unterwegs Wenn es im Wald nach Maggi riecht, sollten Sie vorsichtig sein

Wildschwein schaut aus dem Unterholz mit aufmerksamen Augen
Bevor man ein Wildschwein erblickt, hat es in der Regel schon lange die Fährte aufgenommen. Am besten verlässt man sich als Wandernde auf einen anderen Sinn: die eigene Nase
© Cavan Images / Getty Images
Ein geheimnisvoller Duft verrät Wildschweine schon, bevor man auf sie trifft. Woher er stammt – und was man beim Erschnuppern beachten sollte

Das Gras war hoch gewachsen in diesem Sommer. Es bedeckte die Elbaue vom Deich bis fast zum Flussufer. Herrlich, dachte ich, wie früher. Und tauchte ab zwischen die ranken Halme, über die ich noch gerade so schauen konnte. Aber nach nur ein paar Schritten nahm ich ihn wahr: den strengen Duft, würzig wie Umami und ein bisschen nach Stall. Noch ein paar Schritte und schon stieß ich auf eine Kuhle aus plattgewalztem Gras. Sogar ein paar einzelne, borstige Haare konnte ich am Boden entdecken. Nicht ein Wildschwein, sondern wahrscheinlich eine ganze Rotte hatte hier vor Kurzem gelagert. Höchste Zeit, umzukehren.

Vor Jahrhunderten teilten wir Mitteleuropäer uns den Wald mit vielen wilden Tieren: Schaurige Wölfe, grimmige Bären und blutrünstige Keiler bevölkern die Märchen und Legenden unserer Lande. Die schlechte Propaganda ist mit schuld daran, dass wir uns heute so sehr vor ihnen fürchten. Und es gibt noch einen Grund: Begegnungen mit Wildtieren sind so selten geworden, dass die meisten Menschen nicht wissen, wie man richtig auf sie reagiert.

Wildschweine sind häufige Weggefährten

Während Bären ganz verschwunden sind und Wölfe nur nach und nach zurückkehren, wandern Wildschweine heute in Horden durch die Landschaft. Ihre Zahl wird auf 1,2 bis 2,2 Millionen Tiere geschätzt – und das, obwohl jedes Jahr Hunderttausende abgeschossen werden. Wie viele es wirklich sind, weiß niemand. Wildschweine sind die Gewinner des Klima- und des Agrarwandels: Sie finden ganzjährig ein gutes Nahrungsangebot, dank wärmerer Temperaturen und Maisfeldern, die in Deutschland auf eine Fläche der Größe Mecklenburg-Vorpommerns angewachsen sind.

Mangel an Begegnungsmöglichkeiten mit wilden Ebern und Sauen herrscht also nicht. Trotzdem sind Attacken auf Menschen so selten, dass kein Bundesland, keine Krankenkasse und kein Verband eine Statistik darüber führt. Das liegt wohl vor allem an der Vermeidungsstrategie der Tiere. Denn die sind äußerst scheu – obwohl sie mit ihrer wuchtigen Körpermasse von bis zu 150 Kilogramm und ihren scharfen Zähnen durchaus die Mittel haben, Feinde mit Gewalt zu vertreiben.

Maggiduft, wo er nicht hingehört

Was kann aber der Mensch tun, um Konfrontationen mit den mächtigen Tieren aus dem Weg zu gehen? Ein Wildschwein früh mit bloßem Auge zu entdecken ist fast aussichtslos: Dafür ist es zu gut getarnt mit seinem melierten Fell in Schwarz, Grau und Braun. Aber zum Glück hat der Mensch noch andere Sinne. Sind Wildschweine nah, können wir sie oft riechen. Ihren Duft beschreiben viele als intensiv, nach Liebstöckel oder Maggi. Auf jeden Fall als einen Geruch, den man so nicht im Wald erwartet.

„Das ist tatsächlich so: Nachts auf Pirsch rieche ich die Wildschweine regelmäßig, bevor ich sie sehe“, sagt Jörg Melzheimer, Jäger und Wildtierbiologe am Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung in Berlin. „Die Nase ist also sehr relevant, wenn man Wildschweine erkennen will.“

Der Geruch hat auch eine Funktion: "Wildschweine sind wirklich spannende Tiere, unter anderem, weil sie sehr intelligent und hochsozial sind", so Melzheimer. "Und wie alle Tiere mit diesen Eigenschaften kommunizieren sie sehr viel, vor allem über Geruch." Dafür besäßen Wildschweine Drüsen, in denen etwa Pyrazine produziert werden. Und diese Stoffe sind dieselben, die bei vielen Lebensmitteln für das Röstaroma sorgen. "Wenn wir Wildschweine riechen und an Maggi denken, ist das also keine zufällige Assoziation", sagt Melzheimer. "Sondern eine ganz richtige."

Noch andere Zeichen deuten auf die Nähe von Wildschweinen hin: aufgewühlter Erdboden, den die Tiere auf Nahrungssuche umwälzen. Geübte erkennen auch ihre Spuren. Und läuft man doch mal einem über den Weg, sollte man sich weder flach auf den Boden legen, noch in Panik geraten und wegrennen. Auch sich groß oder Krach machen sollte man nicht. Sondern sich am besten einfach langsam zurückziehen.