Der damalige Süddeutsche Rundfunk (SDR) war natürlich live mit einer Kamera dabei, als am 5. Februar 1956 ein neuer "Sendemast" fürs Fernsehen eingeweiht wurde. Die bewegten Archivbilder von jenem Tag sind stumm. Sie zeigen Schnee und Autos mit Kennzeichen aus der gesamten BRD auf dem Parkplatz. Und dann staunende Menschen, die sich auf einer Aussichtsplattform sehr weit oben bewegen, Tische mit weißen Decken im Restaurant, ebenfalls in luftiger Höhe. Zigarren rauchende Herren und Bierflaschen.
Es ahnte damals wohl kaum jemand, aber: Dieser "Sendemast" – der Stuttgarter Fernsehturm – sollte Geschichte schreiben. Eigentlich sollte er den Stuttgartern in ihrem Talkessel nur störungsfreien Fernsehempfang ermöglichen. Seine Bauweise allerdings fand Nachahmer. In den Jahren und Jahrzehnten danach bauten Städte in den USA, in China, Russland und Südafrika ihre Fernsehtürme nach dem Stuttgarter Vorbild.
Westdeutschland, Anfang der 1950er-Jahre: eine Zeit des Aufbruchs nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Die Bevölkerung schaute optimistisch in die Zukunft. Das lag nicht zuletzt daran, dass neue Techniken Fortschritt und Moderne versprachen.
Geplant war ein Gittermast wie der Eiffelturm
Dazu gehörte auch das Fernsehen. 1952 war es noch ein Vergnügen für eine Minderheit, wenige Tausende Fernsehapparate gab es in der gesamten Bundesrepublik. Und die bewegten Bilder waren nicht ungetrübt. Windanfällige Sendemasten verursachten häufige Signalschwankungen. Die Zahl der Fernsehgeräte stieg trotzdem rasant, auch in Stuttgart und Umgebung.
Deshalb fasste der SDR den Entschluss, mit einer 200 Meter hohen Antenne für ungestörten Empfang zu sorgen. Spätestens zur Fußball-Weltmeisterschaft 1954 sollte der Sendemast stehen. Gebaut werden sollte wie zu jener Zeit üblich ein Stahlgittermast, ähnlich wie der Eiffelturm in Paris.
Von diesen Plänen hörte der Bauingenieur Fritz Leonhardt. Leonhardt wurde 1909 in Stuttgart geboren. Sein Studium des Bauingenieurwesens an der Technischen Hochschule Stuttgart schloss er im Jahr 1933 ab, genau in dem Jahr, in dem die Nationalsozialisten an die Macht kamen. In dem politisch gleichgeschalteten System begann Leonhardts Karriere.
Diese entfaltete sich in einer Zeit, in der gigantische Brücken und Autobahnen nicht nur technische Meisterleistungen, sondern auch Machtsymbole waren. Fritz Leonhardt rechnete, zeichnete und plante – unter anderem an der monumentalen Rheinbrücke Köln-Rodenkirchen, trat aber als politischer Akteur nicht in Erscheinung. Er war kein Mann der Parolen, sondern ein Mann der Statik.
Ein Gärtner erfand den Stahlbeton
Nach 1945 baute Fritz Leonhardt nahtlos weiter – vor allem und immer wieder: Brücken. Bis er von den Stuttgarter Sendemastplänen hörte. Er dachte wieder an eine Brücke. Nur dieses Mal eben nicht horizontal, sondern vertikal. Der 44-jährige Bauingenieur plante etwas, was es bislang noch nicht gab: einen formschön gestalteten Turm, der mit Gastronomie und einer Aussichtsplattform öffentlich zugänglich sein sollte. Der Turm auf der Stuttgarter Anhöhe Hoher Bopser sollte, so Leonhardt selbst, "nicht als notwendiges technisches Übel, sondern als Gewinn für das Stadtbild und als markantes Sinnbild der Sendetechnik und der Ingenieurkunst" gelten.
Der Ingenieur wollte für den Bau eine Technik nutzen, die noch relativ unerprobt und bis dahin vor allem bei Brücken zum Einsatz gekommen war: Stahl- beziehungsweise Spannbeton. 1867 hatte der Pariser Gärtner Joseph Monier entdeckt, dass seine Pflanzenkübel haltbarer wurden, wenn er sie aus Beton mit eingebetteten Eisenstäben goss. Wie die Adern eines Blattes dem Pflanzenteil mehr Stabilität verleihen, so auch ein Stahlgitter im Beton einer Platte oder einer Röhre. So entstand der Stahlbeton. Später entwickelten andere Ingenieure die Technik, die Stahlseile zusätzlich zu spannen: den Spannbeton.
Auch Fritz Leonhardt nahm sich ein Beispiel an der Natur und setzte auf die neue Technik. Bei der schlanken Form des Turms dachte er an Bambusröhren, im Beton des Fundaments spannte er Stahlseile wie bei den Wurzeln eines Baumes. Mit diesen Plänen überzeugte er schließlich die Verantwortlichen beim Süddeutschen Rundfunk.
Am 10. Juni 1954 begannen die Bauarbeiten. Und nach nur 20 Monaten – am 5. Februar 1956 – stand der Turm. Zwar nach der Fußball-WM, auch nach der Krönung der englischen Königin Elisabeth II., aber von nun an sendete er. Und was selbst einige Fachleute vorher nicht geglaubt hatten: Der dünne Turm blieb stehen. Bis heute schwankt er selbst bei einem heftigen Sturm gerade mal um 30 Zentimeter, die Antenne an der Spitze schafft 1,50 Meter.
Der Fernsehturm sendet kein TV-Signal mehr
Es war Fritz Leonhardts internationaler Durchbruch. Der Stuttgarter Fernsehturm wurde Wegweiser für eine weltweite Turmbauwelle. Der Europaturm in Frankfurt am Main, die Space Needle in Seattle, der Sentech Tower in Johannesburg – überall auf der Welt entstanden in den Folgejahren Türme nach dem Stuttgarter Vorbild. Fritz Leonhardt selbst soll bei einem Beratungsbesuch in Moskau die Bauherren des Fernsehturms Ostankino davon überzeugt haben, ihren Turm auf zehn, statt auf drei Fundamentfüße zu stellen.
All diese Türme nutzen Stahlbeton. Und sie waren nicht nur funktional, sie integrierten eine Aussichtsplattform, ein Café. Sie durften sichtbar sein und wurden zu Symbolen ihrer Städte. Diese Idee prägt Skylines bis heute.
Auch der Stuttgarter Fernsehturm ist längst zu einem Wahrzeichen geworden. Seit einer Antennenverlängerung sieben Jahre nach dem Bau ist er 217 Meter hoch. Er steht unter Denkmalschutz und wird vom Südwestrundfunk betrieben.
Doch die Ära der Fernsehtürme neigt sich dem Ende zu. Satellitentechnik und Kabelnetze machen sie zunehmend überflüssig. Der Stuttgarter Fernsehturm sendet noch Radiosignale, 5G-Mobilfunk und beherbergt Funkanlagen für Polizei und Feuerwehr. Nur zum Fernsehen braucht man ihn nicht mehr.
Der Wunsch Fritz Leonhardts ging dennoch in Erfüllung. Am Tag der Eröffnung schrieb er in einem Artikel in der "Stuttgarter Zeitung": "Am Tage der Einweihung habe ich den Wunsch, dass dieses Bauwerk meinen Landsleuten immer mehr gefallen möge, dass möglichst viele aus nah und fern den prachtvollen Ausblick auf unser schwäbisches Heimatland von dort oben genießen mögen und dass die Stuttgarter dann langsam stolz werden auf ihren Fernsehturm."