Archäologie In Deutschland könnten bald Fachkräfte für Ausgrabungen fehlen

Eberhard Völker, Projektleiter der Grabung Molkenmarkt, schaut sich bei den Ausgrabungsarbeiten am Molkenmarkt ein Fundstück in einer mittelalterlichen Latrine an.
Eberhard Völker, Projektleiter der Grabung Molkenmarkt, schaut sich bei den Ausgrabungsarbeiten am Molkenmarkt ein Fundstück in einer mittelalterlichen Latrine an.
© Britta Pedersen / picture alliance
Der einzigartige Studiengang für Grabungstechnik in Berlin soll gestrichen werden. Experten warnen: Ohne Nachwuchs fehlen bald Fachkräfte

Egal ob Autobahn, Stromtrasse oder Neubaugebiet: In Deutschland wird fast jedes größere Bauprojekt archäologisch begleitet. Genau dort könnten künftig die Spezialistinnen und Spezialisten fehlen, denn der Studiengang für Konservierung, Restaurierung und Grabungstechnik an der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) Berlin soll auslaufen.

Der Deutsche Archäologen-Verband (DARV) ist damit gar nicht einverstanden. "Wenn der Studiengang wegfallen würde, hätte man kaum noch ausgebildete Grabungstechniker", warnt der DARV-Vorsitzende, Stefan Feuser. In Deutschland gebe es zwar Studiengänge mit ähnlicher Ausrichtung. Der HTW-Studiengang sei in seiner Form aber einzigartig, weil dort nicht nur Wissen vermittelt, sondern auch praktisch ausgebildet werde.

Mangel beträfe auch große Infrastrukturprojekte

"Pro Jahr würden zehn, 15, 20 ausgebildete Grabungstechniker und Grabungstechnikerinnen fehlen, die gebraucht werden, um große Infrastruktur-Bauprojekte durchführen zu können", sagte Feuser, Professor für Klassische Archäologie an der Universität Bonn.

Grund für das geplante Ende des Studiengangs, der als Bachelor und Master angeboten wird, sind Sparmaßnahmen. Ab Oktober 2026 sollen im Bachelorstudiengang keine Studienanfänger mehr aufgenommen werden. Im Master sollen ab April 2030 keine Erstsemester mehr starten. Alle aktuell eingeschriebenen Studierenden könnten ihr Studium regulär abschließen.

HTW-Präsidentin bedauert geplantes Ende

Der zuständige Fachbereich an der HTW will einen entsprechenden Antrag an den Akademischen Senat der Hochschule stellen, der im neuen Jahr darüber beschließen wird, wie es in einer Mitteilung heißt. Im Anschluss muss die zuständige Senatsverwaltung zustimmen.

"Ich bedaure sehr, dass wir als eine der wenigen wachsenden Hochschulen dieses Landes gezwungen werden, über den Abbau von Studienplätzen und sogar das Auslaufen einzelner Fächer zu diskutieren", sagte HTW-Präsidentin Annabella Rauscher-Scheibe. Alle fünf Fachbereiche der HTW müssten "massive Kürzungen" vornehmen.

Wieso werden die Grabungstechniker so dringend benötigt? "In Deutschland muss bei jedem Bauprojekt vorher überprüft werden, ob archäologische Bodendenkmäler gefährdet sind", erklärt DARV-Vorsitzender Feuser. "Das heißt, alle großen Infrastrukturmaßnahmen, die wir haben, Stromtrassen, Leitungen, die durch halb Deutschland gehen, Autobahnen, Neubauten, die werden archäologisch begleitet." Die freie Wirtschaft sei ein großer Arbeitgeber in der Archäologie und suche händeringend nach Nachwuchs. Selbstverständlich würde auch für die Forschung Grabungstechniker gebraucht, der Bereich sei aber kleiner.

Wie häufig gibt es überhaupt noch neue Funde? 

Es sei bei Weitem noch nicht alles entdeckt, was im Boden schlummere, so Feuser. Auch heute noch werde bei den Grabungen sehr häufig etwas gefunden. "Seit der Jungsteinzeit, etwa seit 6.000 bis 5.000 vor Christus, haben wir in Deutschland in unterschiedlichen Regionen eine durchaus dichte Besiedlung. Das sind häufig auch die Regionen, in denen wir auch heute siedeln."

In den vergangenen Jahren hat ein Grabungstechnik-Team auf einer großen Baustelle am Berliner Molkenmarkt im Bezirk Mitte schon rund 700.000 Funde gemacht. Entdeckt und geborgen wurde unter anderem ein Münzschatz. Die mittelalterlichen Denare stammen aus dem 13. Jahrhundert, wie das Landesdenkmalamt mitteilte. Auf dem Areal vor dem Roten Rathaus soll ein neues Quartier mit Wohnungen entstehen.

In Berlin wird praktisch jedes größere Bauprojekt – Neubaugebieten ebenso wie Infrastrukturmaßnahmen – systematisch archäologisch begleitet, sodass regelmäßig neue Funde durch Grabungstechniker auf Baustellen hinzukommen.

Mia Bucher