Im Konzertsaal räuspert sich jemand im Auditorium. In der Stille des Zimmers ticken die Zeiger der Uhr, tick, tick, tick. Das Stück Kreide quietscht auf der altmodischen Tafel. Jedes Mal, wenn die Kreide am Ende der Zeile absetzt, ist es von Neuem zu hören. In der Kantine schlürft ein Gast, der seine Suppe löffelt. Über der heißen Brühe läuft die Nase, er beginnt auch noch zu schniefen. Geräusche sind allgegenwärtig. Manche können uns im Alltag beglücken und beflügeln, wenn etwa eine Vogelstimme überraschend zu hören ist, andere, wie die genannten, stören eher oder bilden ein permanentes neutrales akustisches Hintergrundrauschen.
Einige Menschen überhören sie im besten Fall, andere sind empfindlich. Doch für eine kleine Gruppe werden die Geräusche unerträglich. Sie zeigen sich unfähig und unflexibel, von ihnen abzusehen und ihre Aufmerksamkeit wieder von ihnen wegzulenken, ja sie hyperfokussieren und beißen sich am störenden Geräusch fest. Oft beginnen sie, über das Geräusch auch noch zu grübeln.
Daraufhin springt nach Erkenntnissen der Psychologie das autonome Nervensystem mit bewährten "Fight oder Flight"-Reaktionen an: In solchen Menschen steigen Wut, Ekel, Gereiztheit, Stress, Angst oder Panik auf. Sie würden am liebsten flüchten oder ausrasten, wenn Knöchel knacken, ein vernehmliches Kauen zu hören ist, es nebenan schnarcht oder sich der Nebenmensch schnäuzt. Fachleute sprechen in diesem extremen Fall von Misophonie, der Intoleranz gegenüber bestimmten Geräuschen und Reizen.
Im Gegensatz zur Überempfindlichkeit wird diese von Psychologen zunehmend als Problem der Emotionsregulation betrachtet. Zu diesem Schluss kommt in einer aktuellen Publikation ein Team um die Psychologin Vivien Black. Das Team wollte wissen, ob affektive Flexibilität beim Switchen zwischen Aufgaben und auch die entsprechende kognitive Flexibilität (seine Aufmerksamkeit etwa von unwichtigen Reizen zügig wieder zu lösen) die Symptomstärke der Misophonie beeinflussen.
Es fand heraus, dass Menschen mit Misophonie sowohl unter kognitiv-emotionalen Regulationsdefiziten leiden als auch dazu neigen, verstärkt zu grübeln. Dem Team gelang es zu zeigen, dass die Inflexibilität ebenfalls mit "Rumination" in enger Verbindung steht, also der Neigung, negative Gedanken wiederzukäuen und in Schleifen zu begrübeln. Rumination gilt in der Psychologie generell als ein transdiagnostischer Faktor, der andere Störungen aufrechterhält und befeuert.
Wie gut können Betroffene zwischen Aufgaben switchen?
Wie kamen die Studienautoren zu ihren Ergebnissen? An der Studie nahmen 140 Personen teil. Als zentrale Aufgabe absolvierten sie einen Test, den "Memory and Affective Flexibility Task" (MAFT). Dabei handelt es sich um einen neu entwickelten Test, der misst, wie gut Menschen zwischen emotional aufgeladenen Aufgaben zu wechseln vermögen. Sie sahen auf dem Computer etwa verschiedene Bilder, die sie hinsichtlich der Emotionalität, aber auch anderen Fragestellungen bewerten sollten. Dabei mussten die Probanden schnell zwischen Aufgaben springen, und Präzision und Schnelligkeit ihrer Reaktion wurde gemessen. Anschließend füllten die Misophonen mehrere Selbstberichtfragebögen aus. Die Forschenden griffen darauf zu, um eine Kombination aus verhaltensmessenden und selbstberichteten Daten auszuwerten.
Schließlich interessierte sich das Team für Korrelationen, um die Symptomschwere, die ermittelten Flexibilitätswerte und das Ausmaß des Grübelns in ihrer Beziehung zueinander zu analysieren: Je stärker die Misophonie ausgeprägt war, umso schlechtere affektive Switch-Genauigkeit zeigten die Betroffenen im Test – sie machten also mehr Fehler beim Springen zwischen emotionalen Aufgaben. Ihre Reaktionszeit allerdings litt nicht, ein Hinweis, dass nicht die kognitive Geschwindigkeit tangiert ist, sondern das Vermögen zum emotionalen Umschalten gestört ist und entsprechende affektive Wechselschwierigkeiten vorliegen.
In den Fragebögen zeigten Misophonie-Betroffene auch eine deutlich höhere gedankliche Starrheit. Sie neigten zu Rigidität und Inflexibilität – ein Befund, der aus Sicht der Forschenden die Ergebnisse früherer Arbeiten zur Misophonie untermauert.
Eine Studie aus dem Jahr 2021 hatte erstmals einen Zusammenhang zwischen Misophonie sowie selbstberichteter kognitiver Inflexibilität und erhöhter Aufmerksamkeit für Details gefunden. Kognitive Flexibilität ermöglicht generell den Wechsel zwischen mentalen Prozessen und erlaubt, einem Kontext angemessen zu reagieren. Sie spielt bei vielen neuropsychologischen Krankheitsbildern eine Rolle. Misophonie überlappt sich daher und tritt auch oft gemeinsam mit den Krankheitsbildern von ADHS, Zwangsstörungen und Autismus-Spektrum-Störung auf.
Auch bei Rumination zeigte sich ein Bezug zur Misophonie. In Mediationsanalysen (diese ergründen, wie und warum ein Faktor einen anderen beeinflusst) fanden die Forschenden, dass Rumination bis zu 43 Prozent die Beziehung zwischen kognitiver Inflexibilität und Misophonie-Schweregrad beeinflusst. Das bedeutet: Rigide denkende Personen erleben wohl teilweise auch deshalb stärkere Misophonie-Symptome, weil sie auch mehr grübeln. Umgekehrt legten die Flexibleren auch eine geringere Grübelneigung an den Tag.
Studie liefert einzigartiges Profil der Misophonie
Zusammengefasst liefert die Studie mit ihren Ergebnissen ein bisher einzigartiges Profil der Misophonie, das dazu beitragen kann, ihr den Wert einer Regulationsstörung zu attestieren. Bisher war die diagnostische Verortung nämlich ein Problem. Misophonie fand sich daher bis 2022 nicht in den Diagnosehandbüchern.
Das Team um Vivien Black konnte methodisch aufwendig zeigen, das Misophonie von Rigidität auf affektiv-psychologischer Ebene und auch kognitiver Inflexibilität und Grübelei begleitet und befeuert wird. Die phänomenologische Feinbeschreibung hilft, auch eine bessere Therapie abzuleiten.
Denn Menschen, die an einer echten Misophonie und nicht bloß an einer Geräusch-Überempfindlichkeit leiden, sind im Alltag beeinträchtigt und können durch aufkommende Wut, Gereiztheit und Ekel oftmals schlecht auf Alltagsanforderungen im Beruf und Privatleben reagieren. Der Studie zufolge lohnt es sich also, tiefer anzusetzen: bei Emotionsreguation und Flexibilität.
Hier könnten Interventionen aus der Kognitiven Verhaltenstherapie die Symptome lindern, bei denen Erkrankte dem Trigger gezielt ausgesetzt werden. Das Verfahren hilft erfolgreich bei Zwängen und Phobien. Aber auch effektive Techniken aus dem Bereich der Achtsamkeit können helfen, sich aus ankündigenden Grübelschleifen frühzeitig zu verabschieden. Und auch das flexiblere Umschalten lässt sich auf Verhaltensebene kognitiv neu erlernen: indem Betroffene besonnen von einer Geräuschkulisse wieder wegblenden und ihre Aufmerksamkeit selber lenken.